„Für die Analyse der Angst sind wir nicht ganz unvorbereitet.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit §40
Zu Heinz Budes soziologischer Gardinenpredigt Gesellschaft der Angst (Hamburg, 2014)
Die soziologische Durchhaltekost für den exquisiten Geschmack hat auch im Spätkapitalismus bessere Tage gesehen, soviel steht nach der Lektüre der Powerpointproduktion „Gesellschaft der Angst“, die ihr Autor aus unerfindlichen Gründen als Buch ausgibt, fest.
Nach dem vorangestellten Eliot-Motto (’I will show you fear in a handful of dust.’) geht’s rasch bergab: „Ein wichtiger Erfahrungsbegriff der heutigen Gesellschaft ist der Begriff der Angst.“ (S.10. Wir zitieren aus der Lizenzausgabe Bonn, 2015)
In elf nachfolgenden Kapiteln bügelt der Makrosoziologe dann die Tischdecken der Ängste glatt, um am Ende die eiserne Ration als Gegengift zu präsentieren: Lachen und Beten.
Dabei bedient er sich einer Diktion, die ihn unschwer als Gauckianer, als Schüler des Weltweisen und Bundespräsidenten Joachim Gauck, erkennbar macht.
„Das Zeitalter der Angst / Ein barockes Hirtengedicht“ hatte schon W. H. Auden berühmt gemacht. Gottfried Benn notierte im Vorwort zur deutschen Ausgabe: „Man denkt manchmal, der Deutsche hat eine ganz besondere Neigung, sich die tatsächliche Lage des Menschen von heute zu verschleiern ...
.., sie (sc. die Deutschen) sind in ihrer Prosa durch die Entwicklungsromane, die Sucherromane, die Ehe- und Innerlichkeitsepopoen etwas niedergehalten, und in der Lyrik durch Andichtungen und Stimmungsbilder,...“
In der Sozialwissenschaft durch Binsenweisheiten.
Bude hält solche en gros feil.
Auf Seite 113 seines sozialdemokratischen Energeticums etwa fragt sich der Mann „Was repräsentiert das Geld?“ Und der darob konsternierte Leser muss sich fragen, warum denn der Bude in dieser Frage Marx, Sohn-Rethel, Backhaus e tutti quanti bloß unterschlägt? Ein eklatanter Fall von wissenschaftlichem Gehörverstoß.
Vom Beamtenpöbel, der mit der allgemeinen Angstverwaltung (in der Rechts- und Bildungssphäre, in Bürokratie und Politik usw.) befasst ist, schweigt Bude ebenfalls gleich ganz beredt.
Auf Seite 115 verliert Budes Elaborat gänzlich die Fassung, wäre es kein Text, sondern zum Beispiel ein Motor, käme es zur Selbstentzündung. Bude meint, nicht die Gier o.ä. sei verantwortlich für die Finanzkrise, sondern der „systemische Charakter der kapitalistischen Geldwirtschaft“. Budes Sinn für Camouflage in allen Ehren, aber dass der kapitalistische Charakter der kapitalistischen Geldwirtschaft für immer neue Krisen Sorge trägt, hat sich bis zum Vatikan herumgesprochen. Und ebenso, dass kapitalistische Krisenbewältigung selten zu erwünschten Resultaten oder gar zu den Inseln der Seligen führt.
Zwei der größten Menschenfeinde,
Furcht und Hoffnung, angekettet,
Halt ich ab von der Gemeinde;
Platz gemacht! Ihr seid gerettet.
Faust II, 1
Ohne eine Ergebenheitsadresse an den bundesrepublikanischen Integrationsdiskurs kommt eine populärwissenschaftliche Darstellung zu Gesellschaftsphänomenen heute nicht mehr aus und so phantasiert sich Bude gleich in einen Kopf mit Migrationshintergrund: „Warum soll ich Verständnis für die Ängste irre gewordener Deutscher haben? Mit welchem Recht wird mir die Erwartung entgegengebracht, dass ich den ersten Schritt zur Verständigung in einer schwierigen Situation tue? Wann ist für uns die Phase der Rechtfertigungen vorbei?“ (S.141) Unwillkürlich überkommt einem beim Lesen solchen Zeugs der Verdacht, man habe dergleichen Fragen schon einmal, nur aus anderen Kloaken, gehört.
Unmittelbar danach versteigt sich Bude zur weltgeschichtliche Betrachtung in der Art, dass er allen Ernstes 9/11 in den Vereinigten Staaten mit den NSU-Morden in Deutschland parallelisiert.
„Was kann ich dafür, dass ich wie ein ernst blickender Araber, der sich die Treue zum Leiden seines Volkes geschworen hat, aussehe?“ Fragt Bude, unschuldiger als die verfolgte Unschuld sich gerierend, auf Seite 139.
Mit Ludwig Tieck wäre ihm zu antworten „Freilich ist man jetzt so aufgeklärt, dass man gar keinen Unterschied unter den Religionsparteien macht; man fängt selbst an, die Juden nicht mehr für eine andere Art von Menschen zu halten; ... man schätzt jede andere Religion mehr als die, zu welcher sich unsere Eltern bekenn...“ (L.Tieck, Peter Lebrecht / EineGeschichte ohne Abenteuerlichkeiten)
Budes anbiederndes gender-maingestreame (z. Bsp. S.124) wirkt gegen all das fast erholsam und gehört wohl längst zur Etikette auch unprätentiösen Akademikertums.
Die Angstforschung ist über ein Buch und ein Fazit reicher: Bude hat aus einer halbtoten Mücke einen toten Elefanten gemacht.
Wir indessen erinnern aus gegebenem Anlass an die „Starnberger Gespräche“ des Jahres 1964 - „Aspekte der Angst“ war ihr Thema - und verweisen für Interessierte auf den einschlägigen Reader:
Hoimar von Ditfurth (Hrsg.): Aspekte der Angst. Stuttgart, 1965
Ralf Frodermann März 2015