Die Sonja und Christian Dierks - Show
Das Componieren ist eine Arbeit des Geistes in geistfähigem Material.
Eduard Hanslick, Vom Musikalisch-Schönen: ein Beitrag zur Revision der Ästhetik der Tonkunst.
Leipzig, 1865 S.49
Das musikschriftstellernde Gewäsch, spezifischer Ausdruck der völligen Beziehungslosigkeit eines Autors zu seinem Objekt, findet sich exemplarisch in einem - Christian Dierks zugeeigneten - Beitrag von Sonja Dierks über die britische Apokalyptikerin Amy Winehouse: Die Amy Winehouse Show (Musik & Ästhetik 16 (62) 2012).
Die Winehouse wurde, nachdem sie von ihren kulturindustriellen Zuhältern, die offenbar ihre Opferbereitschaft überschätzt hatten, massakriert worden war, schnell zur Projektionsfläche einer mitfühlenden Journaille. Diese informierte ihre Leserschaft wie Unfallgaffer ihre Whats-App Gruppe: über "die langen, schwarz gelockten Haare, die bis zur Taille reichen, die groß geschminkten, dunklen Augen, das knappe, schulterfreie Minikleid, der Goldschmuck und die Pumps mit Leopardenmuster" (S.74).
Könnte ich noch andere Luft schmecken als die des Gefängnisses? Das ist die große Frage oder vielmehr, sie wäre es, wenn ich noch Aussicht auf Entlassung hätte. (Kafka, Der Schlag ans Hoftor)
Es gab so wenig eine Amy Winehouse Show wie es eine Anita O`Day Show oder eine Sarah Vaugahn Show, eine Maria Callas - oder Renata Tebaldi Show gab: die Verwundbarkeit kennt die Show nicht.
Da auch das Kritisieren eine Arbeit des Geistes in kritikfähigem Material ist, Frau Dierks' Palaver aber substanzlos bleibt, musste die wohlmeinende Denunziation an die Stelle harscher Kritik treten.
Ralf Frodermann September 2016