Hexen, Kitsune und Yamaubas


Vorstellungen von weiblicher Hexerei in verschiedenen Kulturen sind laut Anthropologen, einheitlich.

In allen Teilen der Welt wird von Hexen gesprochen. Trotz kultureller Unterschiede ähneln sich die Vorstellungen von weiblicher Hexerei erstaunlich. Im Westen gilt eine Hexe als Dienerin dunkler Mächte; in Asien ist sie ein ambivalenter Geist, der sowohl Glück bringen als auch Schicksale zerstören kann.

Doch was haben die europäische Hexe, der japanische Kitsune und der heimtückische Yamauba gemeinsam? Warum werden Frauen so oft zum Symbol für Magie und geheimes Wissen?

Der Hauptunterschied zu Westeuropa läßt sich mit Sicherheit in einem Punkt festhalten: Andere Länder, darunter einige im Osten, kannten keine Hexenverfolgungen und Hexenprozesse.

Die Frau ist die Hüterin der Geheimnisse der Natur

In vielen Kulturen wurde Frauen der Einfluß auf Leben und Tod, Heilung und Krankheit, Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit zugeschrieben. Ihre Rollen – Hebamme, Kräuterkundige, Hausfrau und Krankenschwester – waren eng mit der Natur und dem menschlichen Körper verbunden. Sie wußten, welche Pflanzen heilten und welche töteten; wie man die Geburt erleichterte und Leidenschaft entfachte; wie man einen Trunk braute, der Liebe oder Haß hervorrief. Dieses Wissen flößte gleichermaßen Respekt und Furcht ein.

In Europa führte dies dazu, daß Hexerei mit Vorstellungen von Ketzerei und Satanismus verknüpft wurde: Die vermeintliche „geheime Macht“ der Frauen wurde als Bedrohung für die Gesellschaft neu interpretiert.
Und wer nicht der Meinung der katholischen Kirche vertrat, wurde hart bestraft. Auch in Indien und Afrika galten Hexen traditionell als gefährliche Gestalten – oft nicht aufgrund ihrer tatsächlichen Taten, sondern allein wegen ihres ungewöhnlichen Wissens.

Orgiastische Rituale und religiöse Ekstase

Ein weiterer Grund für die Dämonisierung europäischer Hexen waren Erzählungen von orgiastischen Zusammenkünften – den Hexensabbaten. Obwohl moderne Historiker sie als eine Mischung aus Legende und Furcht betrachten, erinnert ihre Bildsprache deutlich an die Rituale anderer Kulturen. Tantrischer Buddhismus, dionysische Mysterien und schamanische Praktiken beinhalten Elemente der Freisetzung sexueller Energie zur Erreichung spiritueller Ekstase. Wo Europa Sünde sah, erkannten andere Traditionen einen Weg zur Erleuchtung.

Diese Parallele verbindet europäische Hexen und östliche Geister: In der westlichen wie in der östlichen Mythologie wird Magie oft mit Körperlichkeit, verändertem Bewußtsein und dem Übergang in die andere Welt in Verbindung gebracht.

Europäische Hexen: Dienerinnen der Dunkelheit oder Trägerin uralten Wissens?

Das Bild der europäischen Hexe entstand aus dem Zusammenwirken von Angst, religiösen Tabus und Folklore. Und es entwickelte sich im Laufe der Zeit weiter. So unterschied das germanische Recht im sechsten und siebten Jahrhundert die Strigen von den Lamien, uralten nächtlichen Blutsaugern, von den Übeltätern und von Kräuterkundigen. Doch allmählich wandelte sich die Hexe, die im Althochdeutschen als Hagazussa bezeichnet wurde, zur Lamia.

Die Hexe wurde zur Besitzerin verbotener Kräfte, schließt Pakte mit dem Teufel oder niederen Dämonen; weiß, wie man Zaubersprüche und Flüche ausspricht; verursacht Schaden für Menschen, Nutztiere und Nutzpflanzen; versammelt sich zu Sabbaten, an denen sie unheilige Rituale vollzieht.

Im Mittelalter und in der Renaissance galten solche Frauen als Feinde der Gesellschaft. Man machte sie für Kindersterben, Krankheiten, Dürren und Missernten verantwortlich. Doch diese Ängste basierten nicht allein auf religiösen Dogmen – die europäische Hexe trug oft noch Züge der alten Zauberin, der Hüterin vorchristlicher Magie.

Eine kuriose Tatsache: Obwohl der Dominikanische Autor einer so kultträchtigen Abhandlung über Dämonologie wie dem „Malleus maleficarum“ kein Wort über das „Siegel des Teufels“ oder das Hexenmal verlor, wurde dies in den folgenden zwei Jahrhunderten ständig in Hexenprozessen diskutiert.

Tatsächlich schreibt der „Hexenhammer“ vor, Hexen zu entkleiden und zu rasieren, nicht um irgendwelche Zeichen oder Spuren zu entdecken, sondern um nach versteckten Amuletten und Talismanen zu suchen.

Es war eine Mischung aus religiösem Gehorsam, gekränkter Eitelkeit und Haß vor weisen Frauen, sozialer Druck, Angst vor Unglück, Sündenbock-Suche, ökonomische Motive und politischer Macht, die in Europa leider erst im 18. Jh. beendet wurde.