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Geistlicher Missbrauch: Priester und ihre Macht

Die Skandale um sexuellen Missbrauch beuteln die römisch-katholische Kirche seit Jahrzehnten. Es tut sich einiges in Sachen Aufklärung und Prävention. Doch wenigen ist bewusst, dass Missbrauch auch auf geistiger Ebene stattfindet.

Dabei betrifft es wohl viele: die Frau, der ihr Priester rät, in ihrer Ehe mit einem Gewalttäter zu verharren, weil die Kirche es verlange. Das junge Paar, auf das eine Pfarramtsangestellte Druck ausübt - wann werde denn endlich geheiratet? Und schließlich das Beichtkind, dem gesagt wird, es dürfe über „gewisse Dinge“ mit niemandem reden - bis hin zur Androhung der Hölle. Formen geistigen und geistlichen Missbrauchs gibt es viele.

Der steirische Pfarrer und Gerichtsvikar im bischöflichen Ordinariat der Diözese Graz-Seckau, Gerhard Hörting, hat zu diesem Thema ein Symposium organisiert, das Ende November in Graz stattfindet. Er will das Thema wissenschaftlich bearbeiten - „es gibt noch nicht viel Literatur darüber“, wie er im Gespräch mit religion.ORF.at sagte. Die Idee zum Symposium habe große Resonanz, gerade auch im medizinischen Bereich, gefunden. So werden als Vortragende neben Theologinnen und Theologen auch Fachleute aus Psychiatrie, Psychologie und aus dem Strafrecht erwartet.

Initialzündung durch frühere Ordensfrau

Initialzündung für eine Sensibilisierung auf dem Gebiet geistiger/geistlicher Missbrauch war das Gespräch zwischen der früheren Ordensfrau und Buchautorin Doris Wagner und Kardinal Christoph Schönborn im Bayerischen Rundfunk im Februar dieses Jahres. Das viel beachtete Zwiegespräch erschien auch in Buchform. Das und Wagners andere Bücher sind Schlüssel zur Erschließung eines Phänomens, das weiter verbreitet ist, als man vermuten würde.

Das Gespräch zwischen der früheren Ordensfrau Doris Wagner und Kardinal Christoph Schönborn im Februar sorgte für Sensibilisierung

Die frühere Ordensfrau schilderte eindrucksvoll eine Spirale aus innerem und äußerem Druck und spiritueller wie sexueller Gewalt in der Gemeinschaft Das Werk - wie ihr der Kontakt zu ihrer Familie untersagt wurde, wie sie für Putz- und Küchendienste ausgenützt und schließlich belästigt und vergewaltigt wurde. Sie sei „ein Niemand“ gewesen, der seine Bedürfnisse nicht habe äußern dürfen und kein Mitspracherecht gehabt habe.

Priester in Machtposition

Die Sendung habe Unsicherheit ausgelöst, beobachtete der Gerichtsvikar, aber eine, „die positiv ist“ - sie habe unter Seelsorgenden zur Frage geführt: „Wie gehen wir mit der Verantwortung um, die wir in der Menschenführung haben?“ Man müsse auch in der Priesterausbildung diese Verantwortung deutlich machen, sich der „Versuchung“, die jede Machtposition mit sich bringe, bewusst werden. Denn der geistige (oder geistliche) Missbrauch gehe oft anderen Formen des Missbrauchs, etwa dem sexuellen, voraus.

Veranstaltungshinweis

Das Symposium „Geistiger Missbrauch“ wird von der Diözese Graz-Seckau zusammen mit der Medizinischen Universität und der Katholisch-theologischen Fakultät der Universität Graz veranstaltet. Es findet am Freitag, 29. November und Samstag, 30. November 2019 an verschiedenen Standorten der Universität Graz statt.

„Junge Gemeinschaften“, (wie etwa Das Werk, dem Doris Wagner einst angehörte, Anm. d. Red.) sieht er hinsichtlich Missbrauchs allgemein als mehr gefährdet, wegen der „engen Strukturen - und auch der Faszination für jene, die sich ihnen anschließen, weil es mit einer inhaltlichen Radikalität verwechselt wird“. Auch Sekten und manche Freikirchen würden sehr strikt geführt. Doch auch innerhalb der katholischen Kirche komme geistlicher Missbrauch vor.

Eine Kontrolle solcher abgeschlossener Institutionen ist laut Hörting schwierig, wenn sie nur innerhalb des Systems stattfindet - wichtig gegen „blinde Flecken“ findet er etwa Visitationen von Orden durch Angehörige eines anderen Ordens - wie es bei „alten“ Gemeinschaften seit jeher üblich ist.

Versuch eines Kriterienkatalogs

Neben einem grundsätzlichen Problembewusstsein will Hörting „deutlich machen, dass es unterschiedliche Dimensionen und Formen“ geistlichen Missbrauchs gibt. Außerdem erhofft er sich einen ersten Entwurf für eine Kriteriologie: Was ist geistlicher Missbrauch, was ist menschlich inakzeptables Verhalten, was schlicht Borniertheit?

Ein solcher Kriterienkatalog dürfe allerdings auch nicht zu einer „Universalkeule“ werden. Hörting betonte, es gehe nicht darum, die priesterliche Autorität zu untergraben, sondern darum, „das Gegenüber zu befähigen, eine Entscheidung zu treffen“. Gleichzeitig müsse man bei Verfehlungen „mit Maßnahmen und Konsequenzen arbeiten“.

Der steirische Priester und Gerichtsvikar der Diözese Graz-Seckau, Gerhard Hörting

Der steirische Priester und Gerichtsvikar der Diözese Graz-Seckau, Gerhard Hörting

Generell erhoffe er sich „mehr Sensibilität, dass wir vielleicht etwas schneller lernen als damals“ - als die Kirche lernen musste, mit dem Thema des sexuellen Missbrauchs in ihren Institutionen zurechtzukommen. Nötig sei das Bewusstsein, „das kommt auch in unseren Reihen vor - es ist Teil der menschlichen Charakterschwäche, gepaart mit einem vermeintlichen spirituellen Anspruch“.

Widerstand und Erleichterung

Mit Widerstand sei zu rechnen, so Hörting. Er glaubt aber, dass es eher große Erleichterung geben wird. „Es gibt eine ganz große Unsicherheit momentan, was man sagen darf und was nicht.“ Also eine Art „#MeToo“-Moment für die Kirche? Er wisse nicht, wie groß der Widerhall auf das Symposium sein werde, wie viele Betroffene sich melden werden.

Womöglich sei es für Frauen oft schwieriger, sich zu wehren, räumte er ein. „Unser Frauenbild prägt unser gesamtes Denken und Umgehen miteinander - das legt man im Orden auch nicht ab.“ Frauen würden generell stärker Opfer von Missbrauch - ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Da müsse auch die Kirche noch viel lernen.

In der Diözese Graz-Seckau sei man dabei, ein Konzept zu entwickeln, „ähnlich wie bei sexuellem Missbrauch oder Gewalt eine Ombudsstelle einzurichten, wo sich Menschen, die meinen, Opfer eines geistlichen Missbrauchs geworden zu sein, hinwenden können“, so der Gerichtsvikar. Oder auch solche, die fragen wollen: „Ist das noch in Ordnung, was da mein Seelenführer von mir verlangt?“

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Publiziert am 23.11.2019

Papst: Zusammenarbeit der Religionen „dringend“

Die Zeiten seien vorbei, in denen Abschottung zur Lösung von Konflikten dienen konnte, sagte der Papst bei einer Rede vor Vertretern unterschiedlicher Religionen am Freitag in Bangkok. Auf seiner Asienreise plädiert er für mehr Dialog.

Es brauche den Mut zu Begegnung, Dialog und Zusammenarbeit, so der Papst auf seiner Asienreise. Dazu könnten Religionen wie auch Universitäten viel beisteuern, so Franziskus in einer Ansprache vor mehr als 1.500 Zuhörerinnen und Zuhörern in der traditionsreichen Chulalongkorn-Universität. An der Begegnung nahmen neben Vertretern aus Christentum, Buddhismus, Islam, Hinduismus und Sikhismus auch Professorinnen, Professoren, Studentinnen und Studenten von Universitäten aus ganz Thailand teil.

„Die Notwendigkeit der gegenseitigen Anerkennung und Wertschätzung wie auch die Zusammenarbeit unter den Religionen ist für die heutige Menschheit dringender denn je“, betonte der Papst. Die Welt stehe vor komplexen Problemen wie der Globalisierung der Wirtschaft und der Finanzmärkte mit ihren Auswirkungen auf die Entwicklung der Gesellschaften.

Papst Franziskus sprach sich für eine engere Zusammenarbeit zwischen den Religionen aus

Neben raschen Fortschritten, die „scheinbar eine bessere Welt fördern“, gebe es heute Konflikte im Zusammenhang mit Migration, Hungersnöte und kriegerische Konflikte sowie die Umweltzerstörung. Keine Region und keine Gesellschaft könne ihre Zukunft unabhängig von den anderen gestalten, betonte der Papst.

Kultur gemeinsamer Werte aufbauen

Franziskus rief die Religionsgemeinschaften zur Bildung von Foren auf. Zudem sollten sie für die Menschenwürde und für das Recht auf Gewissens- und Religionsfreiheit eintreten. Es gelte, „den vielen Sklavereien ein Ende zu setzen, die in unseren Tagen andauern“, so der Papst, der dazu insbesondere auf die „Geißel des Menschenhandels“ hinwies. Darüber hinaus sei jeder eingeladen, sich am Aufbau einer Kultur zu beteiligen, die auf gemeinsamen Werten ruhe und zu Einheit, Respekt und harmonischem Zusammenleben führen solle.

In seiner Ansprache erinnerte der Papst auch, dass der Namensgeber der Universität, der frühere thailändische König Chulalongkorn, im Jahr 1897 vom damaligen Papst Leo XIII. als erstes nichtchristliches Staatsoberhaupt im Vatikan empfangen wurde. Die Erinnerung an diese Begegnung ermutige dazu, „mit Entschiedenheit“ den Weg des Dialogs und des gegenseitigen Verständnisses zu gehen, so Franziskus.

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