Es ist eine typisch menschliche Situation, die Matthäus im 18. Kapitel seines Evangeliums erzählt: Jesus sitzt mit seinen Jüngern zusammen, man diskutiert. Der eine hatte sich vielleicht über den anderen geärgert oder es gab Streit im weiteren Freundes- oder Verwandtenkreis. Da platzt aus Petrus die Frage heraus: "Herr, wie oft muss ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben?" Und der Jünger Jesu greift nach seiner eigenen Meinung schon hoch, wenn er den Nachsatz noch einfügt: "Genügt es siebenmal?"
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Nein, das genügt nicht. Man sieht Jesus an, dass er nicht einverstanden ist: "Ich sage dir: nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal." Petrus rechnet schnell nach: 490 Mal!? Das schafft doch keiner! Und ihm ist klar: Jesus will eigentlich sagen: "Vergib deinem Bruder und deiner Schwester jedes Mal, wenn sie dich darum bitten."
Jesus weiß, was er da seinem Jünger zumutet. Deshalb erzählt er eine Geschichte. Er vergleicht das Himmelreich mit einem König, der mit seinen Knechten abrechnen will. Es wird ein Knecht vor den König geführt, der schuldet ihm zehntausend Zentner Silber.
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Bevor es in der Geschichte weitergeht, müssen wir kurz die Summe berechnen, um die es hier geht. 20.000 Zentner Silber oder 20.000 Talenten entsprechen ca. 60.000.000 Denare (1 Zentner Silber = 60 Minen; 1 Mine = 100 Denare [vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Ma%C3%9Fe_und_Gewichte_in_der_Bibel#Neutestamentliche_Zeit]). Ein Denar war das normale Tageseinkommen eines Arbeiters (vgl. Mt 20,2). Im Jahr verdiente der damit gut 300 Denare (52 mal muss der Sabbat als Ruhetag von den 7 Wochentagen abgezogen werden). Um die Summe von 60.000.000 Denaren zusammenzubekommen, hätten 200.000 Arbeiter ihr gesamtes Jahresgehalt zusammenlegen müssen. Es darf bezweifelt werden, dass dieser Schuldenstand realistisch gewesen sein könnte. Jesus will nur deutlich machen, wie groß das Entgegenkommen des Königs ist, das er im Folgenden schildert. Denn das ist klar: Eine solche Summe kann nicht zurückgezahlt werden!
Es war damals nicht unüblich, dass in dem Fall, wenn ein Schuldner seine Schulden nicht zurückzahlen konnte, dass er - und auch seine Familie - als Sklaven verkauft werden konnten. So bekam der Gläubiger wenigstens einen Teil des ausstehenden Vermögens zurück. Der Knecht in der Geschichte von Jesus fällt nun seinem König vor die Füße und bittet ihn um Aufschub: "Hab Geduld mit mir; ich will dir's alles bezahlen." Dem König ist klar, dass aus dieser Rückzahlung nichts wird. Trotzdem hat er Mitleid. Er verzichtet auf den Verkauf und erlässt dem Knecht sogar sämtliche Schulden. Das unvorstellbare Glück ist nicht zu übersehen!
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Was dann passiert, ist unfassbar. Dem Knecht, dem gerade die unglaubliche Summe von 60.000.000 Denaren erlassen wurde, der trifft einen Mitknecht, der ihm 100 Denare schuldet. Und dann heißt es in der Bibel: "Er packte und würgte ihn und sprach: Bezahle, was du mir schuldig bist!"
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Schon dieses Verhalten ist völlig inakzeptabel. Doch es kommt noch schlimmer. Der Mitknecht bittet: "Hab Geduld mit mir; ich will dir's bezahlen." Genauso hatte doch der erste Knecht gerade vor seinem Herrn gefleht. Das war aber offensichtlich alles vergessen. Er ging hin und ließ seinen Schuldner für 100 Denare ins Gefängnis werfen, bis er seine Schulden bezahlt hatte.
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Gottlob, so kann man es in diesem Fall tatsächlich sagen, dieser Umgang mit den Nöten eines Menschen bleibt nicht verborgen. Die übrigen Knechte des Königs berichten traurig ihrem Herrn, was geschehen war.
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Der zögert keinen Augenblick und lässt den ersten Knecht vorführen: "Du böser Knecht! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich gebeten hast; hättest du dich da nicht auch erbarmen sollen über deinen Mitknecht, wie ich mich über dich erbarmt habe?" Das Urteil steht sofort fest: Haft, bis alle Schulden bezahlt sind - also lebenslang hinter Gitter ohne die geringste Aussicht, jemals wieder ein freier Mensch zu werden.
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"Habt ihr die Geschichte verstanden", fragt Jesus seine Jünger. "Wie ist das mit dem Verzeihen, Petrus? Siebenmal? Siebzigmal siebenmal? Wie viel schuld vergibt uns Gott täglich?" Und mit ernster Mine fügt Jesus hinzu: "Ganz hart gesagt, Petrus: So wie in der Geschichte wird auch mein himmlischer Vater an euch tun, wenn ihr einander nicht von Herzen vergebt, ein jeder seinem Bruder."
Ralf Krüger - Lizenz (CC BY-SA 3.0)