Das Evangelium vom 13. Sonntag nach Trinitatis gehört zu den bekanntesten Geschichten in der Bibel. Es ist die Geschichte vom barmherzigen Samariter, der einem Überfallenen hilft. Die Geschichte findet man bei Lukas im 10. Kapitel die Verse 25-37. Eingebettet ist die Geschichte in ein Streitgespräch, das Jesus mit einem Schriftgelehrten führte. Solche "Schriftgelehrten" waren Menschen, die sich mit der "Überlieferung und Auslegung der Tora" befassten (vgl. bibelwissenschaft.de), d.h. die die Heilige Schrift der Juden - wir sagen heute: das Alte Testament - kannten und es anderen Menschen erklärten. Manchmal standen diese Schriftgelehrten nahe bei Jesus, manchmal suchten sie die Konfrontation, wie in dieser Geschichte.
Wahrscheinlich kann man sich vorstellen, dass Jesus etliche Menschen um sich geschart hatte, die ihm zuhörten, als er wieder einmal von Gott erzählte. Unter diesen Menschen war auch ein so genannter Schriftgelehrter. Der stand auf und wollte Jesus auf die Probe stellen, ob der denn schlagfertig genug sei, ihm zu antworten.
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Die Frage hörte sich zunächst einmal ganz einfach an: "Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe?" Die Antwort hätte jeder Jude sofort geben können, weil sie im Alten Testament, in der Tora aufgeschrieben war. Weil die Antwort so eindeutig war, ahnte Jesus, dass der Schriftgelehrte noch mehr im Schilde führte und antwortete die gestellte Frage mit einer Gegenfrage: "Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du?" Jetzt ist der Schriftgelehrte an der Reihe mit einer Antwort. Er zitiert zwei Verse aus dem 5. Buch Mose "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt ..." (5. Mose 6,5) und aus dem 3. Buch Mose "... und deinen Nächsten wie dich selbst" (3. Mose 19,18). Diese Antwort hätte jeder fromme Jude so gegeben. Deshalb antwortet Jesus dem Schriftgelehrten auch kurz und knapp: "Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben."
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Jetzt steht der Schriftgelehrte vor den anderen etwas beschämt da. Eigentlich hatte er mit Jesus doch diskutieren wollen, er wollte fragen und Jesus sollte antworten. Der aber hatte den Spieß umgedreht und ihn, den Gelehrten, wie einen Schuljungen vorgeführt. Das wollte er nicht auf sich sitzen lassen. Deshalb schob er noch eine Frage nach: "Wer ist denn mein Nächster?" Jetzt konnte er vortrefflich mit Jesus diskutieren. Waren hier die Juden gemeint? Nur Einheimische oder oder Fremde, vielleicht sogar Heiden oder Römer? Wem sollte man helfen und wen durfte man auch schon mal unbeachtet lassen?
Jesus durchschaute die Absicht des Schriftgelehrten und antwortete deshalb mit einer Erzählung:
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Ein Mensch ging von Jerusalem nach Jericho. Vielleicht hatte er dort geschäftlich zu tun, vielleicht wollte er Verwandte oder Freunde besuchen. Es lagen ungefähr 22 Kilometer Luftlinie zwischen diesen beiden Orten. Das war damals eine übliche Wegstrecke, die man ohne weiteres zu Fuß erledigen konnte.
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Unterwegs wurde der Mann aber von Räuber überfallen. Die zogen ihn aus und schlugen ihn. Mit ihrer Beute machten sie sich dann aus dem Staub und ließen den Menschen halbtot liegen. Er brauchte dringend Hilfe.
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Glücklicherweise kam kurze Zeit später eine Priester, ein frommer Mensch, der im Tempel den Gottesdienst leitete. Der Überfallene konnte ihn gerade noch so erkennen. Der würde helfen! Doch was passierte: Als der Priester den Verletzten sah, ging er einfach weiter, ohne sich um den Mitmenschen zu kümmern.
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Dasselbe passierte kurze Zeit später noch einmal, als ein Levit vorbeikam: auch er ging weiter, als er den Verletzten sah, und kümmerte sich nicht um ihn. Das Unfassbare war, dass auch der Levit seinen Dienst im Tempel tat, dass er Gott ganz nahe sein "und das ewige Legen ererben" wollte, wie es der Schriftgelehrte im Streitgepräch mit Jesus gesagt hatte.
Es kam ein dritter Mensch den Weg entlang. Von dem konnte der Überfallenen wohl nichts erwarten, denn dieser Mensch war ein Samariter. Juden und Samariter hatten nichts miteinander zu tun, sie mochten sich nicht. Die Samariter redeten zwar von Gott und hatten ihren Wurzeln auch im Judentum, aber sie verehrten in den Augen der Juden aus Judäa Gott nicht richtig, weil sie nicht zum Gottesdienst nach Jerusalem kamen. Sie hatten ihr Heiligtum auf dem Berg Garizim.
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Aber dieser Samariter hatte das Herz am richtigen Fleck. Er hielt an, ging zu dem Verletzten, reinigte mit Öl und Wein seine Wunden legte einen Verband an. Dann hob er den Verletzten auf sein Lasttier und brachte ihn zum nächsten Gasthof, wo er auch sonst oft schon Rast und Station gemacht hatte.
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Dort versorgte der Samariter den Überfallenen weiter. Und als er am nächsten Morgen weiterreisen musste, ließ er dem Wirt Geld da, damit der die nötige Pflege veranlassen konnte. Und wenn das Geld nicht reichen sollte, so würde er, der Samariter, den Rest bezahlten, wenn er das nächste Mal wieder da wäre.
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Soweit hatte Jesus seine Geschichte erzählt. Der Schriftgelehrte und die anderen hatten aufmerksam zugehört. Was hatte der Schriftgelehrte vorhin wissen wollen? "Wer ist denn mein Nächster?" Wieder gibt Jesus keine eigene Antwort, sondern er fragt seinerseits den Schriftgelehrten: "Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste gewesen dem, der unter die Räuber gefallen war?"
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Die Antwort war wieder offensichtlich und klar, das wusste auch der Schriftgelehrte: "Der die Barmherzigkeit an ihm tat." - Gibt es noch Fragen? Für Jesus war alles klar: "So geh hin und tu desgleichen!" Frag nicht lange und diskutiere auch nicht: Wo kommst du her? Wer bist du? Warum denn ich? Das können doch auch andere machen. Hilf deinem Nächsten in der Not!
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Ralf Krüger