Liebe geht in die Trafik und fragt die Trafikantin, wo sie Valentin finden kann. Diese schaut sie verständnislos an, runzelt die Stirn und führt sie schließlich zu einem Ständer mit lauter Karten und Billets, auf denen es nur so wimmelt von kitschigen Herzen, roten Rosen und weißen Tauben. Liebe greift der guten Ordnung halber nach einer Karte mit zwei weißen Schwänen, zieht dann jedoch im letzten Moment ihre Hand zurück, seufzt herzzerreißend, bedankt sich bei der Trafikantin für die Mühe und verlässt schnellen Schrittes das Geschäft.
Liebe geht in die Parfümerie und fragt die Angestellte, wo sie Valentin finden kann. Diese wirft ihr einen argwöhnischen Blick zu, schaut sich lange fragend zwischen all den perfekt geputzten Glasvitrinen um, als ob die Antwort irgendwo dort zu finden sein müsste, greift dann verzweifelt nach dem nächstbesten Flakon und sprüht den Duft vor Liebe in die Luft. Ein Hauch von Jasmin mit einer Prise von Veilchen und der ausgefallenen Herznote von Lakritze lässt Liebe entsetzt einen Schritt zurück treten, so dass sie fast mehrere Fläschchen vom Tisch hinter sich wirft, welche die Angestellte gerade noch mit einer kaum unterdrückten Schimpfkanode auffangen kann. Liebe jedoch ringt nach Atem, scheint keine Luft mehr zu bekommen, und läuft panisch aus dem Laden.
Liebe geht in die Blumenhandlung und fragt die Blumenverkäuferin, wo sie Valentin finden kann. Diese starrt sie unverhohlen feindselig an, kaut nachdenklich an ihrer Lippe und breitet zum Schluss ihre Arme so aus, als ob sie die Welt umarmen wollte. Danach zeigt sie auf die langstieligen roten Rosen, die zarten Freesien und auf die stark-duftenden prächtigen Lilien. Schon greift sie nach der Vase mit den grellgelben mannshohen Sonnenblumen. Liebe hält sie mit einer sanften Berührung davon ab und schenkt ihr ein trauriges Lächeln. Sodann verlässt sie mit heruntergezogenen Schultern und einem traurigen Kopfschütteln den Laden. Die Glocke über dem Eingang gibt noch lange danach einen melancholischen Ton von sich.
Liebe geht in die luxuriöse Lingerie in der Innenstadt und fragt die Angestellte, wo sie Valentin finden kann. Diese schaut von oben auf sie herab und flüstert hinter vorgehaltener Hand unverschämt zu ihrer Kollegin: „Die ist wohl vom Land, wie sich die Valentino Dessous leisten können will, weiß der Himmel. Aber bitte, bei uns ist ja der Kunde noch König.“ Nach diesem kleinen unfeinen Monolog führt sie „Madame“, wie sie Liebe nennt, vorbei an exquisiten weißen Porzellanmodepuppen mit unglaublich anmutender Wespentaille, vorbei an schwarzen breitschultrigen Modepuppen männlicher Statur bis hin zu einem Ladentisch, auf dem Damenunterwäsche in jeglicher Form und Farbe in geordnetem Chaos verteilt ist, auf jedem Stück Wäsche ist ein vornehmes Etikett mit VALENTINO (in Großbuchstaben) zu finden. Die Angestellte kommt jedoch nicht dazu, all ihre Modelle anzupreisen: „Was soll es dein sein? Jazzpants, Shorties, Hipster oder eher ein PushUp, ein Bügel-BH, ein trägerloser, eine Corsage oder doch eher Body, Babydoll, Bustier, Chemise, ..“ Liebe entfährt unwillkürlich ein schriller Schrei, und sie stößt die Angestellte fast um, in ihrem unbändigen Verlangen, möglichst rasch vor all diesen Formen von „Fast-Nichts“ zu fliehen.
Liebe geht in die kleine Confiserie ums Eck und fragt den Lehrling dort, wo sie Valentin finden kann. Dieser schaut ihr lange verträumt in die Augen, stellt sich dann auf die Zehenspitzen und bringt seinen Mund ganz nahe an ihr Ohr. „Ich heiße Valentin. Sie wollen sicher zu mir. Kommen Sie bitte mit.“ Und er nimmt sie ganz sacht an der Hand und führt sie bedächtig durch eine massive Eichentür in einen winzigen Raum, wo die süßesten Verlockungen hergestellt werden und wo es himmlisch duftet. Er bittet Liebe, ihre Augen zu schließen und ihren Mund zu öffnen. Dann legt er ihr mit innigster Andacht ein Champagnerherz aus feinster belgischer Schokolade auf die Zunge.
Liebe schließt ganz gemächlich ihren Mund und lässt das zarte Herz behutsam auf der Zunge zergehen. Ein seliges Lächeln huscht über ihre Lippen, ihrer Brust entkommt ein tiefer Stoßseufzer der Erleichterung. Als sie langsam ihre Augen wieder öffnet, hebt er ganz sacht ihr Kinn und drückt ihr einen sanften Kuss auf die noch schokoladebenetzten Lippen. Dann tritt er einen Schritt zurück, nimmt ihre Hand und schaut ihr ganz fest in die Augen. „Ich glaube, deine Suche ist vorbei. Ich will dein Valentin sein. Was meinst du, meine Liebe?“