Es war wieder einmal so weit, der gefürchtete Tag war da. Alle eineinhalb Jahre – zumindest gesetzlich gesehen. Die Hausversammlung! Zu beneiden die Menschen, die noch an keiner teilnehmen mussten. Müssen – ja, was muss der Mensch schon? Sie hätte ja auch nicht hingehen müssen. Wenn ihr nicht immer wieder dieser Satz durch den Kopf gegangen wäre: „Die Titanic sinkt in Panik, ganz allanig“. Sinken würde die Titanic bzw. das Haus mit oder ohne ihr Zutun, aber sie wollte nichts unversucht lassen, um zumindest für genug Rettungsboote zu sorgen.
Noch ein Songtext ging ihr durch den Kopf: „Lass die Leute reden, hör einfach nicht hin, die meisten Leute haben ja gar nichts Böses im Sinn.“ Von ihrer sensiblen Natur aus konnte sie das erste leider nicht und die zweite Zeile wagte sie auch zu bezweifeln: aus Erfahrung. Sie hatte sich jahrelang für die Hausgemeinschaft eingesetzt, aber anstatt Dank hatte sie böses Gerede und sogar Hass zu spüren bekommen. Und sie meinte inzwischen sehr wohl, dass es Leute gab, die es liebten, anderen das Leben schwer zu machen.
„Hast du getan, was sonst keiner tut?“ Ja, idealistischer- und idiotischerweise hatte sie das wirklich. Sie hatte versucht, in der Hausgemeinschaft doch tatsächlich eine Gemeinschaft zu sehen – und das war ihr größter Fehler gewesen. Denn hier im Haus gab es leider fast nur Einzelkämpfer und Egoisten, denen die anderen völlig egal waren.
„Lass die Leute reden, denn wie das immer ist, solange die Leute reden, machen sie nichts Schlimmeres.“
Tja, angefangen hatte es mit Worten. Sie war in ihrer Wohnung ausgeliefert den ständigem Kommen und Gehen der Nachbar- und Innen, die sie von deren Meinung überzeugen und genau die für sie wichtigsten Dinge durchsetzen wollten. Und wenn sie versuchte, eine Lösung für die Gemeinschaft zu finden, wurde ihr sofort vorgeworfen, für andere Partei zu ergreifen.
„Ohne vorher deine Nachbarn um Erlaubnis zu fragen?“ Für alles sollte sie Rede und Antwort stehen und wurde aufgerieben zwischen den netten Hausparteien und der schlampigen und sogar korrupten Hausverwaltung.
„Die Titanic sinkt in Panik – ganz allanig“ dachte sie wieder. Hatte sie sich nicht vorgenommen, nicht mehr den Hauskasperl zu spielen? Hatte sie nicht alle mittels Aushang am schwarzen Brett wissen lassen, dass sie von dem inoffiziellen Amt der Hausombudsfrau zurücktrat und in Zukunft auch nur mehr ihre hocheigenen Interessen vertreten würde? Aber so leicht war das nicht, schließlich war die Wohnung für sie kein Investmentobjekt, keine Finanzanlage wie für einige andere im Haus, denen es egal war, wenn das Haus ein immer schäbigerer und unsicherer Ort wurde. Sie wohnte schließlich in dem Haus und sie konnte und wollte nicht ausziehen.
Und wieder: „Die Titanic sinkt in Panik – ganz allanig“. Aber nur über meine Leiche, dachte sie und trat bewaffnet mit all ihren jahrelangen Unterlagen in den Raum, wo schon die anderen Hausparteien versammelt waren. Lasst die Rettungsboote runter, war ihr letzter Gedanke.
Diese Geschichte gehört dem Genre Montage an und entstand im "Kreativ Schreiben"-Kurs von Nicole Kovanda (s.Links). Es handelt sich hierbei um die Einbindung zweier Liedtexte, und zwar "Hast du etwas getan, was sonst keiner tut" von den Ärzten und "Die Titanic sinkt in Panik ganz allanig" von Falko.