Viel zu lang, der Sommer und meine Haare. Diese schwüle Hitze ist nicht zum Aushalten. So lange habe ich mir die Haare jetzt zusammengespart, wollte sie wieder schulterlang haben. Aber die Haare kleben schweißnass an meinem Kopf und ich hasse das. Meine Friseurin ist auch nicht mehr da und bei der neuen hat mir schon zwei Mal der Schnitt gar nicht gefallen. Die Sommer werden immer ärger, voriges Jahr der Jahrhundertsommer mit wochenlangen Phasen von fast 35 Grad. Zu welchem Friseur soll ich denn gehen? Es gibt so viele in Meidling, aber bei den meisten legt man ja inzwischen Länge und Breite ab, das kann ich mir nicht leisten. Heuer haben wir zwar meist „nur“ 30 Grad, dafür sorgt der ständige Regen und die Gewitter für Tropenhitze und man kommt sich die ganze Zeit wie im Palmenhaus in Schönbrunn vor. Eigentlich war ich ja auch erst vor ein paar Wochen beim Friseur und es wäre noch gar nicht notwendig, aber ich brauche sie unbedingt kurz und das bald, am liebsten sofort. Wechsel, blöder Wechsel! Nicht nur der Treibhauseffekt und das Wetter, sondern auch meine Hitzewallungen. Beides nicht zu erwarten, dass schnell wieder weg geht. Zwei Friseure haben zu, Sommerurlaub. Einer keine Zeit, ist alleine und hat gerade eine Kundin zum Waschen hingesetzt. Früher waren es nur die Winter, die ich nicht wusste, wie ich sie überstehen sollte, weil mir immer so eiskalt war. Jetzt sind es die Sommer, vor denen ich mich am meisten fürchte, weil mein Körper zu zerfließen scheint und die Hitze mich umbringt.
Endlich einen Friseur gefunden, der Zeit hat und günstig ist. „Goldener Schnitt“, der Name gefällt mir. Beim Eintreten bemerke ich, dass es trotz deutschem Namen ein türkischer Laden ist. Mein Lieblingslokal ist auch ein türkisches, warum also nicht? Mir klebt das Haar im Gesicht und ich bin froh über das kühle Wasser, das darüber rinnt. Kurz will ich es, aber nicht nur abrasiert, schon ein bisschen Stufen drin. Der Umhang gefällt mir, weiß mit großen roten Punkten, aber darunter schwitze ich noch mehr. Schnipp, schnipp. So froh ich bin, dass es bald angenehm wird mit den kurzen Haaren, so leid tut es mir doch, so viel Haar fallen zu sehen. Einen Kaffee? Immer, aber bei der Hitze, nein danke, da käme ich um. Es tut ihr so leid. Kann ja mal passieren, aber weh tut es schon. Die Kollegin kommt mit Desinfektionsmittel und meint, das kann jetzt brennen, tut es auch, aber ich habe schon Schlimmeres erlebt, als ins Ohr geschnitten zu werden. Rundherum wirken alle glücklich, die Hitze scheint ihnen nichts auszumachen. Die Musik scheint ihnen auch zu gefallen. Die türkische Musik beim Eintreten war nicht unbedingt meine, aber diese Art, die nach Elektro klingt und wo der Bass so laut vibriert, das halte ich nicht aus. Eine Kundin, die man verletzt hat, verärgert man nicht noch mehr und die Musik wird leise gestellt. Wenn ich nach Hause komme, muss ich sofort duschen, ich bin schweißgebadet und die kleinen Härchen überall kitzeln mich auch unangenehm. Warten Sie, zuerst muss ich die Brille aufsetzen, ja, passt, herrlich luftig, hatte schon lange nicht mehr so einen burschikosen Schnitt, mal sehen, was alle sagen. Nein, Pensionistin bin ich noch nicht, auch wenn ich derzeit mit Krücke gehe und am liebsten in Frühpension wäre, aber die lassen mich nicht. 16 Euro, das ist ein Superpreis. Ich hatte ja draußen die Tafel angeschaut und es war billig, aber ich glaube, sie hat doch ein bisschen nachgelassen wegen dem Missgeschick. Freut mich, aber Trinkgeld bekommt sie trotzdem nicht, das Ohr tut mir noch immer weh. Und jetzt ab nach Hause, so schnell es mit der Krücke und meiner kaputten Hüfte geht, ich freue mich schon aufs kalte Wasser. 16 Euro und ein paar Blutstropfen, ein ungewöhnlicher Preis fürs Haareschneiden.