Pfingstbotschaft_an_Merkel

                                                     Berlin, 29. Mai 2015

Sehr geehrte Bundeskanzlerin, Frau  Dr. Angela Merkel,

heute früh erreichte mich über Radio das Wort zum Tag: „Teilen ist das neue Haben“. Auch die Lieder, die ich hörte, hatten das Thema: „Wir sind eins“. Und alles bezog sich auf den Inhalt: Durch Teilen können wir freie Individuen werden. Endlich! In mir ist die Hoffnung, dass dies auch von Ihnen und den im Namen des Volkes politisch Handelnden begriffen wird.
Pfingsten ist vorbei und auch wenn ich keiner Konfession angehöre, bewegen mich die Sätze von Eugen Drewermann: „Religion soll Vertrauen begründen in den Hintergrund der Welt. Es geht um die Vorstellung von einer Güte, die unabhängig von uns vorgegeben ist…“
Ich bin politisch interessiert und handle im oben genannten Sinne, weil mein Vertrauen in die heutige Politik aufgebraucht ist. Das ohnmächtige Gefühl, nur sehr eingeschränkt über mein Leben bestimmen zu können und selbst schuld daran zu sein, ist der Gewissheit gewichen, dass es so  sein konnte, weil ich es zuließ. ALLES wird heute inhaltlich der Zementierung der Herrschaft einer Oligarchie geopfert, formal der Anbetung des Goldenen Kalbes. Maßnahmen zur Erzwingung von Handeln und Verführung werden in Liebe umgelogen und mit  Sicherheit und Wohlstand begründet. Hinter dem Geflecht der Macht aber stehen Menschen, die ich nicht kennen soll, ein Paragraphenwald, den ich nicht durchdringen, Rechte, die ich nicht hinterfragen und in ihrem Amtsdeutsch nicht verstehen - und ein historisch gewachsenes System, das ich als gottgegeben hinnehmen soll. Ich frage mich: Warum? Warum wird mir nicht angeboten, das Majestätische der Börsenwelt zu verstehen? Warum treten die wirklich Machthabenden nicht in Dialog mit mir, wenn mir dieselbe Würde wie ihnen gegeben ist, und erklären mir nicht den Grund ihrer Zukunft tragenden Rolle? Nur um ihre hohle Macht und die Ausbeutung zu erhalten? Wenn nicht, welche philosophischen Gründe bewegen sie dann? Und welche eigenen Gründe bewegen oder bewegten Sie, dabei mitzumachen?

Als Großmutter könnte ich auf Fragen meiner Enkelkinder keine befriedigenden Antworten geben. Seien Sie mir dabei behilflich. Ich möchte begreifen.   

Ich bin wie Sie in der DDR aufgewachsen. Meine drei Kinder sind hier 1980, 1982 und 1987 geboren. Bei ihrer Geburt war ich 22, 24 und 29 Jahre alt. Hätte meine älteste Tochter ebenfalls mit 22 ein Mädchen geboren, wäre meine älteste Enkelin heute 13 Jahre alt. Wäre mein Sohn mit 24 Vater geworden, würde mein erster Enkel heute 9 Jahre jung sein. Bekäme meine jüngste Tochter mit 29 ihr erstes Kind, würde es bald das Licht der Welt erblicken.
Deshalb beginne ich auch mit den Fragen des noch Ungeborenen, das doch unschuldig auf die Welt kommen würde:

Warum werde ich mit meinem ersten Atemzug 27.000,00 € Schulden haben?
Sind sie das vergiftete Apfelstück, das  ich unschuldig schlucken muss?
Sind sie das Erbe für die Sünde der Menschen, vom Baum der Erkenntnis gegessen zu haben und nun unheilbare Lerner zu sein?
Oder ist die heutige Art des Erbens Sünde, weil es uns immer wieder trennt in wohlhabende Gönner, genug oder gerade genug Besitzende, um das Leben und Selbstbestimmung nach oben Strampelnde, unterwürfig Buckelnde, chancenlos Leid Ertragende, Bettler - und dagegen Aufbegehrende? Muss das so sein?
Was sind überhaupt Schulden?
Und wem schulde ich? Konkreten Menschen oder dem/den großen Unbekannten?
Kann ich meine Schuld je wieder gut machen?
Was sind Gemeinsamkeiten und Unterschiede von moralischen und finanziellen Schulden?
Was bedeutet es Schulden zu bezahlen, und was wird es konkret für mich bedeuten, wenn meine Eltern keine Güter haben?
Habe ich die Pflicht, diese Schulden zu bezahlen, auch wenn mir mein Verstand sagt, dass hier etwas nicht stimmt, weil ich doch unschuldig auf die Welt komme?
Muss ich mich von der Unmündigkeit befreien, die bereits für mich gewählt wurde?
Oder werde ich die Möglichkeit haben, diese Unmündigkeit nicht zu wählen?

Mit neun Jahren wäre mein Enkel in der dritten Klasse und möchte seine Persönlichkeit wie eine Blume ihre Blüte entfalten. Hier nun seine Fragen:

Was bedeutet das Recht, mich frei entfalten zu können?
Bin ich so etwas wie eine Raupe, die ein schöner EntFALTER, ein Schmetterling wird?
Kann ich dafür in der Schule das Lernen nicht anders lernen, als es die Erwachsenen bestimmen?
Lernen sie nicht AUCH, durch uns?
Warum MUSS ich eigentlich zur Schule gehen?
Ist WOLLEN nicht besser?
Kann ich nicht mehr Verantwortung für mich selbst erhalten, die ich wählen kann?
Warum müssen denn Erwachsene  für das, was ich tue, haften?
Warum müssen sie überhaupt so viel Angst um mich haben und sich um meine Sicherheit sorgen?
Kann ich denn so meine Persönlichkeit entfalten?

Meine älteste Enkelin stünde - auch gesetzlich - an der Schwelle zum selbstbestimmten und selbstverantwortlichen Leben. Sie beschäftigte sich nun mit dem seit 66 Jahren geltenden Grundgesetz, das nach den bitteren Erfahrungen des II. Weltkrieges Rechte enthält, die die Begegnung der Menschen auf Augenhöhe ermöglichen und einfordern. Dennoch hätte sie einige Fragen:

Was bedeutet Würde des Menschen? Das, was ich dazu finde, ist sehr widersprüchlich.
Wenn die Menschenwürde unantastbar ist, warum braucht es dann die Verpflichtung einer staatlichen Gewalt, um sie zu achten und schützen?
Können das die Menschen nicht selbst tun?
Die Würde des Menschen in Artikel 1 - heißt dies konkret - die Würde jedes Menschenkindes der Erde?
Unser Staat ist aber doch die Bundesrepublik Deutschland.
Die Würde welcher Menschen ist denn gemeint?
Gibt es Menschen, die von der Menschenwürde ausgeschlossen werden? Und wenn ja, welche? Schließlich hat sich das Deutsche Volk nach den Lehren des verheerenden Krieges laut der Präambel des Grundgesetzes selbiges  gegeben.
Wer war damals das Deutsche Volk? Wer war es 1990? Und wer ist es heute?
Ich bekomme bald einen Personalausweis und gehöre dann formal zum Deutschen Volk.
Was heißt das inhaltlich?
Was zeichnet mich vor anderen Menschen mit Migrationshintergrund als Deutsche aus?
Wie lange ist ein Migrationshintergrund zurück zu verfolgen?
Was zeichnet mich als Europäerin aus? Schließlich werde ich in einigen Jahren auch das Wahlrecht zum EU-Parlament haben. Mein Wohnsitz auf dem Kontinent Europa wohl nicht.
Bin ich nicht einfach ein Menschenkind dieser Erde?

 


Ich habe bald das Recht mir einen Beruf, eine Ausbildungsstätte und einen Arbeitsplatz frei zu wählen.
Dass es NOTWENDIG ist, für mein Leben und das anderer zu sorgen, halte ich für SELBSTVERSTÄNDLICH und MÖCHTE es tun.
Ich möchte auch eine ARBEIT (keinen Job) ausführen, die ich für sinnvoll halte, für die ich fähig bin oder befähigt werde, für die ich Begabung habe und für die ich brenne.
Reicht das nicht, um ein Auskommen von der Gemeinschaft zu erhalten?
Muss ich für GELD, das PROFIT bringt, arbeiten, obwohl es KEIN BEDÜRFNIS ist, das mir natürlich  erscheint? Muss ich eine Arbeit ausführen, die Fremde für mich bestimmen und die mich durch eine Doppelmoral verfremdet, weil ich nur damit mein Leben erwerben kann, falls ich nicht das Glück habe, mein Hobby zum Beruf zu machen, so dass ich keinen Tag in meinem Leben mehr arbeiten muss?
Sollte ich zum Beispiel zur Erfindung von RüstungsGÜTERN beitragen, die töten können oder zumindest Angst verbreiten sollen?
Oder selbst Soldatin werden, weil ich da allerhand verDIENEN kann?
Oder sollte ich aus fiskalischen Gründen anderen mit freundlicher Maske oder Stimme GÜTER aufschwatzen, die sie nicht brauchen?
Oder die aufgeblähte Bürokratie noch vergrößern?
Andere Menschen mit der Eingliederungsvereinbarung nach Bürgerlichem Gesetzbuch - SGB II und  viel Papierkram - in Jobs zwingen?
Sie kontrollieren?
StatusGÜTER herstellen?
Neue Paragraphen im Amtsdeutsch oder versicherungstechnische Gründe zum Wohle des Profits ausdenken?
Für einen Mindestlohn im „wirtschaftlichen“ Seniorenheim arbeiten, wo ich in der Nachtschicht allein für 30 alte Menschen, die z.T. dement sind und gelagert werden müssen, verantwortlich bin? Oder für solche  25jährigen, die wegen Drogenabhängigkeit alt sind? Kann ich diese Verantwortung TRAGEN? Kann eine Versicherung sie tragen? Und wenn ja, wer oder was ist die VERSICHERUNG?
Sollte ich mich prostituieren?
Bin ich DANN ein für die Gesellschaft besonders wertvoller doppelt freier Mensch?

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, sehr geehrte Abgeordnete und Mitarbeiter,
diese drei Enkel gibt es nicht.
Meine Kinder entscheiden bzw. können oder möchten sich aus vielerlei Gründen nicht für Kinder entscheiden. Dazu gehört, dass auch ihnen ein Grundvertrauen in die heutige Politik fehlt, weil wir Menschen unsere Beziehungen auf Misstrauen, auf „Teile und herrsche“ gründen. Sie zweifeln wie ich daran, dass unsere  freiheitlich-demokratische Grundordnung inhaltlich noch umgesetzt wird.
Auch wenn ich keine eigenen Enkel habe, gibt es dennoch vier, die von meiner verstorbenen Schwester. Das älteste Enkelkind ist sieben, das jüngste vier.
Ich bin gern ihre Oma, durchaus auch für andere Kinder, egal woher sie kommen.
Das ist wohl eine wertvolle Arbeit für die Gesellschaft, oder?
Die Kinder werden Fragen stellen. Davon bin ich überzeugt.
Und ich werde sie auch dazu anregen, Gegebenes zu hinterfragen.
Ich habe auch selbst Fragen. Sie unterscheiden sich oft nicht wesentlich von Kinderfragen. Wie Sokrates zu antworten: Ich weiß, dass ich nichts weiß, halte ich auch nicht für eine gute Lösung, wenn Kinder mich fragen.
Um verantwortlich antworten zu können, bitte ich auch um Ihre Antworten als Verantwortliche. Damit ich lernen kann.
Ich bitte Sie auch um Ihre Antwort auf meine eigenen dringendsten Fragen:
Wird es wieder einen großen Krieg geben um die Weltherrschaft?
Oder ist er nicht vielleicht längst im Gange, nur anders?
Es gibt die Georgia-Stones. Sicher sind Sie Ihnen bekannt. „Halte die Menschheit unter
500 Millionen“, steht darauf, und danach, wenn nicht alles, doch vieles, was ich verstehen kann.
Aber: Wer soll uns unter 500 Millionen halten? Gott? Sieger? Krieger? Auserwählte Hüter?
Wer hat das Mahnmal errichten lassen?
Warum gibt er sich nicht zu erkennen? Er kann uns doch beim Lernen helfen.
Gibt es einen Grund für das heutige Töten von Menschen durch Verhungern-Lassen, durch Krieg, durch Ertrinken im Mittelmeer und anderen Meeren? Die Reihe ließe sich fortsetzen.
Ist der Grund die Reduktion der ÜBERFLÜSSIGEN Armen?
Die Antwort darauf wäre die sozialdarwinistische Auffassung vom Kampf ums Dasein. Die gab es doch schon einmal, in ihrer scheußlichsten Form.
Oder ist es der EHRE-Anspruch der RECHT-Wissenden, Hütehund für die guten Schafe vor den bösen Wölfen zu sein? In der Spannung von Individuum und sozialem Wesen ist aber niemand nur weiß oder schwarz.
Oder ist es das Gebot, die Menschheit zu reduzieren, weil durch die Entropie in unserem geschlossenes System Erde schon zu viel Anergie entstanden ist, und die Öffnung nach außen noch nicht realistisch? 
Oder die Überzeugung, dass für eine Menschheit 2.0 Empathie, Moral und Ethik lästiger Ballast sind?
Der Unglaube an die Möglichkeit, dass Menschen den einfachen Frieden leben können. Keine Angst haben vor LIEBEN und STREITEN, als  zwei Seiten ein und derselben Medaille?
Der Unglaube daran, dass ein Win-Win-Fortschritt möglich ist, weil die Menschen sich ohne Zwang oder Verführung nicht entwickeln? 

Ich jedenfalls bitte darum, ein Mensch 1.0 bleiben zu dürfen. 
Ich möchte es lernen, im Alter mit enger werdenden Räumen umzugehen und dahin gelangen, dass mein Herz leicht werden kann.
Ich hatte – neu geboren – Vertrauen in die Welt, sonst würde ich nach Erkenntnissen der Psychologie nicht leben. Und ich möchte es lernen, vertrauensvoll loszulassen.
Wenn mir das gelingt, ist mein Geist wohl ein mit der Welt verbundener und heil.
Ich bin formal keine Christin. Aber das ist für mich die Pfingstbotschaft.

Danke für Antworten auf die Fragen meiner Enkel, die es geben könnte. Ich wünschte sie mir.
Danke für Antworten auf die Fragen, die mir die Enkelkinder meiner Schwester stellen könnten.
Danke für Antworten auf mögliche Fragen anderer Kinder, für die ich gern Oma bin.
Und - Danke für Antworten auf meine eigenen Fragen. Ich möchte lernen.

Achtsamsvoll


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Charlotte Thürling
charmotte (at) gmx (punkt) de

Einige Tage nach Pfingsten und dem des 66. Jahrestages unseres Grundgesetzes -
und - wenige Tage vor dem 1. Juni – dem Kindertag
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