Warum Twentyniner?

Warum nicht Twentyniner? Warum muss man sich fuer ein Fahrrad rechtfertigen?


Auf dem Bild sieht man ein 29" Rad (Access XCL 9r mit einem 23" Rahmen) zusammen mit einem 26" Rad (Rotwild Hardtail in Rahmengrösse S).

Ein Twentyniner ist nichts anderes als ein Mountainbike mit groesseren Raedern. Praktischerweise nutzt es den Felgendurchmesser der 28er, so dass es auch noch einige preiswerte Laufraeder gibt. Warum einige 26er Fahrer so ein Problem damit haben, dass Mountainbikereifen jetzt auch auf grosse Felgen aufgezogen werden, verstehe ich nicht.

Vielerorten hoert man, dass 29er traeger, weniger stabil und schwerer waeren, als die ausgereiften 26er, die es schon lange zu kaufen gibt. Twentyniner waeren nur ein Marketinggag, ein Trend der von den Herstellern in den Markt gedrueckt wird, um wieder neue Raeder absetzen zu koennen. Ein Bedarf bestuende ja gar nicht, weil 26er doch alles abdecken wuerden.

Ich sehe das anders. Gerade fuer grosse Menschen gibt es im Bereich der 26er ein Problem. Das Vorderrad hat eine bestimmte Hoehe, und diese bestimmt zusammen mit Gabelhoehe, Vorbau und Steuerrohr die Lenkerhoehe eines Bikes. Fuer eine optimale Sitzposition sollte der Lenker relativ zum Sattel in einer bestimmten Hoehe sein. Nur leider waechst der Sattel mit der Beinlaenge nach oben, waehrend der Lenker auf gleicher Hoehe bleibt. Daraus resultiert eine mit der Beinlaenge zunehmende Sattelueberhoehung gegenueber dem Lenker, die sich nur durch Einsatz von Spacertuermen, steilen Vorbauten oder gekroepften Lenkern anpassen laesst. Manche Hersteller verlaengern auch das Steuerrohr entsprechend, was der Optik des Bikes im Regelfall nicht besonders zutraeglich ist. Beim 29er kommt der Lenker bei gleichem Federweg automatisch um etwa 2-3 Zoll oder 5-7.5 cm hoeher. Dadurch kann entweder das Steuerrohr kuerzer gehalten werden, was der Stabilitaet des Rades dient, oder man kann die Anzahl der Spacer reduzieren - um 5-8 uebliche 1 cm Spacer. Das verbessert die Optik eines Bikes unter Umstaenden schon ganz erheblich. Siehe dazu auch das Foto oben auf der Seite, hier waren fast keine Spacer mehr notwendig, um die Sattelüberhöhung auszugleichen.

Dieser Vorteil eines hoeheren Lenkers der 29er fuer grosse Menschen ist gleichzeitig auch der Nachteil der 29er fuer kleinere Menschen. Durch die relativ hohe vorgegebene Lenkerposition sitzen diese nicht immer optimal auf den 29ern. Abhilfe kann durch Vorbauten mit negativer Steigung, kurze Steuerrohre oder flache Lenker geschaffen werden. Allerdings leidet hierunter fuer meinen persoenlichen Geschmack auch wieder die Optik.

Menschen mittlerer Koerpergroesse sind wieder einmal im Vorteil. Sie finden sowohl bei 26ern als auch bei 29ern funktionell und optisch optimale Rahmengeometrien. 

Neben der Lenkerhoehe hat fuer mich ein Twentyniner auch noch andere wichtige Vorteile:
  • Es rollt besser ueber Unebenheiten (Wurzeln, Steine, Randsteine etc.)
    Diesen Vorteil kann man sich leicht vorstellen, wenn man das Verhalten von Rollerblades auf Kies mit dem eines Fahrrades auf Schotter vergleicht. Durch den steilen Winkel, in dem die Rollen auf Hindernisse treffen, rollen sie nicht darueber, beim Fahrrad hingegen ist der Winkel so flach, dass man die Hindernisse (Steine) einfach ueberrollt. Dieser Unterschied ist beim 29er gegenueber dem 26er natuerlich nicht so ausgepraegt, aber er ist spuerbar.
  • Es ist bei niedriger Geschwindigkeit laufruhiger durch etwas groessere rotierende Massen, und niedrigeren Schwerpunkt relativ zur Rotationsachse 
  • Es hat einen etwas geringeren Rollwiderstand im Vergleich zu 26ern, weil die Karkasse bei gleichem Druck weniger verformt werden muss.
  • Durch die laengere Auflageflaeche ist die Traktion etwas besser als bei 26ern
Neben der Lenkerhoehe hat ein Twentyniner auch noch andere bedeutende Nachteile:
  • Durch die grossen Raeder bei gleichbleibender Nabenbreite ist die Stabilitaet der Laufraeder etwas geringer als bei 26ern. Dies ist nur durch mehr Material auszugleichen.
  • Die Laufraeder sind bei gleicher oder geringerer Stabilitaet schwerer als vergleichbaere 26er Raeder. 
    Man stelle sich vor, man wuerde ein 26er Rad an einer Stelle aufschneiden, und auf 29er Format aufbiegen. Die entstehende Luecke muss mit Material geschlossen werden, und das hat natuerlich auch ein gewisses Gewicht.
  • Durch die groesseren rotierenden Massen fuehlt sich ein 29er etwas traeger an als ein vergleichbares 26er.
  • Hinterbau und Gabeln muessen fuer die grossen Raeder verlaengert werden, und verlieren dadurch bei gleichem Gewicht an Stabilitaet. Das kann durch Einsatz von mehr oder besserem Material kompensiert werden, wiegt oder kostet aber mehr.
  • Bei Verwendung von ueblichen Antriebskomponenten wie z.B. 44-32-22 Kurbeln und 11-34 Kassetten verlaengert sich das Uebersetzungsverhaeltnis, was an steilen Anstiegen nachteilig ist
  • Twentyniner sind in Deutschland noch schwer zu bekommen und entsprechend teuer, genau wie manche Ersatzteile dafuer
  • Auf Reisen (z.B. Alpencross) ist es schwieriger, im Falle eines Defektes Ersatzteile zu beschaffen. 
Es gibt noch eine Vielzahl weiterer Gruende fuer und gegen 29er, (fast) alle sind im FAQ zu 29ern unten aufgefuehrt. Aber letztendlich bleibt das alles graue Theorie, wenn man ein solches Bike nie gefahren hat.
Ich kann nur jedem, der sich mit dem Gedanken traegt, ein 29er zu kaufen, eine Probefahrt empfehlen.
Nicht jeder, der die grossen Raeder gefahren hat, ist davon auch ueberzeugt. Und dann gibt es keinen Grund, sich ein neues Bike zu kaufen, nur um im neuesten Trend mitzuschwimmen.

Ich fahre seit 1999 Twentyniner, und bin fuer mich selbst von diesem Konzept vollkommen ueberzeugt. Mein erster Twentyniner hatte noch einen Trekkingradrahmen, bei dem ich die Kettenstreben mit dem Schraubstock bearbeiten musste, um ausreichend Reifenfreiheit zu haben, gluecklicherweise habe ich dann 2006 mein Motobecane bekommen.

Ein schoener Ueberblick zur Geschichte der Twentyniner findet sich auf Wikipedia (in English)
Ein gutes FAQ zu Twentyninern findet sich hier
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