Endlich war es Nacht. Mir war das ja so was von peinlich, aber ich wollte auch nicht unbedingt vor den Augen dieser Nonnen dort meine kleine Medaille suchen, zumal ich in der Gegend eh den Ruf eines Einzelgängers und Sonderlings hatte. Außerdem würde es mein Nonius überhaupt nicht komisch finden, wenn ich ihm erzählen müsste, wo ich dieses kleine, herrliche Schmuckstückchen verloren hätte. Er durfte es einfach nicht erfahren und deshalb musste mein Vorhaben, so rechtsbrüchig es auch sein mochte, gelingen.
Also zog ich mir schwarze Tarnkleidung an. Mulmig war mir schon zumute. Wenn man mich erwischte, würde das viel Ärger bringen, und so wartete ich geduldig im Schatten einiger Bäume, bis endlich alle Lichter im Kloster ausgingen und sich die Stille ganz über diesen Ort senkte.
Flink und ohne auch nur ein Geräusch zu machen, rannte ich zu der Tür, griff unter die Jacke und holte einen langen Schraubenschlüssel heraus. Die Tür war bald überwunden und ich schloss sie vorsichtig und leise. Langsam schlich ich mich zur Kapelle und suchte diesen Raum ab. Wie verändert solche Räume bei Nacht aussehen. Der Lichtkegel meiner kleinen Megalitelampe wanderte am Boden den Weg entlang, den ich am hellen Vormittag genommen hatte. Da! Blitzte dort vorne eine Reihe vor meinem Sitzplatz nicht etwas auf? Nochmals ließ ich den Lichtkegel darübergleiten.
Ja! Ich konnte mir gerade noch selber den Mund zuhalten, um nicht laut loszujubeln. Im Stillen dankte ich allen Heiligen für die Erhörung meiner sämtlichen Stoßgebete, die ich in den Himmel geschickt hatte. Ganz besonderen Dank schickte ich zu Maria.
Leise schlich ich durch die Reihen und hob dann endlich meinen kleinen und doch so kostbaren Schatz auf.
Puuuuuuuhhhh! Geschafft. Raus würde es viel einfacher gehen und ich hatte ja nichts zu befürchten. Siegessicher und leider viel zu hochmütig wegen des gelungenen Eindringens, drehte ich mich um und RUUUUUMMMMMSSSSS!!!
M….. das musste man durch das ganze Haus gehört haben. Ich rannte förmlich aus der Kapelle und verpasste doch glatt die Tür.
Einen üblen Fluch verkneifend, wollte ich zurück zu der Türe, doch was um alles in der Welt war denn das. Mir blieb ja fast das Herz stehen, als eine in schwarz gekleidete Gestalt von der Kapelle her auf mich zukam.
Ich suchte fieberhaft nach einer glaubwürdigen Ausrede und sah im Geiste schon, wie mein Nonius mich hier abholen würde und mir gehörig die Leviten lesen würde. Alles nur dass nicht, also ging ich einen Schritt auf die Person zu, während ich ihr in die Augen sah. Und wirklich! Ich hatte mit allem gerechnet nur nicht damit.
Ein lautes „Was machen S i e denn hier? Machen Sie, dass Sie fortkommen!“
So erschrocken wie ich war, tat ich das auch ohne nachzudenken. Ich verschwand einfach so, wie die fremde Person das wollte.
Spät viel zu spät kam ich im Hause an. Erstaunt über meinen seltsamen Aufzug fragte der Nonius, was ich denn gemacht hätte. Ich kann diesen Mann einfach nicht anlügen und so erzählte ich ihm die Geschichte. Als ich geendet hatte, brach er in schallendes Gelächter aus und gab mir zur Strafe nur 10 Vaterunser auf, da er der Meinung ist, dass der Schock wohl Strafe genug war und außer meinem Stolz ja nichts passiert wäre.
Seitdem hängt meine kleine Marienmedaille an einer festen Kette immer um meinen Hals, damit ich nie wieder in eine derartige Situation kommen werde.
(Zum Nonius: Es ist die ehrenvolle Anrede vorzugsweise im Mittelalter für einen älteren Mönch. Die Anrede wurde aber nur von den Novizen gegenüber ihren Meistern benutzt. Anmerkung der Verfasserin Andrea Huber, Neenstetten)