Genius mit Geisterglaube

Neues Album, neues Image: Prince ist wieder sein eigener Herr - eine Audienz im Marchenschloß

Jürgen Schaefer  



Der Prinz des Pop halt hof im “Paisley Park", dem Marchenschloß. Das Interieur seines Aufnahmestudios schimmert gold- und bonbonfärben, den Teppichboden zieren Stemzeichensymbole, und an den Wänden segeln aufgemalte Schäfchenwolken. 200 Journalisten sind zur Audienz gebeten, und als Seine Königliche Hoheit schließlich einschwebt, geht ein Raunen durch die Menge. Scheu läßt der Prinz den Blick aus dunklen Augen schweifen, kokett klimpern die Federwimpern, und der zierliche Körper gleitet wie auf Luftkissen durch den Raum. Es ist etwas Elfenhaftes an diesem Menschen, das ihn kostbar erscheinen laßt, als mußte er für die Nacht in Seidenpapier gewickelt werden.

Kaum zu glauben, daß dieses Ätherwesen, druckt man ihm ein Mikro in die Hand, so beherzt losferkeln kann. So heftig, daß Tipper Gore, die Frau des US-Vizepräsidenten, seinetwegen eine Elterninitiative gegen jugendverderbende Popmusik gegründet hat. Aber Prince Rogers Nelson, 38, ist eben ein Mensch mit multipler Identität; Musiker zuerst, daneben Märchenprinz, Love Machine, Geheimsymbol, Glitzersklave und nun Rockguerillero. Am 19. November rief er in seiner Heimatstadt Minneapolis den "Emancipation Day” aus, “den Tag, an dem die Künstler endlich ihre eigene Musik besitzen können”.

Drei Jahre lang hatte “The Artist Formerly Known As Prince” (“Der, den sie Prince nannten”) mit seiner alten Plattenfirma Wamer Bros. Records um diese Freiheit gerungen, vergebens. Der Streit entbrannte, als das Studio mit dem Ausstoß des komponierenden Workaholic nicht Schritt halten wollte. Der Künstler häufte kilometerweise Masterbänder in den Archiven und einen Mordsfrust auf der Seele an. Weil Wamer ihn nicht aus seinem (Gerüchten zufolge 100 Millionen Dollar teuren) Vertrag lassen wollte, zeigte er sich fürderhin nur noch mit dem Schriftzug “Slave”, Sklave, auf der Wange und tauschte seinen Namen gegen das unaussprechliche Symbol 0(+> ein.

“Chaos and Disorder”, Princes letzte Platte für Warner, war musikalisch uninspiriert, rutschte nach fünf Wochen aus den US-Charts und schaffte nur 100 000 Verkaufe – mager für einen Megastar, der in den 18 Jahren seiner Karriere mehr als 100 Millionen Platten verkauft hat (allein 15 Millionen vom 84er Album “Purple Rain”).

Nun ist Prince sein eigener Herr. Seine Platten erscheinen künftig beim eigenen Label “NPG Records”, der neue Partner EMI darf die Scheiben nur pressen und verkaufen. Das erste Kind der Vernunftehe ist ein Drilling: das Dreifachalbum “Emancipation”, für das der Künstler “drei Stunden Liebe. Sex und Freiheit” in Musikform gegossen hat.

Für “Emancipation” habe er “das ganze Magazin leergeschossen”, sagt Prince erleichtert; verglichen mit den Vorläufern ist das Album auf der leichteren Seite – und trotzdem einfach klasse. In drei Stunden Spielraum lebt Prince sein musikalisches Genie aus. reiht spharische Instrumentals neben epische Balladen, groovige Funknummern neben Dancefloor und Swing. Potentielle Hits sind das schmusige “Betcha By Golly, Wow”, außerdem “Get Yo Groove On” und “Somebody’s Somebody”. Das starkste Stuck: “Let's Have A Baby”, komponiert für “Gesang, Piano, Baß and StilIe”, Iaßt auch hartgesottene
Singles vom Windelwechseln träumen.

Daß Teile des Albums nach Kuschelrock klingen, daran dürfte Prinzessin Mayte, 22, erheblichen Anteil haben, die jungvermählte Frau des Kunstlers. Die Heirat habe ihn “klarer, fröhlicher, konzentrierter” werden lassen: “Wirklich wichtig im Leben sind Liebe, meine Frau, Kinder. Und irgendwo die Musik.” Uber sein Neugeborenes, das Geruchten zufolge behindert sein soll, spricht er nicht.

Maytes Einfluß auf den Künstler ist so stark, daß sich ihn sogar überreden konnte, seine Angst vor dor Öffentlichkeit abzulegen. Plötzlich ist Prince, der sich jahrelang hinter Security-Fleischbergen versteckt hielt, verfügbar, und Journalisten aus aller Welt strömen in den “Paisley Park”, um den Menschen hinter der Maske zu entdecken. Warum hat er nie Interviews gegeben? Hat er schiefe Zähne? Oder eine schräge Persönlichkeit?

Ach, weder noch. Sitzt man ihm schließlich gegenüber, ist er einfach ein netter Kerl. Und auch nur maßig verwirrt für einen, der sich tagaus, tagein in schalldichten Räumen aufhalft und abgedrehte Symphonien aus seinem genialen Hirn treibt. Und so kommen die Journalisten nacheinander aus dem Interviewraum, reiben sich die Nasenspitzen und sagen mit Welpenschnute: Demist ja s-a-u-nett! Was nichts anderes heißt als: Der ist eigentlich wie ich, irgendwie! Ja, schon, aber wollen wir das wissen? Nun wird Herr Nelson den “Prince” endgültig begraben, den Mythos, das ganze Theater. Schade drum, aber die Neunziger sind eben ernsthafte Zeiten.

STERN: Drei exakt 60 Minuten lange Platten – was haben Sie sich dabei gedacht?

O(+>: Ich war inspiriert van den Pyramiden und ihrer Verbindung zur Astronomie. Die Ägypter haben sie so angeordnet, daß man sich nach den Sternen datieren kann. Mich hat fasziniert, daß es sozusagen eine göttliche Blaupause gab. Mein Album ist ähnlich konzipiert, es gab zuerst die Struktur und dann die Musik. Viele Stücke sind sehr persönlich, wie “The Holy River” etwa, dadurch funktioniert die Musik als Zeitmarkierung,
für mich jedenfalls.

STERN: Aha... und musikalisch gesehen?

O(+>: Es gibt Rein musikalisches Konzept per se. Die Stücke sind sehr unterschiedlich, sie passen nicht automatisch zusammen. Doch sie stammen alle aus einer fur mich frohen Zeit. Die Platte macht froh beim Horn, und sie atmet den Geist der Freiheit.

STERN:
Wie klingt dieser Geist?

O(+>: Bei “In This Bed I Scream” hatte ich nur die Drums auf Tonband. dann habe ich die Gitarre auf den Boden geworfen und die Rückkopplung aufgenommen. Das kam ziemlich cool, und um diesen Sound herum habe ich dann die anderen Instrumente gespielt. Der Sound hat einen eigenen Geist, ein eigenes Leben, das ich entdecken wollte.

STERN: Haben Sie wieder alle Instrumente selbst gespielt?

O(+>:
So ziemlich, ja, außer bei einigen Bläsersätzen.

STERN: Ein Wahnsinnsprojekt, bei drei Stunden Musik...

O(+>: ...na ja, das ist mein Job. Wie andere morgens aufstehen und ins Büro gehen, so gehe ich ins Aufnahmestudio und mache Songs. Das Schöne war, daß mir diesmal niemand dreingeredet hat. Ich habe mich nur von der Musik leiten lassen, die Musik war der Boß.

STERN: Wie laßt sich das live umsetzen?

O(+>: Meine Band, die New Power Generation, ist experimentierfreudig. Ich habe meine Stimme fürs Keyboard digitalisiert, damit kann ich live zu meiner eigenen Stimme im Backgroundchor singen; ey, Mann, das ist echt faszinierend.

STERN: Damit klingt es auf der Bühne genauso wie im Studio – was darf die Band beisteuern?

O(+>: Die hat die Freiheit, mit mir zu improvisieren. Ich konnte ja auch Bänder spielen und nur noch die Lippen bewegen, wie andere das tun. Aber hey, wenn du das machst, bist du nur noch ein Video, play, rewind, und jeder ist frustriert. If you got a groove, you have to get it out!

STERN: Es muß raus - charaktcrisicrt das Ihre Bcziehung zurMusik?

O(+>: Musik ist ein Fluch and ein Segen fur mich. Okay, mehr Segen. Ich hore sie immer, überall. Ich denke, das Bedürfnis, etwas Schönes, Bewegendes teilen zu wollen, das ist wirklich Liebe, die Essenz von Liebe. O Mann, das ist es, worüber Gott uns singen lassen will.

STERN: Also ist “Emancipation” eine Art Gospel-Album?

O(+>: Kann man so sagen, ja. EMI versucht, mich mit Songs wie “The Holy River” bei den christlichen Radiosendern reinzubringen. Ich meine, stell dir mal “Prince” in einer christlichen Radiosendung vor –“Prince” stand irgendwann nur noch für das Label Sex.

STERN: Heißt das, Sie haben der amerikanischen Prüderie nachgegeben?

O(+>: Nein, das beeinfIußt mich nicht. Songs aufzunehmen ist ein therapeutischer Prozeß für mich. Bevor ich ins Studio gehe, muß ich alles loswerden, was ich machen soll, was von mir erwartet wird. Es geht nur um die Musik. Ich lasse mich leiten.

STERN: Wovon?

O(+>: Von meinem höheren Ich. Es geht um Zeichen im Leben, um die kleinen Ironien – ich hoffe immer, daß meine Bänder kaputtgehen, wenn ich etwas Falsches mache, oder so. Wenn ich etwas schreibe, und meine Beistiftspitze bricht ab. überlege ich mir, was habe ich eben geschrieben? Ich glaube nicht an Zufalle, es ist alles miteinander verbunden.

STERN: Das nennt man Aberglauben...

O(+>: Wer nicht an solche kleinen Zeichen glaubt, glaubt oft an überhaupt nichts. Ich bin erstaunt, wie viele Joumalisten nicht an Gott glauben.

STERN: Sie verabschieden sich bei Konzerten mit den Worten: “Willkommen in der Morgendammerüng!” Was heißt das?

O(+>: Es bedeutet, daß wir an der Schwelle zu einem höheren Bewußtsein stehen. Ich spüre es kommen, ich fühle, daß ich mittendrin bin. Das Telefon klingelt, und ich weiß, wer dran ist, bevor ich abnehme; all diese Dinge passieren. Wir stehen an der Schwelle zu einem neuen, faszinierenden Zeitalter.

STERN: Ah... das klingt etwas befremdlich. Kann es sein, daß Sie sich verändert haben, seit Sie “Sexy Motherfucker” geschrieben haben, oder haben wir nur alles falsch verstanden?

O(+>: Na ja, ihr wart immer auf Gerüchte angewiesen. Ich war hier in meinem Studio, habe Musik gemacht, und dieses ganze Image hat sich draußen drumrumgedreht. Wissen Sie, worum es bei “Sexy Motherfucker” eigentlich geht? Um Monogamie! Darum geht es!

STERN: Aha.

0(+>: Worte Iügen, das ist das Problem. Worte verdrehen alles, doch sie andern nichts. Wenn Ihnen meine Platte nicht gefallt, können Sie sie kritisieren, doch das ändert nichts daran, daß die Platte existiert. Das ist auch der Grund, warum Sie dieses Interview nicht auf Tonband aufnehmen dürfen. Was ich sage, ist wahr, und nicht wahr, wenn man es herausnimmt und für sich betrachtet. Worte lügen.

STERN: Haben Sie deshalb Ihren Namen geändert?

O(+>: Nein. Das habe ich getan, weil es mein Geist verlangt hat.

STERN: Wie geht das? Morgens beim Duschen festgestellt – Mensch,ich bin ein anderer?

O(+>: Nein, ich wurde von meinem höheren Ich geleitet, von einer inneren Vision, meiner Stimme. Jeder Mensch hat dies, nur, ob wir darauf hören, ist eine andere Frage. Diese Stimme hat mir gesagt: Ich muß mich andern, ich muß neue Wege gehen. So bin ich jetzt hier, mit diesem Namen (nestelt an seinem Kettchen mit dem Zeichen darauf), und jetzt bin ich neugierig, wie dieser Film enden wird. Alles hat  seinen Grund, glaub mir.

STERN: Auf “One Of Us” singen Sie: “Wenn du Gott eine Frage stellen konntest, welche ware es?” Und?

O(+>: Kann ich bitte drei Extra-Fragen haben?

STERN: Das gilt nicht – ernsthaft!

O(+>: Nee, wirklich. O Mann, ich hab’ so viele Fragen, drei würden nicht reichen.