Ein Prinz und sein Alter Ego

Stefan Picker-Dressel




Der Künstler, den immer noch alle Prince nennen, war für ständig wechselnde Pseudonyme, Symbole und Partnerinnen geradezu berühmt. Inzwischen heißt er The Artist und sieht seine Geschichte als Selbstbefreiung aus dem goldenen Käfig der Plattenmultis. Im Interview erzählt er, was aus Prince wurde und warum.

Er war der etwas andere Faschingsprinz im Karneval der internationalen Pop-Stars; eine hybride, schillernde Bühnenpflanze, die immer neue Blüten trieb, mal als Sex-Symbol, mal als Umweltschutz-Prediger. Im Hintergrund benutzte er im ständigen Clinch mit seiner langjährigen Plattenfirma Warner Brothers andere Namen und Symbole, um auch bei anderen Firmen veröffentlichen zu können. 1994 begrub sich Prince auf der LP “Come” symbolisch selbst und wurde “The Artist Formerly Known As Prince” (Der Künstler, früher als Prince bekannt), außerdem gründete er sein eigenes Label “New Power Generation”. Sein neues Album “Rave Un2 The Joy Fantastic” brachte er bei Arista heraus. The artist everybody still calls Prince will sich musikalisch weiterhin zwischen alle Stile setzen.

JOURNAL: Nach langer Zeit haben Sie bei Ihrem neuen Album als Produzent wieder den Namen Prince verwendet. Wie kommt das? Haben Sie das Versteckspiel um Ihren Namen satt?

THE ARTIST: Nein, ich bin The Artist und das bleibe ich auch. Aber ich kann so die Nähe zu meinem zweiten Ich oder Alter Ego suchen - nennen Sie es, wie Sie wollen - und mich im Stillen mit ihm beraten. Bei der Auswahl der Songs zum Beispiel haben wir uns oft unterhalten. Das war wie eine Art Telepathie.

JOURNAL: Das klingt spirituell. Sind Sie gläubig?

THE ARTIST: Ich hatte schon immer einen Draht zu Gott, aber noch nie so stark wie in den vergangenen zwei, drei Jahren. Gott hat eine Menge in meinem Leben geändert. Dass alles so gekommen ist, ist kein Zufall. Nichts auf der Welt passiert zufällig, alles ist geplant. Wenn man sich einmal mit diesem Thema beschäftigt und sein Herz dafür geöffnet hat, sieht man überall Gott.

JOURNAL: Woher nehmen Sie Ihre plötzliche Spiritualität?

THE ARTIST: Ich beziehe meine Kraft aus der Liebe zur Natur. Ich bin endlich ein freier Mann, der all das machen kann, was er immer schon wollte. Es ist egal, als was du geboren wirst. Jeder hat die Kraft, etwas Außergewöhnliches zu tun. Alles hat eine Bedeutung, alles hat Kraft. Und alle Lebewesen auf unserem Planeten haben eine Bedeutung und daher eine ungeheure Ausstrahlung. Weil alles einen Kreislauf ergibt und zusammengehört.

JOURNAL: Schöpfen Sie die Kraft aus der Bibel?

THE ARTIST: Die Bibel übt auf mich eine wahnsinnige Faszination aus. Ich sehe hinter jeder Geschichte einen tieferen Sinn. Nichts ist im Alten Testament ohne Sinn geschehen. Die Bibel ist für mich das wichtigste Buch überhaupt.

JOURNAL: Ihre frühere Plattenfirma Warner, die immer noch die Rechte an Ihren alten Songs hält, hat Ende August 1999 das letzte reguläre Prince-Album mit Prince-Songs herausgebracht. Wie haben Sie davon erfahren?

THE ARTIST: Nun, ich wusste, dass da ein Album kommt. Ich wurde davon in Kenntnis gesetzt. Aber zu Gesicht bekommen habe ich es erst, als meine Frau es zufällig im Plattenladen entdeckte.

JOURNAL: Welchen Sinn sehen Sie im Nachhinein in dem Streit mit Warner Brothers?

THE ARTIST: Das Ganze hat mir persönlich gezeigt, was wichtig ist in meinem Leben. Ich habe bei Warner mit 19 Jahren unterschrieben. Damals habe ich mich mit dem Vertragswerk nicht näher befasst und war froh, in so jungen Jahren meine Musik überhaupt veröffentlichen zu können. Heute dagegen kann ich tun und lassen, was ich will. Ich fühle mich als freier Mann.

JOURNAL: Was bedeutet das?

THE ARTIST: Ich kann mir erlauben, die Musik zu machen, die ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt für richtig halte. Wenn ich Lust auf eine Technoplatte habe, mache ich eine Technoplatte. Will ich HipHop machen, mach ich HipHop. Und wenn ich Lust auf Jazz habe, mache ich ein Jazzalbum. Egal, was herauskommt, es wird immer ein Album von The Artist sein. Ich habe nie in Kategorien gedacht, das waren immer die anderen.

JOURNAL: Was halten Sie von neuen Superstars wie Puff Daddy oder Will Smith?

THE ARTIST: Ach, die Jungs sind okay, ganz nette Typen. Aber musikalisch kann ich nicht alles unterstützen, was die beiden machen. Das klingt alles nicht sehr innovativ. Und wenn Puff Daddy mit diesen schlampigen Rapperinnen wie Lil’ Kim auftritt, wirkt das einfach vulgär.

JOURNAL: Fühlen Sie sich von den Medien missverstanden?

THE ARTIST: Ja, in der Vergangenheit war das oft so. Obwohl ich sie auch verstehen kann. Wenn ich mein Leben als Außenstehender betrachten würde, wäre mir wahrscheinlich auch vieles suspekt. Ich habe mich in der Vergangenheit oft zurückgezogen und für viele Menschen wie in einer Glaskugel gelebt. Ich habe in dieser Zeit viel über mein Leben nachgedacht. Ich habe nach der Wahrheit gesucht.

JOURNAL: Und? Haben Sie sie gefunden?

THE ARTIST: Ich für meinen Teil schon. Aber die Vergangenheit hat gezeigt, dass nicht viele etwas mit meiner Auffassung von Wahrheit anfangen können.

JOURNAL: Was ist Ihre Wahrheit des Lebens? Hat man Sie betrogen?

THE ARTIST: In gewisser Hinsicht schon. Ich bin sehr von einigen Leuten bei meiner ehemaligen Plattenfirma enttäuscht. Ich habe ihnen Unsummen angeboten, um die Rechte an meinen alten Songs zurückzukaufen. Sie haben nur gelacht. So etwas prägt.

JOURNAL: Wie viel haben Sie geboten?

THE ARTIST: Eine zweistellige Millionen-Summe [in Dollar]. Mehr will ich nicht sagen. Die dachten wohl, ich bin ein eigentümliches Männchen, das sich mit den alten Hits einen netten Lebensabend machen will.

JOURNAL: Was würden Sie heute anders machen?

THE ARTIST: Ich werde mich nie wieder so fest an einen Vertragspartner binden wie damals. Ich habe mich als Lohnschreiber geknechtet und auch so bezahlt gefühlt. Bereichert haben sich damals die anderen. Jeder Song, den ich schrieb, zog lange Diskussionen nach sich. Nein, das kann und muss ich mir nicht mehr antun. Heute verdiene ich mehr als früher.

JOURNAL: Wie kann das sein? Ihre Plattenkäufe stagnieren doch?

THE ARTIST: Bis vor kurzem habe ich meine Musik über mein eigenes Label vertrieben. Da gehen sieben Dollar an mich. Mehr als früher. Damals bekam ich keine zwei Dollar pro Album.

JOURNAL: Sie gelten als Mensch, der Interviews hasst. Dafür reden Sie heute sehr offen. Was ist passiert?

THE ARTIST: Das Leben ist wie eine Illusion. Mit den Jahren habe ich mich stark von diesem Business abgesondert. Aus reinem Selbstschutz. Aber inzwischen fühle ich mich der Öffentlichkeit wieder gewachsen. Die Menschen haben außerdem ein Recht darauf zu erfahren, was mich bewegt. Sie sollen schließlich meine Musik auch jetzt im neuen Jahrtausend hören.

JOURNAL: Es gab Gerüchte, Ihre Ehe mit der Tänzerin Mayte sei am Ende. Was ist da dran?

THE ARTIST: Das ist dummes Geschwätz. Mayte und ich fühlen uns nach wie vor sehr wohl. Wahr ist, dass sie den Sommer in unserer neuen Villa in Marbella verbracht hat. Sie hat dort eine eigene Tanzgruppe aufgebaut. Das ist auch schon alles.

JOURNAL: Angeblich soll sie eine Affäre mit dem Flamenco-Künstler Joaquin Cortes gehabt haben.

THE ARTIST: Ach, das stimmt doch nicht. Marbella ist Jet-Set, da ist man nie unter sich. Solche Gerüchte tauchen schon auf, wenn man sich morgens am Kiosk trifft und zusammen die Zeitung kauft.

JOURNAL: Sie nennen sich The Artist, auf Ihrer Brust baumelt das allgegenwärtige Lovesymbol, Ihre Mitarbeiter reden Sie mit Sir an. Wie unterschreiben Sie Autogramme?

THE ARTIST: Ich gebe schon seit Jahren keine Autogramme mehr. Mir ist neulich etwas Komisches passiert. Ich war in Philadelphia am Flughafen. Plötzlich steht neben mir ein Pulk Menschen, die alle anfingen zu schreien. Ich hörte immer nur, wie eine Frau rief: “Oh mein Gott, er ist es.” Mittendrin, am lautesten, die beiden Tennis-Schwestern Serena und Venus Williams. Als ich sie erkannte, habe ich einfach mitgeschrien.

JOURNAL: Warum denn?

THE ARTIST: Weil sie so ungeheuer groß sind. Beim Tennis im Fernsehen sehen die beiden viel kleiner aus.