Von Gott gelenkt


The Artist gibt sich versöhnlich, verkauft seine Alben wieder in den Plattenläden und philosophiert über Gott und seine Musik’

A. Schipprack & I. Böck


Besonders redselig ist Prince Roqers Nelson noch nie gewesen. Als ein paar europäische Plattenbosse dem genialen Zwerg einmal zu seiner Tournee gratulierten, hörte sich The Artist die Glückwünsche artig an, ehe er seinem schrankgroßen Bodyguard etwas ins Ohr flüsterte. Dieser verneigte sich und überbrachte die Antwort: “The Artist says: thank you.”
Statt die Welt mit Worten zu überschütten, überschwemmt er sie lieber mit einer schier endlosen Songflut. Vier Alben (insgesamt neun CDs) veröffentlichte The Artist allein (und überwiegend via Internet) in den vergangenen zwei Jahren.

Seit einer Woche liegt nun “New Power Soul” seiner Band New Power Generation in den Läden. Nach wie vor gibt sich Seine durchlauchte Exzentrizität
funky und princegemäß: sexy, sinnüch-frech, manchmal weich wie ein Daunenkissen, dann wieder grob und groovy in den Dancefloor-Stücken.

Die Texte handeln vom Eheglück, von Sex und Liebe, vom “jam of the year", aber auch von Enttäuschungen. Das Album endet mit einem versteckten Track, und dieser klingt mit den
bedrückenden Tönen einer Herz-Lungen-Maschine aus.

Der Tod seines Söhnchens eine Woehe nach der Geburt hat den großen Mann in der kleinen Glitzerverpackung stiller werden lassen. Manchmal mag es ihm sogar ein wenig die
Frivolität seines glorreichen 80er-Jähre-Sounds genommen haben. Diesmal aber liegt seine Scheibe wenigstens wieder in den PIattenläden aus, und Mister-wie-er-auch-immer-heißen-mag gibt sich im Interview zugänglich.

FOCUS: Wie heißen Sie denn zur Zeit? TAFKAP oder The Artist?

The Artist: The Artist ist schon richtig.

FOCUS: Stört es Sie, daß aüe von Prince sprechen, auch wenn Sie mit dem Namen nichts mehr zu tun haben wollen?

The Artist: Prince steht für Sklaverei, The Artist bedeutet Freiheit. Ich habe mich umbenannt, weil die Musik von Prince den Musikbossen nicht mehr paßte. Sie wollten den Markenartikel Prince, nicht den Künstler. Auf einmal kam mir der Millionen-Vertrag wie eine große Lüge vor, und ich mußte mich von dieser Unterdrückung befreien.

FOCUS: Sie veröffenüichen ein Album nach dem anderen und horten Unmengen von Songmaterial Wollen Sie nicht mal eine Pause machen?

The Artist: Meine Kreativität ist ein Geschenk Gottes, für das ich sehr dankbar bin. Ich habe keine Kontrolle darüber. Ich komponiere, mixe und produziere, ohne mir Gedanken zu machen, wie das Material am besten vermarktet werden kann. Musik gibt mir Energie und versetzt mich in einen Trancezustand. Ich merke nicht, daß ich atme und daß mein Herz schlägt. Mich wundert immer, wenn andere Musiker während eines Konzerts vömg erschöpft über die Bühne hecheln. Ich schwitze nicht und fühle auch keine Erschöpfung. Ich könnte ewig weiterspielen.

FOCUS: Sie sind mit Songs wie “Purple Rain” und “ 1999” berühmt geworden. Werden Sie die Titel, deren Vermarktungsrechte Wamer gehören, nie wieder spielen?

The Artist: Doch, natürlich. Ich liebe diese Songs, schließlich sind sie ein Teü von mir. Ich bedauere keine Minute, was passiert ist. Im Gegenteü - meine Karriere besteht aus Hochs und Tiefs, und alles zusammen hilft mir, mich weiterzuentwickeln. Ich bin frei und froh, daß ich niemandem Rechenschaft ablegen muß und mit meinen Freunden Chaka Khan und Lany Graham eine neue Ära der New Power Generation ankündigen kann. Wir repräsentieren Freiheit und Freundschaft - nicht Macht und Money.

FOCUS:
Aber Ihre Fans waren reichlich verwirrt ...

The Artist:
Wer Respekt vor einer Person hat, gibt ihr auch die Möglichkeit, sich zu entwickeln und zu verändem. Ich kann doch nicht immer auf der Stelle treten, nur um sicher zu sein, nicht mißverstanden zu werden. Mein Leben ist von Gott gelenkt, und er ist es, der mir wie eine innere Stimme sagt, wo es langgeht.

FOCUS: Er hat Ihnen eine Namensändemng eingeflüstert?

The Artist:
Ja, und er wird mir auch zeigen, wenn sich in meinem Leben wieder etwas ändern muß.

FOCUS: Die Frau des US-Vizepräsidenten gründete eme Kommission, die sich auch gegen Ihre unanständigen Songtexte wandte. Hat Sie das beeindruckt?

The Artist: Ich benutze eine starke Sprache, um eine starke Aussage zu machen. Das ist alles. Es ist nicht unbedingt meine Absicht zu provozieren. Aber ich lasse mir auch nicht vorschreiben, was und wie ich es schreiben darf.

FOCUS: Sie sind sehr religiös, haben vor zweieinhalb Jahren geheiratet und
leben zurückgezogen in Indianapolis. Was ist aus dem skandalumwitterten, exzentrischen Musiker geworden?
The Artist: Mayte, die ich übrigens in Frankfurt kennengelernt habe, ist die größte Bereicherung meines Lebens. Sie ist wie ich sehr spirituell und hat mir gezeigt, was es heißt, im Hier und Jetzt zu leben. Es gab eme Zeit, in der ich mir den Kopf über meine Vergangenheit oder meine Zukunft zerbrochen habe. Das machte aües keinen Sinn. Waszählt, ist die Gegenwart, und Mayte ist nicht nur die Liebe meines Lebens, sie
ist meine Seelenverwandte, die es mir einfacher macht, mit Gott zu sprechen.

FOCUS: Hüft Ihnen Ihr Glaube auch  über den üragischen Tod Ihres ersten Kindes hinweg?

The Artist: Wir haben uns entschieden, nicht über unser PrivaÜeben zu sprechen. Das bitte ich zu respektieren.

FOCUS: Ihre Bandmitglieder sind zumeist schöne Frauen wie Sheela E. Sind Frauen die besseren Musiker?

The Artist: Ich stelle meine Band nach Talent zusammen, nicht nach Geschlecht. Offensichtlich habe ich einige Frauen gefunden, die mich mehr überzeugen als Männer. Eine davon ist Sheela E. Für mich gibt es keine bessere Percussionistin.

FOCUS: Dire Alben waren eine Zeit nur noch im Internet zu bestellen. Neuerdings beliefern Sie wieder die Plattenladen und promoten sogar Dir Album. Ist das der reumütige Versuch, an den Ruhm der Vergangenheit anzuknüpfen?

The Artist: Erfolg bedeutet für mich nicht mehr, wie viele LPs ich verkaufe, ob ich damit viel Geld verdiene und ein Superstar bin. Für mich zählt heute, daß ich mich mit Leuten umgebe, die ehrlich sind und denen es um die Kirnst der Musik geht, nicht um die der Umsätze. Deshalb habe ich auch Chaka Khans neue Platte “Come 2 My House” prodiiziert.
FOCUS: Um ürr wieder auf die Füsse zu helfen?

The Artist: Sechs Jahre hat sie kein Album mehr herausgebracht, sie war am Ende, sie war tot. Aber nicht, weü sie keine gute Musikerin ist, sondern weü sie von der Industrie abgestempelt wurde. Früher haben wir über unsere Songs gesprochen, heute zerbrechen wir uns den Kopf darüber, wie wir trotz lukraüver Angebote unsere Identität als Künstler behalten können.