Post date: July 26, 2025
Ich bin in Deutschland aufgewachsen. Ich habe die Demokratie in Deutschland immer als eine gute Staatsform wahrgenommen. Die Mehrheit entscheidet über Dinge, die für alle einheitlich geregelt werden muss. Sicher, es gibt auch Länder, die von einem König regiert werden und wo es den Menschen gut geht, aber die Demokratie läßt das Volk entscheiden. Zwischenzeitlich kam auch noch die wissenschaftliche Diskussion über die "Schwarm-Intelligenz" hinzu, die so schön mit der Mehrheitsentscheidung in einer Demokratie harmoniert.
Aber was ist die Grundlage dieser Entscheidungssicherheit, die auf der Meinung von vielen (der Mehrheit) des Volkes basiert? Am besten erkennt man das, wenn man anderer Meinung als die Mehrheit ist. Du bist für ein Verbot von Autos in Innenstädten? ... für einen Ausstieg aus der EU? ... für die Einführung der D-Mark? Viele Themen sind "nicht mehrheitsfähig" und werden deshalb nicht umgesetzt. Die Zeit zeigt dann, ob das gut war oder nicht. Andere Themen wie Klimaschutz oder höherer Gehälter in den Pflegeberufen werden auch nicht umgesetzt, obwohl es wahrscheinlich besser wäre. Also wie stellt man in der Demokratie sicher, dass die Entscheidungen der Mehrheit des Volks gut sind? Ob sie richtig sind, kann man nicht ernsthaft fordern, denn viele Entscheidungen betreffen die Zukunft und es ist schwer vorher festzustellen, welche Entscheidung sich in einer komplexen und volatilen Welt als richtig erweisen.
Ich denke, die einzige Grundlage, die gute Entscheidungen des Volks sicherstellen können, ist Bildung. Wenn ich schon nicht vorher die Richtigkeit einer Entscheidung feststellen kann, dann sollte die Entscheidung mindestens die Fakten, Zusammenhänge und Mechanismen richtig erfassen, die als Basis der Entscheidung verwendet werden. Wenn man den Klimawandel bekämpfen will, dann sollte man nicht mehr CO2 produzieren. Dagegen ist die Entscheidung, den Klimawandel nicht zu bekämpfen eine gültige Meinung (nicht meine), aber man kann diese Meinung z.B. herleiten, weil man es für unmöglich hält, die notwendigen Maßnahmen global umzusetzen. Kein schöner Gedanke, aber ein gültiger Standpunkt.
Aktuell gewinnt man aber den Eindruck, dass viele Entscheidungen des Volks durch Lügen, Falschdarstellungen oder anderer Beeinflussung getrieben werden. Dabei wird auch oft Angst und Hass bewusst geschürt. Das finde ich unerträglich.
Die Möglichkeiten der Verbreitung solcher Lügen sind durch das Internet und Social Media leichter denn je. Die Filterblasen jedes einzelnen sorgt zudem dafür, dass die Beeinflussungen sehr schwer entdeckt werden können. Fakten-Checks werden nicht zur Pflicht der Social Media Betreiber gemacht, sondern eher abgebaut. Ein bedenklicher Trend.
Wo muss also diese Bildung herkommen, die das Volk in einer guten Demokratie braucht? Es fängt in den Schulen an. Die Ausgaben für Bildung sind vielleicht nicht gering, aber sie sind zu gering um wirklich gute Bildung für das gesamte Volk zu leisten. Hier muss mehr investiert werden.
Und es hört nicht in den Schulen auf. Auch in öffentlichen Diskursen, Berichten und Kundgebungen muss ein Fakten-Check zu einer Selbstverständlichkeit werden. In den Niederlanden gab es mal den Ansatz, dass jede Partei vor der Wahl die Finanzierbarkeit ihres Patreiprogramms nachweisen musste. Ein guter Ansatz.
Wenn wir die Bildung des gesamten Volks vernachlässigen, wird die interlektuelle Elite bald merken, dass Vernunft nicht mehr die Mehrheit des Volks widerspiegelt. Und wo das hinführen kann, haben wir ja in Deutschland 1933 bereits lernen müssen. Das darf sich nicht wiederholen!