Vulgo-Namen von 'Adels-Christel' bis 'Zwitscher'

In alten Zeiten haben sich in Wildbach die Inwohner gegenseitig Spitznamen, auch Vulgonamen genannt, "verpasst". Viele dieser oft eigenwilligen Namen lassen darauf schließen, dass sie zur Unterscheidung bei gleichen Familiennamen dienten. Fantasievoll waren die meisten und ganz sicher wurden auch die Eigenheiten und die Eigenschaften der jeweiligen Namensträger bei der Vergabe dieser Spitznamen angewendet.

Aufgrund der Vielzahl der gleichen Nachnamen im Dorf, wie MEHLHORN, HEYDEL, SCHUBERT, GÖCKERITZ oder EBISCH, kam es oft zu Verwechslungen, besonders wenn dann noch die Vornamen öfters vertreten waren, da damals die Namen Johannes, Wolf, Martin oder Christian sehr häufig waren. Also bekam man einen Beinamen, gebildet etwa nach charakterlichen Eigenschaften, nach auffallenden, äußerlichen Merkmalen, geografischer Lage des Wohnortes oder nach Berufen. Einige gaben sich diesen Beinamen selbst, die meisten aber erhielten ihn wohl ohne ihr eigenes Zutun und waren eventuell auch nicht immer erfreut mit diesem Beinamen angesprochen zu werden.

  • In den Zeiten vor 1600, wo Aufzeichnungen vorhanden sind, fand ich nur recht wenige solcher Vulgonamen in Wildbach, es gab zum Beispiel Wolf Weydisch „den Älteren“ (1470-1532), Hans EBISCH „den Jüngeren“ (1540-1591), Georg BAUMANN „den Älteren“ (1579-1649) – was meist darauf zurückzuführen ist, das der erstgeborene Sohn der Familie oft den Namen des Vaters erhielt und somit diese Beinamen nichts anderes bedeuten wie das uns bekannte „Senior“ und „Junior“. Da Vater und Sohn oftmals gleichzeitig selbst Gutsbesitzer waren, wurden die Personen nun durch diese Bezeichnungen unterschieden. In Einzelfällen gab es aber auch einfach nur zwei oder mehrere Personen in Wildbach zur gleichen Zeit mit demselben Namen.
  • Über viele Generationen wurden die Nachkommen des Georg MEHLHORN (1697-1780) welcher den Spitznamen „Schwarz“ trug, vererbt. Die Beinamen zu Michael MEHLHORN „der Dicke“ (1626-1700), Georg KUNZ „der Große“ (~1544-1615), Johann Gottlieb KUNZ „der kleine Lieb“ (1830-1893) oder Christian Friedrich SCHAUER „Bart-Schauer“ (1806-1883) erklären sich in diesen Fällen wohl selbst und weisen auf die Statur oder Aussehen dieses Einwohners hin.
  • Durch die Vergabe des Vornamens des Vaters oder der Mutter und die Kombination mit dem eigenen Vornamen entstanden in Wildbach Vulgonamen, welche wir sogar heute noch im Dorf benutzen. Fragt man die eingesessenen Einwohner in Wildbach nach dem „Gette“, wissen die meisten wo dieser wohnt. Dieser Vulgoname hat sich allerdings etwas angepasst und heißt eigentlich „Jette“. Dieser häufig gebrauchte Beiname dieser Familie stammt von der Namensgeberin Henriette MEHLHORN geb. LANDGRAF (1834-1906) - kurz „Jette“ genannt. Der erstgeborene wurde „Jette-Ernst“ (1863-1926) gerufen, dessen Bruder war „Jette-Herrmann“ (1865-1949) und dessen Sohn Erich wiederum hieß „Gette-Er“ (1905-1990). Heute, 4 Generationen nach Henriette, wird deren UrUrEnkel heute noch so genannt.
  • Der Pferdefrongut-Besitzer Abraham MEHLHORN (1634-1715) war im Ort nur der „Bauer-Abraham“, nicht weil er etwa Bauer war, denn das waren damals fast alle Einwohner, sondern weil er 1658 eine Maria BAUER heiratete. Ebenso entstand der Name „Zeuner-Werner“, als 1838 Johann Gottfried WERNER (1811-1885) seine Verlobte Johanne Christliebe ZEUNER ehelichte. Der aus Lerchenberg stammende Johann Christoph WINDISCH (1797-1847) brachte den Beinamen „Günther-Windisch“ mit nach Wildbach. Sein Sohn August Friedrich, ein Maurer und Hauserbauer, hieß hier nur „Günther-Windisch-August“.
  • Sprechen die Alten in Wildbach über das Adam-Gut oder die Adam-Wiese ist damit das Gut neben der Pfarre gemeint. Dort war von 1799 bis 1940 die Familie Johann Adam Friedrich MEHLHORN (1781-1849) ansässig, welche den Vornamen des Vaters über drei Generationen weitergaben. Aber auch der Großvater hieß schon Johann Adam (1727-1798). Diese Familie MEHLHORN besitzt seit dem Jahre 1746 heute noch dieses ehemalige Pferdefrongut.
  • An der Langenbacher Straße war die Familie des Christoph HEYDEL (1731-1794) ansässig. Diesen nannte man hier „Bach-Toffel“. Sein Enkel Carl August wurde nur „Bach-Toffel-Gustl“ und der Gutserbe Johann Gottfried zwei Generationen später auch nur „Bach-Toffel-Fried“ gerufen.
  • In meinem Elternhaus lebte beispielsweise der Sohn des Hauserbauers Johann Gottlob HEYDEL (1800-1866), welchen man den „Rosen-Lob“ nannte – nicht weil er Rosen züchtete, sondern da seine Mutter Rosina hieß. Weitere Vulgo waren auch „Penel-Hans“ – aus Benedix WENDLER (*~1515) und seinem Enkel Johannes, „Wolf-Anders“ – aus Wolf EBISCH (1550-1617) und seinem Enkel Andreas, „Fabel-Hans“ – aus Vater Fabian MEHLHORN (1634-1709) und Sohn Johannes, „Thom-Michl“ – aus Thomas MEHLHORN (1608-1683) und Sohn Michael, „Adel-Christl“ – aus Adam MEHLHORN (1647-1727) und seinem jüngsten Sohn Christian, „Gregor-Lob-Fritz“ – aus dem Beinamen des Vaters Johann Gottlob MEHLHORN (1800-1882) und Sohn Johann Christian Friedrich, „Poppen-Paulus-Michl“ – aus dem Spitznamen des Vaters Paul MEHLHORN (1619-1701) und Sohn Michael.
  • Zuletzt genannter bringt uns gleich auf die weitere Weise, welche verantwortlich ist, das viele Spitznamen auf die Geografie im Dorf zurückführt, denn „Poppen-Paulus“ war der Beiname für Paul MEHLHORN, welcher am Poppenholz wohnte. Dessen Nachfahren werden unter anderen „Poppenhölzer“, „Poppen-Christl“ oder einfach nur „Popp“ gerufen. Jeder in Wildbach wusste nun die Familie von den anderen MEHLHORN Familien zu unterscheiden.
  • Ein ganz schlauer Wildbacher war der Gutsbesitzer und Richter Johannes SCHUBERT (~1490-1539), welcher den Beinamen „Frank“ trug. Dieser nannte drei seiner Söhne einfacherweise gleich alle Hans. Das hatte vielleicht auch seine Vorteile wenn die Mutter zum Essen rief und nur einen Namen aufs Feld schreien musste, aber es ergaben sich sicher auch Probleme. Nun vergab man den drei Spitznamen wie „Hans-Frank“, „Keyser-Frank“ und „Pöpel-Frank“. Bisher habe ich leider keine Hinweise finden können warum die Schuberts damals „Frank“ hießen. Es gab zumindest keine Familie mit diesem Namen. Vermutlich bedeutet dieser Name so viel wie – aus Franken stammend – aber das bleibt wohl vorerst eine Vermutung. Bis in die Jahre um 1850 werden hier in Wildbach und Stein einige SCHUBERT als „Frank“ bezeichnet.
  • Georg MEHLHORN (1688-1751) erbaute sein Haus auf dem hiesigen Anger, dem gemeinen Platz in der Dorfmitte, und war ab 1717 nur noch als „Anger-Görg“ bekannt.
  • Georg Friedrich BECHER (1805-1893) ein Gutsbesitzer, der seinen Besitz seinem Sohn übergeben hatte, erbaute 1866 die heute bekannte ehemalige CLAUS-Mühle im niederen Dorf. Er und seine Söhne wurden ab diesem Zeitpunkt mit dem Beinamen „Mühlen-Becher“ geführt.
  • Viele im Ort wissen heute auch noch die beiden nebeneinander liegenden BECHER-Güter im oberen Dorf zwischen dem „Straßen-Becher“ und dem „Wiesen-Becher“ zu unterscheiden.
  • Bei zwei Nachbarn, ebenfalls im oberen Dorf, welche beide Alfred GERBER hießen und beide sogar noch weitläufig verwandt waren, wurde kurzerhand einem der Geburtsname der Großmutter verpasst und fortan hieß dieser „Queck-Fred“ (*1920). Der andere bekam den Beinamen „Winnisch-Fred“ (*1924), da seine Urgroßmutter eine geborene WINDISCH war. Somit war eine Verwechslung zumindest hier im Dorf unterbunden.
  • Auch durch Berufe wurden Beinamen vergeben. Der Dorfschmied Peter SCHUBERT (*~1587) war einfach der „Schmied-Peter“, der Schneidermeister Georg MEHLHORN (1595-1662) war „Schneider-Görg“, der Maurer Carl Friedrich SCHIPPEL (*1814) hieß „Schippl-Maurer“. Andreas MEHLHORN (1620-1687) war hochfürstlicher Vogelsteller in Wildbach und Stein. Auf diese Zeit geht sicherlich auch die Ortsbezeichnung des bekannten „Vogelherdes“ als dessen Jagdrevier zurück. Er wurde von der hiesigen Einwohnerschaft nur der „Zwitscher“ genannt. Gottlob Friedrich SCHULZ (1805-1867) wurde nach dem Beruf seines Vaters benannt, welcher zwickauischer Ratsförster im Poppenholz war – er war kurz und knapp der „Jäger-Fritz“.

Nun werden heute noch umgekehrt einige Flurnamen nach diesen Spitznamen, die viele nicht mehr kennen, genannt. Am „Bunge-Berg“ wohnt schon lange keine Familie BUNGE mehr. Das Gut an der „Heydel-Gasse“ besitzt kein HEYDEL mehr. Nur durch das Weitergeben von Werten unserer Heimat und Traditionspflege können solche interessanten Namen weiter lebendig sein oder wieder aufleben.


Stefan S. Espig, Wildbach

("Die Historische Seite" - erschienen im Gemeindeanzeiger Bad Schlema 09/13 am 28.08.2013 Seite 13)

"Ein Mensch, der keine Heimat hat, gleicht einem windverwehten Blatt."

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