Der königlich sächsische Halbmeilenstein

Der gestiegenen wirtschaftlichen Bedeutung unserer Erzgebirgsregion haben wir es zu verdanken, dass gegen Ende des 17. Jahrhunderts, auch unsere Umgebung postalisch erschlossen wurde. Eine wichtige Rolle spielte hierbei die Stadt Schneeberg, die durch die reichen Silberfunde einen großen Teil dazu beitrug und zu einem wesentlichen Knotenpunkt wurde. Am 12. Oktober 1692 eröffnet die sächsische Post ihre erste Verbindung ins Erzgebirge: die fahrende Post Leipzig-Altenburg-Zwickau-Schneeberg. Diese verkehrte wöchentlich zweimal und umliegende Städte wurden aufgefordert, an den Posttagen Boten nach Schneeberg zu senden, um den Schluss für Brief- und Paketbeförderungen herzustellen. Die nächste Poststrecke ist wohl die von Schneeberg-Eibenstock-Johanngeorgenstadt nach Karlsbad. Vom Januar 1708 an gibt es auch die direkte Reitpostverbindung von Schneeberg über Wildbach-Stein-Hartenstein und Stollberg nach Chemnitz mit Anschluss nach Dresden.

Zu damaliger Zeit hatte die sächsische Meile die Länge von 2000 Ruten, das waren 16000 Ellen, also ein Längenmaß von 9,062 Km oder 2 Postmeilenstunden. 1716 ernannte Kurfürst August der Starke, Adam Friedrich ZÜRNER zum „Kurfürstlich sächsischen Hofgeographus" und beauftragt ihn mit der Vermessung sämtlicher Poststraßen seines Landes. 1721 war dieser Auftrag durch Vorlage der neuen Kurfürstlich sächsischen Postkarte ausgeführt. Im selben Jahr erhielt ZÜRNER den Folgeauftrag, sämtliche Post und Landstraßen mit Postmeilensäulen zu bestücken. Ob in diesem Zuge in Wildbach schon eine Halbmeilensäule errichtet wurde, ist noch nicht nachzuweisen.

Ihre Bedeutung als Entfernungsanzeiger verloren die kursächsischen Postsäulen jedoch schon im Jahr 1840, dem Jahr, als in Sachsen die neue Meilenlänge eingeführt wurde. Jetzt entsprach 1 Meile der Strecke von 7,5 km und setzte damit voraus, dass das Land neu vermessen werden musste. (siehe Karte)

"Die Post ist die Trösterin des Lebens, denn sie verwandelt Abwesende in Gegenwärtige."

Als Beispiel für den nahen Postverkehr kann Gustav Anton SCHUBERT (1868-1952) aus Hartenstein genannt werden. Er war in Hartenstein mit seiner Postkutsche 3mal täglich für den reibungslosen Ablauf verantwortlich. (siehe Bild)

Nach der Einführung der neuen Meile um 1840 brauchte es noch geraume Zeit bis man sich im jetzt königlichen Sachsen für ein neues einheitliches System von Meilensteinen entschieden hatte. Besonders die SCHÖNBURGer wollten sich nicht so recht dem kurfürstlich sächsischen Anliegen anpassen. Von 1858 an begann man mit dem Aufstellen der aus Cottaer Sandstein gefertigten Meilenzeichen, die mit gusseisernen Königskronen verziert waren.

Es ist anzunehmen, dass im Zeitraum 1858-1862 auch die Postroute Schneeberg-Wildbach-Hartenstein mit derartigen Meilenzeichen versehen wurde und unser Halbmeilenstein seinen Standort fand. Das sie aber schon 15 Jahre später ihre Bedeutung verloren hatten, ist dem Deutschen Reich anzulasten, das 1875 der Pariser Meterkonvention beitrat und die sächsische Meile endgültig als Längenmaß abgelöst wurde. Vielerorts wurden die Steine zerstört oder als Baumaterial verwendet.

Meilenstein in Hartenstein

Meilenstein in Schneeberg

Nicht so in Wildbach, denn obwohl der Königskronen beraubt, blieb er bis in die 60er Jahre des 20 Jahrhunderts an seinem Originalstandort stehen. Erst in dieser Zeit wurde er aus Flurmeliorationsgründen abgebaut und fand einen neuen Standort an der Buswendeschleife am Ortseingang Wildbach aus Richtung Bad Schlema. Hier fristete er sein Dasein wenig beachtet und eher unansehnlich bis zum Herbst 2012. Es ist der großzügigen Spende einer Wildbacher Familie zu verdanken, die es ermöglichte, den Stein von einem erfahrenen, sachkundigen Steinmetzmeister restaurieren zu lassen.

Denkmalpflegerische Forderungen einhaltend, wurde der Originalstein aufgearbeitet und konserviert, so dass er am 25. Mai 2013 am Originalstandort an der Hartensteiner Str. 3, neben der ehemaligen oberen Wildbacher Schenke, wieder geweiht werden konnte.

Möge auch dieser Stein als Zeitzeuge uns immer wieder an unsere eigene Geschichte erinnern!

Stefan S. Espig, Wildbach

("Die Historische Seite" - erschienen im Gemeindeanzeiger Bad Schlema 09/14 - 27.08.2014 Seite 11)

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