Am Rande vermerkt

Unscheinbare Kritzeleien am Rand von uralten Dokumenten werden überflogen oder gar nicht wahrgenommen. Sie sind meist verwaschen, ausgeblichen oder nur fragmentweise zu entschlüsseln. Doch nimmt man sich Zeit für diese nicht besonders augenschonende „Leseübung“, kann man gar wunderliche und geschichtlich hochinteressante Notizen entziffern. Unser ältestes Kirchenbuch in Wildbach strotzt in seinen Anfängen nur so von solchen merkwürdigen Randnotizen der Schreibers, welcher meist der Pfarrer war. Neben den eigentlichen Einträgen über Taufen, Trauungen und Tod der Einwohnerschaft von Wildbach und Stein findet man beispielsweise solche Notizen:

  • „Anno 1611, In diesem Jar hat das Wetter in die Kirchspitz geschlagen, dieselbige uff der einen Seite sehr zerschmettert item der Wind ein Kirchenfenster hinein geworfen. Doch ist gleichwol inwendig dem Kirchengebeude kein Schade wiederfahren. Gar für den allmächtigen Gott höchlich zu danken und zu bitten, das er solches forthin vor dergleichen Unglück gnediglich und väterlich bewahren wolle.“

Was für mich sehr interessant für die im Dezember fertig gestellte Güter- und Häuserchronik für Wildbach war, sind Notizen wie diese aus den Jahre 1613:

  • „Der Kretzschmar alhier ist im folgenden 1613 auff der Gemein alhier gebauet worden, undt ist neben der Baustadt dem Girg MAUL alß dem ersten Besitzer solcher Schenk 2 Stück Wiesewachs angeweist worden. Davon Maul jarlichen dem Gotteshauß 1 Taler Zinß zu geben gewilliget.“

"Wo du weg willst wenn du älter wirst und zurück willst wenn du alt bist, das ist Heimat."

Starke Wettererscheinungen sind für uns in heutiger Zeit eher weniger bedrohlich, jedoch hing im Spätmittelalter oft die ganze Existenz vom Wetter ab. Man schrieb folgendes im Jahr 1616 auf:

  • „In diesem Jar ist ein trefflicher Dürrer Sommer gewest, Die Walde haben umb Exaudi angefang zu brennen, Welches gewehret hatt biß hin umb Jacobi, Dadurch nicht allein am stehenden Holz sondern auch dem Hammerhern an schnitten und Kohlen ein gerülicher Schade geschehn. Es ist auch am Diestag nach Trinitatis gegen abend ein geräusam und erschrecklich Donner und hagel Wetter auffgezogen, Die Schtossen sein trefflich gros gewest so geschwind wie der gefallen Daß man in Neugeackerten feld die stappen über etliche tage hernach hatt sehn können, hatt sonderlich das Korn gar entzwey geschlagen, Das früjar für das vieh ist fast gar aussen blieben, das die Leut noth halben dasselb müssen weg thun, Welches ein grosse unsach gewest das die Leut sehr in armuth gerathen. Gott der allmächtige wieder werde er gnediglich amen.“

Auch von Hochwasser in den Jahren 1573 und 1617 ist an den Rändern der vergilbten Seiten zu lesen, wie es auch 1619 wiederum der Fall war:

  • „Dieß Jar ist abermalß eine überaus große Wassers ergriffen gewesen an 7. Sontag nach Trinitatis. Da es unter der Frühpredigt angefang undt alle halben so gewaltig geregnett. Davon kegen dem abende eine plötzliche ungeheuer Wasserfluth angefallen, die an den Brücken und Wehren grossen Schaden gethan. Ist auch ein verherender Regen ein grausamer Sturmwind gangen und viel gutten Obstbäum niedergeworffen und in den Weldern für ein Schade geschehn.“

Und 1622 wiederholte sich dieses schreckliche Ereignis für unsere Ahnen zu wiederholten male:

  • „Diß Jar ist abermal umb Jubilate von dem grosen und schwer en Regen abermalß eine grose und erschreckliche Wasserfluth angefallen, die abermals das Gras verschwemmet, an Brücken und Wehren grossen Schaden gethan. Das untere Rode Wehr gar weg geführet. An der Seiten des steinischen einen grosen Durchbruch gemacht, welches wohl in zweien Jaren nicht auszufüllen. Und ist ieder menniglichen sehr bekümmert darumb so in so kurtzer Zeit solche drey grosse Wasser uff ein ander erfolget. Zweiffels ohne sein sie eine Bedeutung der grossen und gefehrlichen Kriegsleuffen so itzo in vollem Schwunge gehen. So wol auch der überauß grossen Theuerung an allem was der Mensch bedarff, also das die Leute wol wie EHR segne verschmachten möchten für Frucht undt Erwartten der Ding, die noch kommen sollen auff Erden.“

Über eiskalte Frühjahre, entsetzliche Dürren, Waldbrände, Missernten, und zu frühen Wintereinbruch finden sich in den nächsten Jahrzehnten viele Hinweise. Doch schlimmer waren wohl nur noch die Zeiten des 30jährigen Krieges welche auch vor unserer Heimat keinen Halt machten:

  • „Dieses 28. Jar ist abermall vor die armen Leute ein überauß böses Jar gewesen, den gleich am heiligen Abend zu Weinachten sein in dem armen Stedtlein Harttenstein und Lößnitz bis 300 Reisige Knechte einquartiert worden und übers Jar da gelegen. Undt weil die armen Unthertanen in der Herrschafft fast alle Wochen Schatzung, auch daneben Korn, Gerste, Hafer, Heu & Stro zuführen müssen, ist in solcher Kriegspressur mancher armer Mann umb seine Narung kommen.“

Und 4 Jahre später, anno 1632 ist vermerkt:

  • „In diesem jahr hatt der Allmechtige Gott uns und unseren lieben benachbarten allhier auch geweiset, was nemlich Krieg vor eine große Strafe und Plage sey, je damitt er die menschen umb ihre großen Sündt und Bosheit Willen kann züchtigen und heimsuchen. Denn da ist der Obriste HOLCKEe mit etlichen 1000, und mehr Mann, daß vergelt mitt 10000 Mann vor Eger herein an Zwickau gezogen, welcher Stadt er anfänglich des 15. und 16. mit etlichen Schössen stark zugesetzt, welche sich auch hernach mit gewisser allort ergeben. Darauf ist er mitt seinem Volck nach Schneeberg gezogen, dass er gantz und gar ausgeplündert und die köstlichen Kirchenschätze mitgenommen. Von dannen hat sich das Volck zu Ross undt Fuß in die umbliegen den Dörffer ausgetheilet, und alles geplündert. Sie haben auch viel Bürger und Bauern übel tractieret, sie mit Händen und Füssen gebunden, aufgehänget, etliche mit vergifteten Waffen tödlich verwundet, das auch keines wiederrum hatt können genesen. Theils haben sie also Volck gar erschossen. Und ob man fein so vermeinet es würde zum Ende kommen, weil sich HOLCKe mitt seinem Volck wieder nach Annabergk und an die Böhmische Grentze machte, so ist doch nach ihnen der General WALLENSTEIN mitt seiner völligen Armee zu Ross undt Fuß über solche Passen Zwickau, Aldenburgk und Leipzig kommen. Welches alles was noch übrig gewesen auch noch ausgeplündert worden. Es ist nicht zu sagen wie übermütlich es zugegangen. Der barmherzige Gott behüte uns ferner vor solchen Unheil umb Christi Willen. “


Stefan S. Espig, Wildbach

("Die Historische Seite" - erschienen im Gemeindeanzeiger Bad Schlema 03/14 am 26.02.2014 Seite 11)

"Angst vor dem Leid ist schlimmer als das Leiden selbst."

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