Die Akte 42 „Unglücksfälle & Selbstmorde“

Bei meinen Forschungsarbeiten im Archiv stieß ich auf einen sehr interessanten Aktenbestand für Wildbach mit der Signatur 42, in dem über diverse Unglücke und Selbstmorde im Dorf und dessen Fluren berichtet wird. Einige dieser „Anzeigen über nachbemerkter Unglücksfälle beziehentlich Selbstmorde“ zwischen den Jahren 1876 bis 1935 möchte ich hier wiedergeben und an das Leben und deren Schicksal erinnern, welches diese Menschen bewusst an ihr eigenes Ende führten oder völlig überraschend traf. Wir können nur erahnen wie groß der Schockzustand und die Trauer von der Nachricht des Verlustes derer Angehörigen gewesen sein möge.

Wir gedenken einen Augenblick in Stille der Verstorbenen.

  • Am Nachmittag des 25. Januar 1934, gegen 6 Uhr, nahm sich der Gutsauszügler Louis Hermann MÖCKEL (*1853 in Wildbach) in seiner Schlafstube, im Haus mit der Ortslistennummer 46, durch Erhängen das Leben. Als Beweggrund wird Lebensüberdruss genannt. Er war der Sohn des Stumpfwirkermeisters Johann Friedrich Ferdinand MÖCKEL und dessen Gattin Johanne Sophie geb. REUTHER. Louis war verwitwet und hinterließ 3 erwachsene Kinder.
  • Wegen eines Streitfalles traf auch der ledige Wirtschaftsgehilfe Carl Adolf REGNER (*1919 in Wildbach) am 4. Mai 1935 die Entscheidung seinem Leben selbst ein Ende zu setzten. Im Gut seiner Eltern, mit der Ortslistennummer 24, erhängte er sich in seiner Schlafstube, wo ihn sein Vater, der Bauer Max Linus REGNER, leblos auffand. Seine Mutter war Anna Frieda geb. ZEUNER. Carl war der jüngste Sohn von insgesamt 11 Kindern aus dieser Ehe.
  • Im Wald des Gutsbesitzers Paul EIBISCH fand dieser am Nachmittag des 5. Mai gegen 15:30 Uhr einen erhängten Mann, welcher nach Aussage des hinzugezogenen Arztes ca. 24 Stunden vor dessen Auffindung zum Tode gekommen sei. Aufgrund eines schweren Nervenleidens, so wurde später bekannt, hat sich Hermann Oskar von RYSSEL (*1871), ein Invalidenrentner vom Greifberg in Schneeberg, erhängt. Seine Ehefrau Anna Clara geb. FRÖTSCHNER gab an, dass der Verstorbene 2 Kinder hinterlässt. Oskar war der Sohn des Fabrikarbeiters Moritz Louis von RYSSEL und dessen Gattin Marie Pauline geb. KELLER.
  • Die gerade 11 Jahre alte Elfriede Dora BACHMANN (*1911) aus Stein, eine Schülerin in Wildbach, ertrank am 19. September 1922 in der Mulde und wurde im Betriebsgrabeneinlass der Holzschleiferei im Poppenwald tot aufgefunden. Ihre Familie, Vater Paul Albin BACHMANN und Mutter Rosa Milda geb. ZENNER, wohnte im Haus mit der Ortslistennummer 1 in Stein. Als Unglücksursache war ein Schwindelanfall angegeben worden.

Ostseite des Friedhofes

Pächterhäuschen

  • Im Teich des Gutsbesitzers Georg TAUT, mit der Ortslistennummer 17, fand man die Leiche des Wirtschaftsgehilfen Ernst Alfred LÖSCHER (*1902). Er erlitt am beim Nacht-Baden am 16. Juli 1920 gegen 23 Uhr einen Herzschlag und ertrank. Der 18jährige war der Sohn des Gutsbesitzers Paul Friedrich LÖSCHER und dessen Frau Anna Martha geb. ESPIG aus dem Unterdorf. Er arbeitete derzeit als Gehilfe auf dem TAUT-Gut.
  • Auf dem Weg zu seiner Arbeitsstätte zwischen Ortslistennummer 19 und 20 stürzte am 5. Oktober 1928 um ½ 10 Uhr Nachmittags Paul Ewald BECHER (*1891), ein Fabrikarbeiter, mit seinem Fahrrad so unglücklich, dass er einen Schädelbruch erlitt und auf der Stelle verstarb. Die trauernde Witwe war Olga geb. LEISTNER.
  • Aus Schwermut strangulierte sich am 3. Mai 1915 der Privatier Franz Anton ZEUNER (*1854) im Gut mit der Ortslistennummer 17 selbst. Der Tod trat vermutlich gegen 1 Uhr des Nachts ein. Mit 61 Jahren verließ er seine 2 Kinder und seine Ehefrau Hulda Pauline geb. EIBISCH. Anton besaß das selbige Gut bis 1913 selbst und wohnte dort noch als Auszügler, bis der seinem Leben auf dem Spitzboden ein Ende setzte.
  • Die kleine Marga Emma BECHER (*1910) fiel am 25. September 1913 neben dem Gut von Richard SCHETTLER, mit der Ortslistennummer 49, nachmittags um 3:30 Uhr in eine Jauchegrube und ertrank sogleich. Jegliche Versuche die 3jährige zu beleben schlugen fehl. Das Mädchen war die Tochter des Modelltischlers Paul Otto BECHER und seiner Gattin Anna Fanny geb. LÖFFLER.
  • Am 20. Februar 1896, mittags um 12:30 Uhr, fiel die ebenfalls 3 Jahre alte Clara Toni GERBER (*1893) in einen eiskalten Brunnen. Sie soll sogleich von einem Schlag getroffen worden sein. Die Eltern Ernst Oskar GERBER und Alma Emilie geb. REGNER wohnten im Haus mit der Ortslistennummer 39b. Sie war das älteste Kind dieser Ehe und hatte einen kleinen Bruder Theodor.


Dies soll ein kleiner Einblick in die Welt der traurigen Ereignisse gewesen sein, die unsere Vorfahren ereilte und auch uns immer wieder im Leben begegnen werden. Aber wir müssen lernen auch mit Trauer zu leben, das heißt, die Trauer annehmen, sich auf sie einlassen, das ganze Chaos widerstreitender Gefühle wie Wut, Aggression, Sehnsucht, Angst und Verzweiflung zulassen und durchleben, immer wieder zurückschauen auf das, was war, sich erinnern an den Verstorbenen und von ihm sprechen. Nur aus unseren Erinnerungen eröffnen sich neue Wege.


Stefan S. Espig, Wildbach

("Die Historische Seite" - erschienen im Gemeindeanzeiger Bad Schlema 05/15 - 01.05.2015 Seite 11)

"Für einen Vater, dessen Kind stirbt, stirbt die Zukunft. Für ein Kind, dessen Eltern sterben, stirbt die Vergangenheit."

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