Geschichten können tadellos gebaut sein: Eine Hauptfigur verfolgt ein Ziel, etwas steht im Weg, Wendepunkte machen das Erreichen oder Verfehlen dieses Ziels wahrscheinlicher. Trotzdem stellt sich beim Erfolg nicht selten Leere ein. Man folgt dem Geschehen bis zum Finale, die Spannung löst sich, Erfüllung soll eintreten – und doch bleibt ein Gefühl von Unbefriedigtsein. Nicht, weil zu wenig passiert wäre, sondern weil im Wollen der Figur keine nicht abklingende Unruhe wirksam war. Gemeint ist nicht, dass etwas klarer hätte formuliert sein müssen, sondern dass eine triebhafte Bewegung fehlte, die auch dann weiterwirkt, wenn ein Schritt im Plot erreicht ist.
Um zu verstehen, worum es hier geht, lohnt es sich, zwei Ebenen auseinanderzuhalten:
Das artikulierte Ziel: Die Figur will die Projektleitung, den Kontakt zu ihrem Kind, ohne Rückfrage reisen dürfen, öffentlichen Dank erhalten, ein Geheimnis lüften oder einen zerstörerischen Streit beenden. Ziele sind vielfältig, konkret und benennbar.
Die triebhafte Wiederholungsstruktur: Sie bedient sich des Ziels als Anlass oder Schauplatz. Es fungiert als Manifestation einer Bewegung, die sich nicht erschöpft. Sie zeigt sich im Nicht-aufhören-Können der Figur, in der Steigerung des Einsatzes, im Drang zur Eskalation – und darin, dass kein Erfolg je ausreicht.
Erst diese zweite Ebene verleiht einer Geschichte Tiefe, indem sie voraussetzt, dass ihr Konflikt nicht vollständig auflösbar ist. Der Trieb verlangt nicht nach Harmonie, sondern nach Fortsetzung.
Jedes Ziel verweist auf einen von vier wiederkehrenden Triebkreisläufen, in die es eingebettet ist:
aufzunehmen und dazuzugehören
festzuhalten, zu ordnen, Abläufe zu bestimmen
sichtbar zu sein – mit Scham, Lust am Sich-Zeigen oder Angst vor dem Blick
angesprochen und gehört zu werden – mit Anerkennung und Urteil
Diese Kreisläufe sind immer wirksam; sie können nicht intendiert, sondern nur realisiert werden. Eine Figur begehrt nicht „Kontrolle“, „Sichtbarkeit“ oder „Würdigung“ als solche, sondern Ruhm, Liebe, Macht oder Bedeutung als konkrete Ausformungen einer triebhaften Umlaufbahn. Deren Fortdauer kennt keinen Abschluss – was erklärt, warum ihre jeweiligen Zielsetzungen nie sättigen, auch wenn sie erreicht werden.
In tragfähigen Stoffen wirkt daher ein grundlegender Widerspruch: Die Figuren hängen nicht an einer Sache, sondern an der Unruhe, die sich mit ihr verbindet. Diese Unruhe kann nicht festgehalten werden. Die Figur erreicht einen Erfolg und merkt, dass es nicht genügt – nicht, weil das Ziel falsch gewählt war, sondern weil seine Erfüllung eine Bewegung freisetzt, die weiterdrängt.
Diese Unabschließbarkeit sorgt dafür, dass die Figur nachlegt, sich verbeißt, den Einsatz erhöht oder die Messlatte verschiebt. Dramaturgisch ist das ein Gewinn: Wiederholung, Eskalation, Tragik und Komik entstehen aus der Struktur selbst, ohne dass künstlich neue Hindernisse erfunden werden müssen.
Daraus ergibt sich die produktive Rolle des Widerstands.
Auf der Oberfläche verhindert der Widersacher den schnellen Erfolg – ohne Widerstand keine Handlung.
Darunter erfüllt er eine zweite Funktion: Er hält die Figur vom Moment fern, in dem Erfolg in Ernüchterung umschlägt. In vielen Stoffen liegt der eigentliche Abgrund nicht im Scheitern, sondern im Erreichen des Ziels, das sich als leer erweist.
Der Widerstand verzögert genau diese Erfahrung. Solange er besteht, bleibt das Ziel aufgeladen als Versprechen, das Wollen behält seine Orientierung. Der Gegner hält die Geschichte im Zustand des Noch-nicht und wird so – unbeabsichtigt – zum Komplizen der triebhaften Bewegung.
Das erklärt, warum Figuren sich mitunter an ihre Gegner binden. Wer den Widerstand beseitigt, verliert nicht nur ein Hindernis, sondern auch eine schützende Verzögerung. Fällt dieser Schutz weg, steht die Figur vor der Frage, wie sie mit ihrer triebhaften Bewegung umgehen soll, wenn das Ziel erreicht ist. An diesem Punkt kippen viele Geschichten in Melancholie, Tragik oder eine radikale Form von Komik. Erst hier wird echte Veränderung möglich.
Der Widersacher muss keine Person sein. Er kann auch eine Ordnung darstellen: Regeln, Normen, der Blick der anderen, die Stimme des Urteils. Dann richtet sich der Konflikt nicht gegen jemanden, sondern gegen Bedingungen, unter denen Sichtbarkeit, Gehör oder Anerkennung überhaupt möglich werden.
Mitunter liegt der stärkste Widerstand in der Figur selbst, in widersprüchlichen Triebbewegungen. Auch dann markiert ein Sieg kein Ende, weil diese Bewegungen nicht verschwinden.
Für das Konzipieren von Geschichten bedeutet das: Es reicht nicht zu klären, was eine Figur will. Ebenso wichtig ist die Frage, warum sie damit nie fertig wird.
Wenn das sichtbare Ziel benannt ist, sollte zugleich klar sein, welcher Triebkreislauf sich darin artikuliert – Zugehörigkeit, Ordnung, Sichtbarkeit oder Anspruch – und was jenseits des Ziels auf dem Spiel steht. Oft sind es nicht konkrete Verluste, sondern Ahnungen von Ausschluss, Beschämung, Verstummen oder Kontrollverlust.
Szenen gewinnen an Kraft, wenn diese Doppelbödigkeit spürbar bleibt: Die Figur nähert sich dem Ziel, doch die triebhafte Bewegung gibt keine Ruhe. Oder sie verfehlt es, und gerade darin wird sichtbar, was sie antreibt. Oder das Ziel wechselt, während der Trieb derselbe bleibt. Spannung entsteht dann nicht aus dem Schicksal des Ziels, sondern aus der Form, in der sich der Trieb fortsetzt.
Entsprechend sollte der Widersacher nicht nur den Erfolg blockieren, sondern auch eine Funktion im Untergrund erfüllen: Er hält die triebhafte Bewegung in Gang, indem er den Moment der Enttäuschung hinausschiebt. Das macht ihn weder sympathisch noch moralisch gerechtfertigt, wohl aber dramaturgisch unverzichtbar.
Am Ende steht eine Entscheidung, die über den Plot hinausreicht: Entweder die Figur setzt ihre Bewegung fort, weil sie keinen anderen Umgang mit ihr findet. Oder sie verändert ihr Verhältnis zu Zugehörigkeit, Ordnung, Sichtbarkeit oder Anspruch grundlegend, indem sie lernt, mit der triebhaften Bewegung zu leben. Wirklich abgeschlossen wird sie nicht – sie endet erst mit dem Leben selbst.
*
(Bindung, Nähe, Einschluss)
hineinwollen
Teil von etwas sein
im Innenraum bleiben
Verbundenheit
Loyalität
Fürsorge
Wärme
Abhängigkeit
Anpassung um jeden Preis
Selbstverleugnung
Angst vor Ausschluss
Aufnahme in eine Gruppe
Liebe, Familie, Freundschaft
Versöhnung
Heimkehr
Tischgemeinschaft
Umarmung
Zuhause
Einladung
Verstoßenwerden
Alleinsein
Bedeutungslosigkeit
Unsichtbarkeit im Kollektiv
(Kontrolle, Struktur, Verfügung)
stabilisieren
regeln
sichern
Verlässlichkeit
Verantwortung
Planung
Schutz
Kontrollzwang
Starrheit
Besitzdenken
Misstrauen
Machtposition
Eigentum
Regelhoheit
Sicherheit
Schlüssel
Vertrag
Schreibtisch
Karte, Plan, Liste
Kontrollverlust
Chaos
Entmachtung
Abhängigkeit von anderen
(Blick, Darstellung, Scham und Lust)
sichtbar sein
erscheinen
wirken
Ausdruck
Selbstbewusstsein
Präsenz
Charisma
Narzissmus
Schamfixierung
Exhibitionismus
Angst vor Entlarvung
Ruhm
Anerkennung
Erfolg
Bewunderung
Bühne
Spiegel
Kamera
Applaus
Beschämung
Bloßstellung
Lächerlichkeit
Übersehenwerden
(Stimme, Urteil, Bedeutung)
Antwort bekommen
gelten
Gewicht haben
Dialog
Sinn
Orientierung
Anerkennung durch Urteil
Abhängigkeit vom Urteil anderer
Autoritätsfixierung
Rechthaberei
Angst vor Verurteilung
Recht bekommen
eine Deutung durchsetzen
Urteil wenden
Anerkennung durch Instanzen
Gericht
Publikum
Lehrer, Richter, Vaterfigur
Mikrofon
Verstummen
Abwertung
Nicht-ernst-genommen-Werden
Sinnverlust
Wichtig ist: Triebe arbeiten selten allein. Geschichten gewinnen an innerer Bewegung, wenn sie einander aus dem Takt bringen. Diese Spannungen sind keine Gegensätze, sondern strukturelle Verkantungen.:
Gesehenwerden ↔ Dazugehören
(Sichtbarkeit gefährdet Zugehörigkeit)
Kontrolle ↔ Gehörtwerden
(Wer bestimmt, hört nicht)
Dazugehören ↔ Urteil
(Anerkennung kann Ausschluss bedeuten)
Sichtbarkeit ↔ Kontrolle
(Wer erscheint, verliert Steuerung)
Solche Reibungen erklären, warum Figuren sich widersprüchlich verhalten, obwohl ihr Ziel klar scheint.