Warten auf Rusty
Kurzgeschichte von William Cole
Kurzgeschichte von William Cole
Eines Tages werd’ ich’s dem Sheriff erzählen. Wenn er wieder sein Maul zu weit aufreißt, werd’ ich’s ihm zeigen. Auch wenn ich’s mir dadurch mit ihm verscherze, das ist mir die Sache wert …
Ich schließe gerade meinen kleinen Laden am Straßenrand, als sie auftauchen. Dotty und drei Männer. Einer hat ein abgesägtes Gewehr und steht am Fenster. Dotty und die anderen kommen an die Theke.
„Guten Abend, Herr Lehrer“, sagt Dotty und sieht sich um. „Bist du allein?“
„Ja“, sage ich, als ich wieder sprechen kann. „Aber…“
„Gut“, sagt Dotty. „Schließ die Hintertür ab und fang an, Whiskey auszuschenken.“
Sie trägt einen blauen Regenmantel, den sie im Nacken hochgeschlagen hat, und keinen Hut. Ihr helles Haar ist vom Wind ein wenig zerzaust. Sie sieht ungefähr so aus, wie ich sie in Erinnerung habe, als sie in Milbrook zur Schule ging, nur dass man ihr jetzt nicht mehr länger in die Augen schauen kann.
„Hören Sie, Fräulein“, sage ich, „Sie sollten nicht hierbleiben. Sie haben den ganzen Bezirk umstellt. Ich hab's gerade im Radio gehört.“
„Er hat recht“, sagt der Mann am Fenster. „Wir müssen weiter, Dot. Wir müssen weiter, und zwar schnell, sonst wachen wir noch im Leichenschauhaus auf.“
„Geh raus“, sagt Dotty, „und halt die Augen offen, sonst wachst du da sowieso auf.“
Sie kommt herüber und schaltet das Radio ein. Die beiden anderen Männer laufen weiter herum. Sie rauchen alle Zigaretten, eine nach der anderen.
Ich weiß genug, um zu tun, was man mir sagt.
Im Radio läuft nur Tanzmusik. Die beiden Männer sehen sich an, dann geht der Kleinere auf Dotty zu.
„Ich weiß, wie du dich fühlst, Dot“, sagt er. „Aber sie sind uns auf den Fersen. Wir müssen …“
„Ich hab’s schon einmal gesagt“, sagte Dot, „und ich sage es nicht noch einmal. Wir warten hier auf Rusty.“
„Und wenn er nicht kommt?“, fragt der Mann. Er reibt sich das Handgelenk. „Angenommen … Angenommen, er schafft es nicht? Angenommen …“
„Angenommen, du hältst dein Maul“, sagt Dotty. „Rusty hat gesagt, dass er hier sein wird, und wenn Rusty etwas sagt ….“.
Die Musik bricht ab und sie wirbelt herum, um die Radionachrichten zu hören. Es ist ungefähr dasselbe wie beim letzten Mal. Die Polizei hat ein Schleppnetz über den ganzen Norden des Bundesstaates ausgeworfen und ist zuversichtlich, Rusty Nelson und seine Bande jeden Moment dingfest machen zu können. Dotty hält nicht viel davon, aber als sie Rusty’s Mädchen und Gangsterbraut Nr. 1 genannt wird, lächelt sie und verbeugt sich.
„Nach dem gestrigen Banküberfall“, sagt der Sprecher, „trennten sich Rusty und Dotty, ein Auto fuhr nach Norden, das andere nach Nordwesten. Der Staatspolizist, der Dotty heute Nachmittag in Preston festnehmen wollte, ist auf dem Weg ins Krankenhaus gestorben.“
„Schade“, sagte Dotty. „Er hatte so schöne blaue Augen.“
Draußen auf der Hauptstraße fährt ein Auto vorbei und alle halten für einen Moment den Atem an. Dann wird die Musik wieder laut, und die Männer springen auf, um sie leiser zu stellen. Der Größere flucht leise.
„Kanada ist nicht groß genug“, sagt er sarkastisch. „Wir müssen uns hier treffen.“
Dotty schweigt.
Im Nu haben sie die Flasche Whisky ausgetrunken. Ich öffne eine andere.
„Vielleicht ist er nicht durchgekommen“, sagt der kleinere Mann. „Vielleicht hat er es versucht, aber es ging nicht.“
Wieder ertönt eine Radionachricht. Die Polizei hat Rusty in Gatesville gesichtet.
Da geht es Dotty gleich viel besser. Sie lacht. „Er ist in der Nähe von Gatesville“, sagt sie, „so wie wir in der Nähe von Sibirien sind.“
Sie fühlt sich gut, wenn sie an Rusty denkt. Die Musik macht ihr nichts mehr aus, so wenig wie die Männer. Sie fragt mich, ob sie aus dem Pavillon kommt, und ich sag‘ ja.
„Ich war mal dort“, erzählt sie, „mit Rusty. Sie veranstalteten einen Tanz, und er nahm mich mit.” Die Männer interessierte das nicht, und sie erzählte weiter. „Ich musste ein altes Kleid anziehen, weil ich nichts anderes hatte, aber Rusty sah mich und sagte: ‚Mädchen, wo hast du das neue Kleid her?‘ und wir sprangen in seinen Kessel und fuhren los.“
Jetzt läuft sie nicht mehr herum, und ihre Augen sind ganz anders.
„Sie haben den ganzen Platz hergerichtet … bunte Lichter an einer Schnur und die Tische unter den Bäumen und zwei Bands auf der Bühne. Sobald die eine aufhört, fängt die andere an. Und da ist ein Kerl in einer weißen Jacke mit kleinen Sandwiches, und man kann so viel nehmen, wie man will.“
In der Ferne heult eine Sirene. Die Männer ziehen ihre Waffen.
„Die Mädchen tragen alle Blumen“, sagt Dotty. „Und ich habe keine. Aber Rusty sagt: ‚Du wartest hier‘, und bald kommt er mit einem großen Blumenstrauß zurück, in allen Farben und Sorten. Nicht mal die Hälfte davon kann ich tragen, es sind zu viele. Und dann tanzen wir und trinken Punsch, bis die Bullen aufkreuzen. Und dann müssen wir raus, weil sie sagen, dass Rusty die Scheibe des Blumenladens in der Stadt eingeschmissen hat.“
Die Sirene ist jetzt viel lauter. Der Mann mit der Schrotflinte kommt angerannt.
„Gerade ist ein Streifenwagen vorbeigefahren!“, sagt er. „Komm, lass uns abhauen!“
Dotty scheint ihn nicht zu hören. „Geh wieder raus“, sagt sie zu ihm.
Das Gesicht des Mannes wird noch weißer. Er schaut Dotty an, dann die anderen. „Ich sage, wir gehen“, sagt er. „Rusty oder nicht Rusty. Wir werden hier alle abgeknallt.“
Die anderen Männer versuchen, ihn aufzuhalten, aber es gelingt ihnen nicht.
„Und wir wissen nicht einmal, ob er wieder auftaucht. Vielleicht ist er nach Süden oder Westen. Während wir hier warten, könnte er sogar …“
Dotty hat sich mit dem Rücken zur Bar gestellt. Sie winkt dem Mann mit der Pistole zu.
„Weg von der Tür“, sagt sie. Sie stützt sich auf die Ellbogen. „Lass die Rassel fallen und geh da rüber. Wir wollen nicht über dich klettern müssen.“
Der Mann braucht eine Minute, um zu begreifen. Dann geben seine Knie nach. Er öffnet ein paar Mal den Mund, aber es kommt nichts heraus.
Dann ist da dieses Rauschen im Radio, und der Ansager erzählt, wie Rusty unten in Talbot geschnappt wurde. Dotty steht da und hört zu, den Rücken an die Bar gelehnt.
„Es ist kein einziger Schuss gefallen“, sagt der Ansager. „Der Gangster wurde von dem Einsatz völlig überrascht. Mit Nelson in seinem Versteck war ein hübsches, dunkelhaariges, nicht identifiziertes Mädchen.“
Dann wieder dieses Radiorauschen und die Musik.
Eine Weile schaut niemand Dotty an. Dann eilt der Mann mit dem Gewehr zur Tür. Kaum hat er sie geöffnet, macht er sie wieder zu. „Da kommt ein Mann die Straße hoch“, sagt er. „Er trägt eine Dienstmarke.“
Eine gefühlte Ewigkeit rührt sich Dotty nicht. Dann streckt sie die Hand aus und schaltet das Radio aus. „Lasst ihn kommen“, sagt sie. „Ihr Jungs geht raus zum Auto.“
Die Männer widersprechen nicht. Sie nehmen den Hinterausgang.
Dotty geht langsam zur Tür. Als sie spricht, ist ihre Stimme nicht mehr flach.
„Weißt du“, sagt sie, „das mit den Blumen war komisch. Sie wollten einfach nicht steckenbleiben. Kaum hatte ich sie angesteckt, fielen sie wieder runter. Eines der Mädchen hatte gemeint, die Nadel sei zu groß.“
Sie geht hinaus auf die Veranda, und ich setze mich hinter die Bar.
„Hallo, Bulle“, höre ich sie sagen. Der Rest ist nur Lärm…
Eines Tages werde ich es dem Sheriff zeigen. Eines Tages wird er zu oft erzählen, wie er Dotty erwischt hat, und ich werde ihn auf die Veranda führen und es ihm zeigen…
Sicher, sie hätte ihn verfehlen können, sogar Dotty hätte ihn zweimal hintereinander verfehlen können. Aber sie hätte die beiden Kugeln nie in die Decke geschossen. Nicht Dotty. Nicht, wenn sie keinen Grund gehabt hätte. Nicht, wenn sie nicht sterben wollte.