Menschen verfolgen im Leben viele Ziele: beruflichen Erfolg, Anerkennung, Sicherheit. Doch hinter solchen Zielen steckt oft etwas Tieferes – ein innerer Trieb, der ständig dranbleibt. Dieser Puls gibt den Zielen erst ihre Bedeutung, benutzt sie als Vorwand für etwas, das keine Ruhe gibt.
Das Merkwürdige ist: Selbst wenn wir bekommen, was wir wollten, bleibt oft ein Gefühl der Unerfülltheit. Nicht weil das Streben falsch war, sondern weil das Erreichte nie genau dem genügt, was uns durchströmt. Wir jagen im Grunde nicht Dingen nach, sondern der Erregung, die sich damit verbindet – und nicht abschütteln lässt.
Man kann vier solcher Pulse unterscheiden:
Erstens: Der Trieb, aufgenommen zu werden und dazuzugehören. Nicht außen zu stehen, Teil von etwas zu sein, hineinzuwollen.
Zweitens: Der Drang festzuhalten, zu ordnen und zu bestimmen. Strukturen zu schaffen, Abläufe zu regeln, Kontrolle zu haben.
Drittens: Das Verlangen gesehen zu werden. Sichtbar zu sein, eine Wirkung zu erzielen, aufzutreten und zu erscheinen.
Viertens: Die Neigung angesprochen und gehört zu werden. Gewicht zu haben, ernst genommen zu werden, dass die eigene Stimme zählt.
Die Liebe lässt sich als die anspruchsvollste Verwirklichung des ersten Antriebs lesen. Dieser Trieb will in etwas aufgehen und wird durch die Liebe zum Wunsch umgesetzt, Anteil zu nehmen an der Eigenart eines ganz bestimmten anderen Menschen.
In der modernen Welt werden Menschen nur in Ausschnitten wahrgenommen – als Arbeitskraft, als Kunde, als Nachbar. Niemand sieht so den ganzen Menschen. Hier schafft die Liebe einen Gegenpol: einen geschützten Raum, in dem man nicht diese oder jene Rolle spielt, sondern als ganzer Mensch erscheint. Liebe wirkt wie ein Rückhalt gegen die Leere, die entsteht, wenn man sich in lauter Teilrollen verliert.
Der Liebesfilm erzählt, wie zwei Menschen, die zunächst verschiedene Rollen spielen, sich langsam aufeinander einlassen. Durch den anderen werden sie zum vollständigen Menschen, ohne dabei ihre Eigenart zu verlieren. Sie lernen, im selben Takt zu handeln, die gleiche Sprache zu sprechen.
Das Besondere an der Liebe ist ihr Widerspruch: Man will zugleich man selbst bleiben und den anderen wichtiger nehmen als sich selbst. Man gibt etwas von sich her, ohne sich jedoch preiszugeben. Man lässt den anderen sehr nah an sich heran, ohne ihn zu besitzen oder zu formen. Diese Spannung wird nicht aufgelöst, sondern produktiv gemacht – sie ist das Wesen der Liebe.
Betrachtet man die Liebe als diese gesteigerte Form des Drangs dazuzugehören, wird deutlich, dass die anderen inneren Triebe sie im Kern bedrohen oder verfälschen können:
Der Drang zur Kontrolle sucht Sicherheit, Regeln, Besitz. Doch Liebe besteht gerade in der Anerkennung von Eigenart, nicht in Regeln. Zu viel Struktur verwandelt die Liebe in eine Ordnung und zerstört damit ihren Kern: die willige Hinwendung zum Unverfügbaren. Wer bestimmen muss, bleibt unberührt.
Das Verlangen gesehen zu werden kann in der Liebe eine Rolle spielen – man möchte als ganze Person wahrgenommen werden. Doch wenn es nur noch um Selbstdarstellung oder Applaus geht, verliert dieser geschützte Raum seine Schutzfunktion. Die Liebe braucht Orte, an denen die Regeln von draußen gerade nicht gelten, wo niemand ständig zuschaut. Auf der Bühne kann sie keine Liebe mehr sein.
Der Wunsch nach Urteil und Bestätigung durch Instanzen steht im Widerspruch zum bedingungslosen „Hier bin ich!", das die Liebe ausmacht. Ein Verhältnis, das den anderen ständig bewertet und abwertet, blockiert die Hingewandtheit, die erst Liebe ermöglicht. Liebe ist kein Gericht, sondern ein Ort, an dem man nicht erst beweisen muss, dass man würdig ist.
Der Liebesfilm ist damit ein erzählerisches Versuchsfeld, in dem das Bedürfnis nach Zugehörigkeit gegen die Widerstände der Welt und gegen die eigenen einschränkenden Impulse verteidigt wird. Er erzählt, wie zwei Menschen ihre gewohnten Rollen verlassen, wie sie aufhören, nur zu kontrollieren, nur gesehen werden zu wollen oder nur recht haben zu wollen – und sich stattdessen aufeinander einlassen.
Die Liebe siegt dort, wo der Trieb zur Bindung stärker ist als der zur Herrschaft, zur Selbstdarstellung oder zur Rechthaberei. Sie ist keine harmonische Problemlosigkeit, sondern das ständige Aushandeln zwischen Selbstbehauptung und Hingabe. Sie ist Arbeit, nicht Harmonie – und gerade darin liegt ihre Tiefe.
Am Ende des Liebesfilms haben beide Figuren sich entschieden. Sie sind mit ganzem Herzen dabei. Nicht weil alle Probleme gelöst wären, sondern weil sie bereit sind, die Spannung zwischen Autonomie und Verbundenheit gemeinsam auszuhalten. Das ist der Moment, in dem aus dem Drang nach Zugehörigkeit wirkliche Liebe geworden ist: eine Bindung, die nicht verschlingt, sondern befreit.