Mit jeder Neigung im spannenden Film ist notwendig verbunden, wie sie zum Ziel gelangt – oder gelangen könnte, sollte sie scheitern. Die Absicht ist dabei nicht zu verwechseln mit der Vorstellung, die einen Trieb zur Neigung macht. Wenn jemand ein Schokoladeneis vor mich hinstellt, stellt sich eine Neigung ein (Vorstellung: Eis - Trieb: vital), die Absicht aber ist das Verzehren der Köstlichkeit.
Eine Absicht ist notwendig die Ausmalung eines künftigen Geschehens, das eigenes oder fremdes Tun umsetzt oder beendet. Nichts fesselt den Zuschauer mehr als das Auftauchen zweier Neigungen, von denen nur eine sich verwirklichen kann. Das gilt für Konflikte zwischen Menschen ebenso wie für solche im Inneren eines Menschen. Ein Ermittler will herausfinden, wie das Verbrechen geschah, während der Verdächtige es ihm verheimlichen will. Oder ein Protagonist fühlt sich zu jemandem hingezogen, aber sein Stolz hält ihn fern.
Die unvereinbaren Neigungen stehen mindestens zueinander wie Ja und Nein. Noch erregender wird ihr Verhältnis, wenn anstelle eines Neins ein aktives anderes Ja tritt. Das Widerspiel will dann nicht bloß etwas aufhalten, sondern seine konkurrierende Richtung durchsetzen. Ein Vater will dann nicht nur verhindern, dass seine Tochter diesen Mann heiratet, sondern durchsetzen, dass sie einen bestimmten anderen wählt.
Eine Absicht kann für das Publikum einen Wert darstellen oder als halbe Sache und daher schädlich angesehen werden. Jeder Zuschauer hat seine eigene Wertehierarchie und unterscheidet zwischen angemessenen, tüchtigen und bedeutsamen Absichten auf der einen Seite, unvorteilhaften und trügerischen auf der anderen. Im Unterhaltungsfilm gilt: Die vom Publikum höher bewertete Absicht muss am Ende siegen – notfalls auch gegen die Neigung der Hauptfigur.
Filme, die das Publikum berühren, tun dies hauptsächlich, weil es die Absichten der Figuren – bestenfalls die des Protagonisten – zu schätzen weiß. Finden diese keinen Anklang, bleibt der Zuschauer unberührt. Was als wertvoll gilt, unterscheidet sich je nach Alter, Neigung und Bildungsstand des Publikums.
Eine Handlung wird umso mitreißender, je mehr der Zuschauer das Anliegen der Hauptfigur für sich selbst begehrt. Protagonisten, deren Absichten die Wünsche des Publikums widerspiegeln, haben von Anfang an eine höhere Chance auf Beliebtheit. Das lässt sich nutzen, ohne trivial zu werden – denn tiefere Sehnsüchte existieren in uns allen. Gute Drehbuchautoren kennen diese und müssen sie nur wachrufen.
Der erregendste Widersacher aber ist jener, der die Hauptfigur nicht nur besiegen, sondern verwandeln will – dass sie seine Absicht zur ihren macht.
Es gibt kaum etwas Spannenderes als zwei starke Figuren, die mit allen Mitteln um etwas ringen, das nur eine - auf Kosten der anderen - durchsetzten kann.