1. Was ist Liebe?
Liebe lässt sich besser nicht als ein feststehendes Gefühl, sondern als ein Mittel der Verständigung begreifen, das sich in Zeichen und Bedeutungen vollzieht. Ihre wichtigste gesellschaftliche Aufgabe besteht darin, eine höchst unwahrscheinliche Verständigung – nämlich das Eingehen auf die unverwechselbare Eigenart eines anderen Menschen – erfolgreich und erwartbar zu machen.
In der westlichen Kultur ist der Liebesbegriff durch eine wesenshafte Spannung zwischen zwei Polen geprägt:
Leidenschaft und Rausch: Hier wird Liebe als ein „göttlicher Wahnsinn" oder eine „Leidenschaft" verstanden, die den Liebenden widerfährt (sie erleiden sie) und sie jeder moralischen oder gesellschaftlichen Rechenschaftspflicht enthebt. Diese Form der Liebe sucht die Grenzüberschreitung und benötigt das Hindernis, um ihre Kraft zu entfalten.
Nächstenliebe und Beständigkeit: Dieser Pol betont die Liebe als eine bewusste Handlung und Entscheidung für den „Nächsten" in seiner begrenzten, wirklichen Gestalt. Hier geht es um die Heiligung des Alltags und die Dauerhaftigkeit einer Bindung.
Liebe wirkt wie ein Rückhalt gegen Leere. Durch die Anerkennung eines anderen gewinnt das Dasein an Gewicht. Wenn sich zwei Menschen aufeinander einlassen, entsteht zwischen ihnen eine eigene Welt.
Im Liebesfilm geht es darum, zwei getrennte Welten zusammenzuführen. Am Anfang stehen zwei Hauptfiguren, die jeweils in ihrer eigenen Wirklichkeit leben. Damit die Geschichte stimmig ist, haben beide gleich viel Gewicht und Bedeutung.
Meist wirken diese Figuren zuerst sehr verschieden, sogar gegensätzlich. Im Laufe der Geschichte zeigt sich jedoch, dass sie sich innerlich gut ergänzen und auf einer tieferen Ebene zueinanderpassen.
Beim Liebesfilm kommt es an auf:
Handeln statt Reden: Da tiefere Gefühle oft nicht in Worte zu fassen sind, nutzt das Filmgenre Gesten und greifbare Gegenstände als Bedeutungsträger. Ein Austausch von Dingen vermittelt Ahnung und Gefühle.
Das Rätsel des Zufalls: Der Beginn einer Beziehung wird erzählerisch oft als „Zufall" dargestellt, der jedoch sofort in ein „Schicksal" umschlägt, was die Unausweichlichkeit der Bindung unterstreicht.
Raum für Vertrautheit: Viele wichtige Szenen spielen an Orten, die wie eine eigene kleine Welt sind. Dort gelten die Regeln von draußen nicht, und niemand schaut ständig zu. Erst in solchen geschützten Räumen können sich die Figuren wirklich aufeinander einlassen.
Im Gegensatz zu anderen Filmgattungen, in denen die Liebesgeschichte oft nur eine Nebenhandlung darstellt, ist sie im Liebesfilm der Hauptstrang. Während das Trauerspiel den Untergang der Leidenschaft durch äußere Hindernisse zum Thema machen kann, zielt die Liebeskomödie auf die Überwindung innerer Widerstände ab.
Das Schreiben eines Liebesfilms lässt sich als schrittweise Entwicklung des „Aufbaus von Vertrauen" abbilden:
Die Hauptfiguren werden in ihrer gewohnten Welt eingeführt. Entscheidend sind hier die Rollen, welche sie spielen – und das dadurch ungelebte Leben, welches ein Loch in ihrem Herzen hinterlässt. Sie bestimmen sich über ihr Profil, die "Fratze", sind aber in ihrer Eigenart noch unbestätigt.
Beim ersten Zusammentreffen prallen zwei Fratzen aufeinander. Ein wesentlicher Moment ist das „Auf keinen Fall", der bewusste Widerstand gegen die Liebe, der oft in einem widersprüchlichen Verhalten mündet: beide fühlen sich angezogen, lehnen dies aber pflichtschuldigst ab. Um die Handlung voranzutreiben, bedarf es einer äußeren Kraft, welche die Selbstdarsteller zwingt, Zeit miteinander zu verbringen, ohne dass sie sich aus dem Weg gehen können.
Im mittleren Teil der Geschichte treten die Profile zurück. Dies geschieht durch gemeinsame Erlebnisse, in denen die Hauptfiguren feststellen, dass sie durch den anderen zum „neuen Menschen" werden. Sie beginnen, die gleiche Sprache zu sprechen, im selben Takt zu handeln.
Kurz vor der Erfüllung kommt es zum Rückzug. Hier bekommt das Bild des neuen Lebens Risse, und die Hauptfiguren suchen Schutz in ihren gewöhnlichen Rollen. Ohne den anderen drohen sie wieder in ihr ungelebtes Leben zurückzufallen.
Die Lösung erfolgt nicht durch äußere Umstände, sondern durch einen Entschluss. Die Figur muss den „Liebesschwur" leisten: Das bedingungslose „Hier bin ich!", oft sichtbar gemacht in einer Geste, die beweist, dass sie bereit ist, ihr altes und für das neue Ich zu opfern.
Am Ende des Films sind beide Hauptfiguren mit ganzem Herzen dabei. Sie haben sich wirklich füreinander entschieden.
In vielen Liebesfilmen hört die Geschichte genau an diesem Punkt auf: mit dem Versprechen, dass die Liebe bleiben wird. Hier beginnt aber eine neue Art von Geschichte, die man einen „Ehefilm“ nennen könnte.
Diese neue Geschichte fragt: Wie kann aus der besonderen, aufregenden Zeit der Liebe ein gemeinsames Leben werden, das jeden Tag funktioniert, auch wenn es ganz normal und ruhig wird?
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Ein Liebesfilm-Drehbuch ist wie ein Schlangenstab: Die zwei Hauptfiguren sind zwei Schlangen, die sich um einen Stab winden. Mit jedem Schlag kommen sie sich näher, doch jede Windung erzeugt eine neue Spannung. Erst am Ende bilden sie eine Einheit, ohne ihre eigene Form als Schlange völlig zu verlieren.