Die obere Schenke zu Wildbach

Man schrieb das Jahr 1672, als der Hufschmied Balthasar BÜTTNER, ​ein gebürtiger Zeller, in Wildbach sein Glück versuchen wollte. Er kaufte sich das kleine Häuschen welches heute auf dem Grundstück der Familie LANGER steht die Hartensteiner Straße Nummer 3. Mit seiner Frau Rosina und der gemeinsamen Tochter Anna Dorothea wohnte er zuvor in Bockau. Nun zog es ihn hierher. Nach einem halben Jahr verlangte es der Gemeinde nach einem ansässigen Dorfschmied. Sicher hatte jeder größere Bauernhof eine kleine Schmiede in der Scheune, aber für die, die dies nicht hatten und für die durchkommenden Gäste unseres Dorfes brauchte man einen festen Platz für einen Gemeindeschmied. Dies kam auch Balthasar BÜTTNER ​zu Ohren und er entschloss sich, eine eigene Schmiede zu bauen.

Er stellte einen Antrag zum Bau einer solchen und es wurde ihm genehmigt. Schon im selben Jahr im Oktober verkaufte er sein gerade erst von Andreas HEROLD​, dem Torwärter auf der Burg Stein, erworbenes Häuschen und kaufte sich ein “gemeines Flecklein” direkt zwischen seinem verkauften Haus und der Straße nach Schneeberg für 15 Gulden. Er errichtete mit geballter Kraft seiner Nachbarn und Zimmerleuten ein Wohnhaus mit einer Schenke im Erdgeschoss und auf der anderen Seite der Straße ein kleines Schmiedehäuschen. Im Gerichtsbuch steht zu diesem Kauf: “indem sie alle Zeit einen Gemeinschmied an diesem Orth wißen wollen”. Es war die Geburtsstunde des Hauses an der Schneeberger Straße mit der Katasternummer 3­ heute Hartensteiner Str. 5.

Es war ein strategisch guter Platz für diese Schmiede und die Schenke, denn sämtliche Reisende, welche aus Richtung Hartenstein oder Schneeberg kamen, mussten unweigerlich hier vorbei. Die zu Fuß unterwegs waren kehrten zu Speiß und Trank ein und die zu Pferd, konnten deren Hufe gleich neu beschlagen lassen. Warum im Juli 1675 die Familie BÜTTNER ​Wildbach schon wieder den Rücken kehrte, ist nicht überliefert. Es übernimmt für den Kaufpreis von 115 Gulden die Schenke der Amtsrichter Georg SCHMIDT​.

Nach dessen Tod führt seine Familie die Schenke weiter bis sie diese im März anno 1708 dem Fleischhauergesellen Christian STEMMLER ​aus dem Mülsengrund für 200 Gulden verkaufen. Die Geschäfte laufen gut, die Gäste bleiben nie fern und STEMMLER ​führt seine Wirtschaft 22 Jahre bis August 1730 und übergibt für 225 Gulden an seinen Schwiegersohn Johann Adam MEHLHORN​, ein Jäger aus Langenbach, 39 Jahre alt.

Teil einer Postkarte um 1895

Ansicht 2008

Als dieser sich nach 8 Jahren entschließt auch wegzuziehen, verkauft er für 290 Gulden seine Schenke im November 1738 an den Schneeberger Gottlob KAUFMANN,​ebenfalls dem Fleischerhandwerk zugetan. Anno 1764, am 1. März, kauft erstmals ein gebürtiger Wildbacher dem Besitzer KAUFMANN dessen Wirtshaus ab. Für 325 Gulden übernimmt Johann Christoph SCHUBERT​, den man ab diesen Tag “den Oberen” nennt das Haus. Er erblickte 1736 in Wildbach das Licht der Welt und hat wie seine zwei Vorgänger Fleischhauer erlernt. 20 Jahre lang ist er nun der obere Wirt.

Christian Theodor VIEHWEGER,​ der Meisterknecht auf der Schäferei in Langenbach kauft im Juli 1784 die Schenke für den selben Preis wie in SCHUBERT ​einst selbst bezahlt hat ­ 325 Gulden. Erstmals wird das Haus 1791 in einer schönburgischen Steuerliste mit 3 Schock Steuerschuld erwähnt. Auch die drei folgenden Besitzer, Johann Gottlieb WALTHER ​aus Gablenz 1787, Johann Adam SCHAUER ​aus Schönau 1789 und dessen Schwiegersohn Carl Gotthold MÜLLER​, “Schneider­-Hold” genannt, 1830 zahlen jeweils den selben Preis von genau 325 Gulden für der Erwerb.

Bisher wurde das Haus als “Oberes Schenkwirtshaus” betitelt, aber Carl Gotthold MÜLLER vergab als erster der Schenke einen eigenen Namen: “Gasthof zum weißen Lamm”. Der Fleischer Johann Gottfried GERBER, der 1846 die Schenke von MÜLLER​s Ehefrau für 2000 Taler erwirbt, verkauft diese schon 1849 für 425 Taler an den Ortsrichter Johann Carl Gottlob MEYER​, alias “Meyer-­Lob”, 43 Jahre alt.

Für 525 Taler kauft das Haus der Webermeister Christian Friedrich SCHUBERT von MEYER. Der beim Kauf 30jährige bewirtet seine Gäste unglaubliche lange 45 Jahre. Das Haus aber ist nun auch schon in seinen Grundmauern 225 Jahre alt und als Wirtshaus genutzt. Sicher wurden in dieser Zeit viele Umbauten und Verbesserungen vorgenommen, aber scheinbar war es dann trotz allem nicht mehr lukrativ das Haus weiter zu erhalten und der neue Besitzer Carl Christian Magnus SCHUBERT,​ in Wildbach 1849 geboren, entschloss sich das Haus 1897 abzutragen und neu aufzubauen modern, mit Keller, Stall, Abtritt, Geräteschuppen und Waschhaus ­aber ohne Schenke im Haus.

Am 20. Juli 1911 erwarb dann Emil Paul GERBER​, ein Papierfabrikarbeiter, mit seiner Frau Amalie Anna geb. EBISCH ​und seinen zwei Söhnen dieses Haus, welches bis zirka 1967 in Familienbesitz blieb.

Somit endete 1897 an dieser Stelle, nach 16 Besitzern, die Geschichte der oberen Schenke in Wildbach wo sich “Hinz und Kunz” aus dem Oberdorf zum Bierchen trafen, wo Reisende ein warmes Mahl bekamen, wo zu Beginn des Postwesens die Briefe für das ganze Dorf abzuholen waren, wo hunderte Pferde vom Gemeindeschmied neu beschlagen wurden, Äxte geschärft und auch bei gelegentlichem Tanz sicher der eine oder andere sein Liebchen fand.

Stefan S. Espig, Wildbach

("Die Historische Seite" - erschienen im Gemeindeanzeiger Bad Schlema 11/15 am 30.10.2015 Seite 13)

"Zur Schenke lenkt mit Wohlbehagen, Er jeden Abend seinen Schritt. Und bleibt, bis dass die Lerchen schlagen. Er singt die letzte Strophe mit."

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