Zuerst einmal sind Neophyten einfach Pflanzen, die es vor der Entdeckung von Amerika bei uns nicht gab. Also einfach " neue Pflanzen". In der Schweiz sind dies etwa 550 verschiedene Pflanzenarten. 41 davon bereiten immer etwa Sorgen, sei es als Ackerunkräuter, die den Ertrag der Felder schmälern, sei es als Eindringlinge in bestehende Pflanzengemeinschaften, die einheimische Pflanzen bedrängen und verdrängen. Derartige Neophyten bezeichnet man als invasiv. Oft sind sie sehr robust und haben kaum natürliche Feinde, die der Ausbreitung entgegenwirken und oft bieten sie der Tierwelt wenig an. Sie werden von Insekten kaum gefressen und von Schnecken verschmäht.
Das Eindringen neuer Pflanzen in bestehende Pflanzengemeinschaften ist nichts neues. Es gab dies schon immer. Es ist ein Zeichen der Dynamik des Lebens und ist im Grunde zu begrüssen. Mit neuen Pflanzen konnten auch immer neue Tiere mit einwandern. Die bestehenden Lebensgemeinschaften reagierten auf den neuen Bewohner und stellten sich auf die veränderte Situation ein. Das Besondere der "modernen Neophyten" liegt in der Geschwindigkeit ihrer Ausbreitung. Die bestehende Vegetation hat wenig Zeit zur Anpassung, sie wird überrollt.
Neophyten haben dort ein leichtes Spiel, wo die Vegetation sowieso unter Druck steht, oft gestört wird und sonst wie belastet ist (z.B. an Eisenbahnlinien und Strassen, auf Bauplätzen, entlang von Waldwegen und Flussläufen)
Der Kampf gegen die Neophyten ist nicht einfach. Er verlangt viel Einsatz und Ausdauern. Nur so kann es gelingen, ihre Ausbreitung zu unterbinden oder zumindest zu verlangsamen.
Es stellt sich auch immer wieder die Frage, ob ein Neophyt nicht gerade eine besondere Qualität verkörpert, die entdeckt und in die richtigen Bahnen gelenkt, unsere Natur und Kultur bereichern könnte. Fast alle Nutzpflanzen sind z.B. nicht einheimisch, also eigentlich Neophyten. Trotzdem spielen sie eine bedeutende Rolle und bedrohen die einheimische Vegetation kaum. Ist so etwas auch für Wildpflanzen denkbar? Wie müsste man dann mit Ihnen umgehen?
Die untenstehende Karte zeigt in grosser Deutlichkeit, dass sich die invasiven Neophyten vor allem entlang der Verkehrswege und der Flussläufe ausbreiten. Es ist allerdings zu beachten, dass die vielen Neophyten in den Gärten nicht mit aufgenommen worden sind, da sich die meisten nicht in der freien Natur verbreiten.
Goldruten (Solidago canadiensis und maxima): gelbe Kreise
Zackenschötchen (Bunias orientalis): fahl grüne Kreise
Berufskraut (Erigeron annua): fahl ockerfarbene Kreise
Götterbaum (Alianthus altissima): fahl gelbliche Kreise
Essigbaum (Rhus typhina): graublaue Kreise
Robinie (Robinia pseudoacacia): fahl blaue Kreise
Schmetterlingsflieder (Buddleja davidii) : dunkel lila Kreise
armenische Brombeere (Rubus armenicus) blaugrüne Kreise
Kirschlorbeer (Prunus laurocerasus)
südafrikanisches Greiskraut (Senecio inaequidens)
Balsam - Springkraut (Impatiens glandulifera): hell lila Kreise
Das Zackenschötchen (Bunias orientalis) an der Apfelseestrasse, Dornach, nach Störung durch Strassenbau, Mai 21
Goldrute, Berufskraut und Sommerflieder (Solidago gigantea, Erigeron annua, Buddleja davidii) am Wegsaum rund um das Siedlungsgebiet "Neue Heimat", Dornach Sept. 21
Essigbäume (Rhus typhina) in Böschung zwischen den Panzersperren beim Chrummacker, Dornach
Robinie (Robinia pseudoaccacia) unterhalb Kreuzreben, Duggingen
Götterbaum (Ailanthus altissima) fruchtend) am Birsufer bei Münchenstein im Uferwald
Götterbaum (Ailanthus altissima) unterhalb der Kreuzreben in Duggingen
2 m lange Wurzel eines Götterbaums, die wir am Tag der Birspuzete mit Hilfe eines Traktors aus der Birsböschung herausgerissen haben (September 2021). Die Wurzel ist ausserordentlich beweglich und sehr zugfest.
Der Hang bei den Chrüzräbe wird von Schafen beweidet. Ein ehemaliger grosser Götterbaum am südlichen Ende des Hanges wurde um 2020 gerodet. Seitdem breitet sich der Baum über Wurzeltriebe weiter aus und durchzieht den halben Hang (Abb. X). Vort 2 Jahren hat dann der Bauer mit Hilfe einer Firmna versucht den Schösslingen mithilfe eines Pilzes Herr zu werden. Der Erfolg war nicht durchschlagend, Einige Triebe starben ab, andere wuchsen aber unbekümmert weiter. Die stehengebliebenen triebe hat dann der Bauer entfernt. Gegen den Sommer zu entstanden dann neue Triebe.
Anfang September zeigen einige Triebe Blattverfärbungen, andere sehen unverändert grün aus. Hat dies nun mit der Pilzinfektion zu tun?
Abb.X: Chrüzräbe- Hang mit neuen Schösslingen mit frisch grünen oder gelblich aufgehellten Blättern
Abb.X: noch intensiv grün beblätterter Schössling
Abb.X: Blattverfärbungen ins Gelb
Abb. X: Blattverfärbungen Einzelblatt
Abb. X: völlig ausgebleichte Blätter
Sommerflieder (Buddleja davidii) ium Bereich der ehemaligen Kläranlage Reinach
Staudenknöterich (Reynoutria japonica) bei der Mündung des Lolibächleins in die Birs
aus www.neophyt.ch finden (10.9.2021):
"Neophyten ist die Bezeichnung für Pflanzen, die erst seit der Entdeckung Amerikas (1492) bei uns absichtlich eingeführt oder versehentlich eingeschleppt wurden und in der Folge verwildert sind. Wörtlich übersetzt bedeutet Neophyten «neue Pflanzen». In der Schweiz haben sich rund 550 Arten angesiedelt. Die Mehrheit dieser gebietsfremden Pflanzen ist gut in unsere Umwelt integriert und hat die heimische Flora bereichert (z.B. die Rosskastanie oder das kleine Springkraut).
Einige wenige der neuen Pflanzen können sich invasiv verhalten. Diese Problempflanzen bezeichnet man als invasive Neophyten. Sie breiten sich stark aus und verdrängen die einheimische Flora. Bestimmte Pflanzen sind gefährlich für unsere Gesundheit, andere können Bachufer destabilisieren oder Bauten schädigen. Zurzeit gelten in der Schweiz 41 Arten als nachweislich schädliche invasive Neophyten und 17 Arten als potenziell schädliche invasive Neophyten. Demnach sind nur etwa 10% der in der Schweiz vorkommenden Neophyten Problempflanzen.
Im Rahmen der «Strategie der Schweiz zu invasiven gebietsfremden Arten» vom 18. Mai 2016 soll jetzt definiert werden ob, wann und wie die einzelnen Arten zu bekämpfen sind. Einige Arten kommen bereits so häufig vor, dass sie nur noch mit riesigem Aufwand vollständig entfernt werden können. Deshalb ist es entscheidend bei jedem einzelnen Neophytenvorkommen das Gefährdungspotenzial standortspezifisch abzuklären und die Erfolgsaussichten einer Bekämpfung abzuschätzen."
aus: "Die neuen Wilden" von Fred Pierce (München, 2016)
Heute befinden sich geschätzt 12 000 Wölfe auf der Wanderung von ihren alten Rückzugsgebieten in Osteuropa bis weit nach Frankreich und Spanien hinein. Ihnen folgen die Luchse, die sich von den Karpaten und vom Balkan aus verbreiten, sowie Schakale, Braunbären, Vielfraße, Steinböcke und Wisente. Hundert tausende Biber nagen die Uferbäume an. Wildschweine finden sich zu Millionen in Europa. Diese » Rückkehrer« ziehen meist in bewohnte Landschaft ein. Und so wird es in den meisten Fällen laufen. Im Anthropozän ist der Festungsnaturschutz ein zum Scheitern verurteiltes Unterfangen. Menschen sind unausweichlich ein Bestandteil der Landschaft. Es gibt keine ursprünglichen Ökosysteme und keine Blaupausen, die zeigen, wie sie einmal aussehen könnten. Was auch immer wir uns unter einer ursprünglichen Vergangenheit vorstellen, ihre Verwirklichung wird immer der beständigen Hege und Pflege bedürfen.
Die alte Wildnis ist tot. Aber die neue Wildnis blüht und gedeiht, und das umso mehr, wenn wir ihr ihren Willen lassen. Sie ist in hybridisierenden Rhododendren zu finden, in seltenen Bienen und Spinnen , die inmitten der Industriebrachen der Städte auftauchen, auf dem Green Mountain auf Ascension Island, in der Sperrzone von Tschernobyl, im Buschland des tropischen Afrika und in den nachwachsenden Regenwäldern Borneos, entlang der Zuflüsse in die San Francisco Bay und auf den Lavaströmen Hawaiis, in den Zimtwäldern der Seychellen, unter den in die europäischen Vorstädte vordringenden Wölfen und den Vögeln, die ausschwärmen, um mit dem Klimawandel Schritt zu halten, auf Surtsey und Krakatau, in den Caulerpa-Beeten an der Riviera, in den Großen Seen und im Ruf der Coquifrösche in den aufgegebenen Plantagen Puerto Ricos.
Die Natur kehrt nie um, sie schreitet immer weiter voran. Fremde Spezies, die Vagabunden, sind in dieser ständigen Erneuerung die Pioniere und Siedler. Ihre Invasionen sind für uns vielleicht nicht immer angenehm, aber die Natur wird sich auf ihre eigene Weise zurück verwildern.» (S 363)
Was sind die Hauptgedanken der beiden Ansichten zu den invasiven Neophyten?.
Welche Vorgehensweisen gegenüber invasiven Neophyten würden die beiden wohl im Falle «Birseck» vorschlagen?
Wie würden Sie persönlich vorgehen?