Flechten sind spezielle Lebewesen. Sie lassen sich nicht so ohne weiteres in das Schema "Stammbaum" einordnen. Wer stammt da eigentlich von wem ab, wer wirkt da zusammen mit wem, wer hat welche Bedeutung etc. Die heutige Systematik der Felchten orientiert sich am Pilz und sucht nach den Verwandtschaftsbeziehungen des Pèilzes. Die Algen werden so dem Pilz zugeordnet und nicht umgekehrt.
Flechten findet sie in den extremsten Lebensräumen. Die im folgenden behandelte zierliche Gelbflechte (Rusavskia elegans oder auch Xanthoria elegans genannt) habe ich das erste Mal bewusst auf dem Mount Kenia etwas oberhalb der "Austrian Hut" auf knapp 5000 m.ü.M. gesehen und auch fotogarafiert. Das Bild könnte genauso gut aus den Schweizer Alpen stammen: die kräftig leuchtende Farbe,, die Struktur des Thallus, die rundliche Gesamtform sieht bei uns genauso aus wie in Kenia. Und auch in Kenia gilt: Die zierliche Gelbflechte gedeiht da, wo Menschen zusammenkommen oder durchgehen.
Die zierliche Gelbflechte auf dem Mount Kenia im Bereich der "Austrian Hut" auf etwa 5000 m.ü.M., fotografiert an Weihnachten 2018
Mount Kenia von Süden
Zwei auffällige Flechten in den Alpen sind die gelbe "Landkartenflechte" (Rhizocarpon geographicum), die fast jeden Felsbrocken überzieht und die "zierliche Gelbflechte" (Rusavskia oder Xanthoria elegans), die entgegen ihrem Namen nicht gelb sondern leuchtend rot oder zumindest orange gefärbt ist. Auch die zierliche Gelbflechte gedeiht auf Felsen. Sie ist aber sehr eigenartig verbreitet: Man findet sie fast immer auf den Dächern und Steinen in den menschlichen Siedlungen, weniger ausgeprägt auf den Felsen der Alpenpässe an ausgesetzten Stellen. Kaum zu finden ist sie auf den Felsen der Alpweiden und der Wälder zwischen den Passhöhen und den Siedlungen.
Abb. 1: Die zierliche Gelbflechte liegt ebenfalls eng am Felsen an, setzt sich aber etwas stärker ab als die Landkartenflechte.
Abb. 2: die Landkartenflechte, die auf dem weissen Quarz mit ihrem schwarzen Saum besonder gut zur Geltung kommt.
Steindächer sind bei Flechten beliebt. Hier zwei Bilder auf dem Weiler unterhalb der Nideralp auf dem Simplonpass. Ein Dach ist hauptsächlich mit der zierlichen Gelbflechte bedeckt (Abb.: 3) , das andere mit der Landkartenflechte. (Abb. 4) Auf anderen Dächern können die beiden Flechten auch nebeneinander vorkommen, auf dem Giebel eher die rote "Gelbflechte", am Rand eher die gelbe Landkartenflechte (Abb. 5).
Abb. 3: Steindach mit Gelbflechten
Abb. 4: Steindach mit Landkartenflechten
Abb. 5: Gesamtblick auf Grenzstein
Abb. 6: Detail der Flechte
Abb. 7: Begleitflechte 1
Abb. 8: Begleitflechte 2
Abb. 9: Rusavskia/Xanthoria elegans auf Kalkfels am Oberberghorn
An den Steilen an steilen Kalkfelsen des Oberberghorn am Rande des Weges, der zum Gipfel führt, gedeiht die zierliche Gelbflechte, die man sonst nirgends findet.
Verfolgt man die Verbreitung (Talregion grosser St. Bernhard, Gebiet zwischen Binn und Visperterminen, Lötschental, schynige Platte bis grosse Scheidegg) der zierlichen Gelbflechte, so tritt immer wieder dasselbe Muster auf, das sich an die folgenden Regeln hält.
Für alle untersuchten Gebiete gilt:
Rusavskia elegans wird immer dann häufig, wenn menschliche Siedlungen in der Nähe sind, wenn exponierte Kreten aus der allgemeinen Landschaft herausragen insbesondere an passartigen Übergangen. An den Stellen dazwischen fehlt sie fast ganz oder taucht nur ganz vereinzelt auf.
Rusavskia elegans wächst nicht nur auf Silikatgesteine sondern auch auf Kalkfels (Oberberghorn bei der Schynigen Platte oderhalb von Interlaken).
Die Landkartenflechte fehlt dagegen auf den reinen Kalkfelsen. Die Felsbrocken sind zwar auch mit Flechten überzogen aber meist in einem weisslichen Grau
Auf reinem Kalkfels fehlt die Landkartenflechte. Der Felsbrocken ist von einer Reihe grauer Flechten überzogen, die sich kaum von mineralischen Kalk absetzen.
In der Nähe von Grindelwald First tauchen dann vereinzelt Felsen mit der Landkartenflechte (Rhizocarpon geographicum) auf. Das Gestein ist zwar noch immer eher basisch Kalkphyllite, Mergelschifer) aber doch nicht mehr einfach kompakter Kalk.
Verfolgt man die Verbreitung (Talregion grosser St. Bernhard, Gebiet zwischen Binn und Visperterminen, Lötschental, schynige Platte bis grosse Scheidegg) der zierlichen Gelbflechte, so tritt immer wieder dasselbe Muster auf, das sich an die folgenden Regeln hält.
Für alle untersuchten Gebiete gilt:
Die Landkartenflechte Rhizocarpon geographicum ist auf Silikatgestein allgegenwärtig und überzieht die Szeine mit einem dichten gelbschwarzen Muster.
Sie fehlt dagegen auf den reinen Kalkfelsen (z.B. Indri Sägissa im Sägistal bei interlaken). Die Felsbrocken sind zwar auch mit Flechten überzogen, die aber fast alle einen grauen Farbton haben.
Das besondere Verbreitungsmuster der zierlichen Gelbflechte wird folgendermassen erklärt: Die zierliche Gelbflechte ist auf gute Nährstoffversorgung angewiesen. Diese findet sie in den Nähe der menschlichen Behausungen und an Stellen, die von Vögeln oder Nagetieren oft besucht werden und dabei unabsichtlich gedüngt werden.
Die Landkartenflechte ist dagegen weniger auf gute Nährstoffversorgung angewiesen und gedeiht auch auf Steinen weit weg von Kot und Abfall.