Die Exkursion beginnt an der Mündung des Lolibachs in die Birs. Vom Bahnhof Aesch aus durchqueren wir dazu zuerst ein Industriegebiet und gehen dann auf der Dammkrone der Birs bis kurz nach der geschwungenen Gasleitungsbrücke.
Hier mündet der Lolibach in die Birs. Allerdings ist die Mündung kaum zu sehen. Um sie zu entdecken, müssen wir ganz zur Birs heruntergehen und zwischen Steinen und üppigem Pflanzenwuchs nach dem grossen rechteckigen Bachausgang suchen. Wer nicht gezielt sucht, übersieht sie (Abb.1).
Dies war nicht immer so. Anhand der Mündung des Lolibachs kann man die Geschichte des ehemaligen Auengebiets schön nachzeichnen und zeigen wie Mensch und Natur in den letzten 150 Jahren zusammenwirkten.
Abb. 1: Mündung des Lolibachs in die Birs: grosser rechteckiger Gang
Abb. 2: Mündung des Lolibachs in die Birs
Versteckt zwischen Steinen und viel grossen Kräutern findet man etwas unterhalb der Gasleitungsbrücke die Mündung des Lolibachs in die Birs. Eine rechteckige "Röhre", die bis zur Bahnlinie führt und den Bach erst danach wieder freigibt. Für junge Forellen ist die Strecke aber durchaus passierbar. Sie tauchen immer wieder oberhalb des Bahntrasses im Bach auf. Auch der Signalkrebs hat die Strecke geschafft und besiedelt den offenen Teil des Lolibachs oberhalb der Bahn.
Abb. 1: Lolibachmündung Karte 1864
Abb. 2: Lolibachmündung Karte 1877
Abb. 3: Lolibachmündung Karte 1969
Abb. 4: Lolibachmündung Karte 2021
Auf den vier Bildern sieht man die Entwicklung der Birs im Bereich der Mündung des Lolibachs. 1864 floss der Lolibach noch direkt über die Birsmatte in die Birs. Schon 1877 wurde der Lolibach aber umgeleitet und parallel zum neu erbauten Kanal gelegt. 1969 endete der Bach unmittelbar vor der Apfelseestrasse. Es ist nicht klar, ob er da versickert oder in eine Röhre gelegt oder beim Kartenzeichnen einfach übersehen wurde. 2021 endet der Lolibach vor der Eisenbahnlinie und fliesst dann unterirdisch zur Birs.
Zu Beginn des 19. Jahrhundert floss die Birs noch weitgehend unberührt aus dem Laufental Richtung Rhein. Die Auenflächen wurden regelmässig überschwemmt, der Fluss suchte sich seinen Weg immer wieder neu und schuf eine Auenlandschaft mit einer Vielzahl von Lebensräumen. Neben dem fliessenden Wasser gab es Kiesbänke, dichter Uferbewuchs, modrige Altarme, dichte Weichholz- und Hartholzwäldchen. An einigen Stellen wurden der Baumwuchs zurückgehalten und das Land als Allmend genutzt.
Der Lolibach floss auf geradem Weg durch die sogenannte Birsmatt und mündete direkt in die Birs (Abb. 2). Manchmal wurden in den waldfreien Uferbereichen auch kleine Äcker angelegt und für ein zwei Jahre genutzt. Die Erträge waren aber bescheiden. Kurz das Land unten in den Auen nicht besonders wertvoll.
Noch fehlten Birsbrücke und der Aescher Bahnhof, die Bahnlinie und mit ihr das Bahntrasse, die spätere «Fabrik» - und mit ihr der Kanal, der von Duggingen her Wasser zur «Fabrik» führte.
1863 wurde die Angensteiner Spinnerei-Fabrik erbaut. Der Wasserkanal zur Energiegewinnung entstand wohl gleichzeitig.
Die Siegfriedkarte aus dem Jahr 1877 (Abb. 2) zeigt die damalige Situation. Bahntrasse, Bahnhof, Brücke nach Aesch, Fabrik und Kanal setzten neue Akzente.
Für die Natur waren diese Änderungen bedeutsam: Der Austausch zwischen Birs und dem mittleren und oberen Teil des Lolibachtales wurde durch das Eisenbahntrasse erschwert. Kühweid und Birsmatt (Abb. 2) bleiben aber noch ziemlich unberührt. Der Ramstelbach (oben rechts im Bild) und der Aescher Dorfbach (unten links im Bild) flossen frei und stellten die für die Tierwelt so wichtige Verbindung nach Osten und Westen sicher.
Dem Lolibach musste wegen des neu erbauten Kanals ebenfalls ein neues Bett gegraben werden. Er mündete nun weiter nördlich in die Birs und floss parallel zum Kanal. Dies erscheint auf den ersten Blick unsinnig. Wieso leitete man den Lolibach nicht einfach in den Kanal? Hätte man dies getan, wäre es nach jedem kräftigen Gewitter nötig geworden das Geschiebe des Lolibachs aus dem Kanal zu schaufeln. Dies wäre in den Zeiten bevor es Bagger gab eine doch sehr anstrengende und aufwändige Arbeit gewesen!
(Ob sich der Lolibach weiter oben damals wirklich in zwei Bachbette aufgeteilt hat, wie das die Karte behauptet, halte ich für wenig wahrscheinlich. Vermutlich macht der eigentliche Lolibach den Knick nach unten zur Apfelseeweid, wie er das noch heute tut. Das zweite Bächlein, das in Richtung Kühweid fliesst, entspringt wohl aus einer eigenständigen, etwas abgesetzten Hangquelle (in der "Neuen Heimat") und wurde dann eventuell irrtümlich bis zum eigentlichen Lolibach hin verlängert. Diese Hangquelle existiert auch noch heute. Der Bach ist verdohlt wird entlang der Apfelseestrasse in einer Röhre bis zum Lolibach geleitet und dort in den Lolibach entlassen.).
In Lauf der nächsten 100 Jahre verändert sich das Gebiet weiter. Zwischen 1900 und 1910 wurde parallel zur Eisenbahn die Apfelseestrasse ausgebaut und erste Wohnhäuser errichtet. Zudem entstanden weitere Fabriken: in der Birsmatt eine weitere «Spinnerei» (später Streiff`sche Spinnerei genannt) und gegen Dornach zu die Metallwerke (1895).
Am Lauf der Birs wurde noch wenig verändert. Kiesbänke, flache Furten und tiefere Kolken wechselten sich ab.
Glaubt man den alten Karten, so verlor das Lolibächlein nach 1900 seinen direkten Anschluss an die Birs (Abb. 4). Offenbar versickerte das Wasser im Schotter der ehemaligen Apfelseeweid (Abb. 2). Dies ist nur möglich, wenn der Lolibach damals deutlich weniger Wasser führte als heute. Dies hing wohl mit der Nutzung des Quellwassers im oberen Teil des Tiefentals zusammen (siehe Text zum Haltepunkt 14).
Der Aescher Dorfbach floss ungefähr ab 1915 nicht mehr frei zur Birs. Damit verschwand eine weitere Querverbindung aus der Landschaft. Die Tiere der Birs verloren den direkten Zugang zum Kluser Tälchen.
In den Jahren nach dem Weltkrieg nahm die Entwicklung des Gebietes weiter Fahrt auf. Es wurden weiter gebaut. Es entstand eine Reihe neuer Bauten im Apfelseegebiet.
Auch die Birs selbst blieb nicht untätig. Die Birs schmiegte sich zwischen Spinnerei und Metallwerk immer stärker an die Geleise der SBB (Abb. 3, 4 & 5). Wer schon einmal ein Hochwasser der Birs erlebt hat, kann ermessen, dass dies für den Bahnverkehr eine ständige Bedrohung darstellte. So wird verständlich, warum dann noch in den frühen 70iger Jahren, als Naturzerstörung durchaus schon ein gesellschaftliches Thema war, ein letztes Begradigungsprojekt an der Birs in Angriff genommen wurde. Der Birsbogen zur Bahn hin musste verschwinden. Die Karte von 1979 (Abb. 6) zeigt die Situation nach dem Eingriff. Die untenstehenden Luftbilder geben einen optischen Eindruck der Veränderungen. Bild links stammt von 1946, Bild rechts von 1979: Kleine Reste einer ursprünglichen Flusslandschaft blieben bei der Streiff`schen Spinnerei erhalten.
Etwa ab 1960 zeigen die Karten wieder einen Lolibach, der weiter in Richtung Birs vordringt. Erst ab ungefähr 2000 wird der Lolibach in den Landeskarten bis zur Bahnlinie hin eingetragen (Abb. 7). Danach ist er (seit 1971 im Zusammenhang mit der Birsbegradigung). Auch der alte Industriekanal verschwand. Schon 10 Jahre früher ist auch der nördlich gelegene Ramstelbach verdohlt worden.
Damit war der ehemals lebendige Flussabschnitt weitgehend zerstört. Die meisten für Tiere leicht zugänglichen Verbindungen der Birs mit dem weiteren Umland sind verschwunden.
Die beiden untenstehenden Bilder zeigen den Birsbogen rund um die ehemalig Birsmatt im Jahr 1946 und 1979.
1946: Deutlich zu sehen sind die grossen Kiesflächen und die Bäume der Aue.
1979: Durch die Begradigung der Birs im Jahr 1971 verschwanden bis auf einen kleinen Rest die meisten Kiesflächen und der dazugehörende Auenwald. Der Altarm der Birs wurde zugeschüttet.
Abb. 5: Mündungsgebiet Lolibach 1946
Abb 6: Mündungsgebiet Lolibach 1971
Abb 6.: Mündungsgebiet Lolibach 1979
Abb 7: Mündungsgebiet Lolibach 1991
Abb 8: Mündungsgebiet Lolibach 2000
Abb 9: Mündungsgebiet Lolibach 2020
In den neuen Bereichen setzte eine rege Bautätigkeit ein. Es entstanden weitere Fabrikgebäude und eine grosse Tennishalle aus der Dornacher Birsseite. Auf der Aescher Seite wurde mit der «Kühweid» (siehe Abb. 7), oben im Bild), ein grosses Grundwasseranreicherungswerk gebaut, um den Verlust an Grundwasser wegen des schnelleren Birsdurchflusses auszugleichen.
Was bedeutete dies nun alles für die Natur:
Schnellerer Durchfluss der Birs durch die Auen
Weniger versickerndes Birswasser.
Verkleinerung der Kiesbänke der Birs.
Industrielle Nutzung der freien Landflächen
Rückgang der landwirtschaftlichen Nutzung
Erstellen von neuen Wohnbauten und der näheren und weiteren Umgebung.
Zunahmen des Verkehrsaufkommens (Bahn, Strasse und Luft).
Abtrennen der umgebenden Landschaft von der Birs.
Gewinn durch die Begradigung:
Deutlich verbesserter Hochwasserschutz
Nutzungsmöglichkeiten der neuen Landflächen
Man hatte man aber bei der Begradigung in den siebziger Jahren schon ein gewisses Bewusstsein davon, dass der technische Fortschritt mit einem Naturverlust verbunden war. Die Begradigung der Birs sollte denn auch naturverträglich gestaltet werden und der natürlichen Zonierung eines Auenwaldes Rechnung tragen. J. Wiede schrieb 1974:
«Nach der Fertigstellung des Bauwerkes ging es darum, die harten technischen Zäsuren zu mildern und durch gezielte grünplanerische Mittel wieder einen naturnahen Landschaftsraum aufzubauen, der auch den gestalterischen Anforderungen nachkommt.» (2)
Man hoffte insbesondere, durch den stufenweisen Aufbau der Dammkante der natürliche Regeneration Raum zu geben für die Entwicklung eigener Lebensgemeinschaften, die einen Anklang an die Auenvegetation haben. Inwieweit dies gelungen ist, können wir heute nach 50 Jahren einigermassen beurteilen.
Die rege Nutzung der Wege auf beiden Seiten der Birs durch Spaziergänger zeigt, dass die Bevölkerung das Bauwerk angenommen hat und rege nutzt. Auf den noch vorhandenen Kiesbänke wird gebadet (sowohl Hunde als auch Menschen) und grilliert.
Wie steht es mit den typischen Auenwaldvegetation und der Tierwelt? Von J. Wilde stammt die untenstehende Skizze, die als Richtlinie für die Gestaltung des Uferbereiches der Birs galt.
Wir sollten also im Mündungsbereich des Lolibachs Anklänge an die Rohrglanzröhricht, an die Mandelweidengebüsche, die Weichholtaue und die Hartholzaue finden.
Man kann nun in unmittelbarer Birsnähe diese Zonen tatsächlich alle finden. Die untenstehende Bilderserie macht dies deutlich. Wählt man den Blick «Naturnähe» so findet man Bilder der folgenden Art:
Es entsteht der Eindruck einer naturnahen Landschaft, in der die verschiedenen Zonen einer Auenlandschaft anzutreffen sind. Bild 12 zeigt einen Gesamtblick, Bild 13 einen üppig bewachsenen Uferbereich mit Rohrglanzgras, Bild 14 eine Weichholzaue, Bild 15 den Lianenbewuchs, der in Auen so typisch ist.
Wählt man den Blick «Naturfern» so findet man ebenfalls Bilder, die die Naturferne bestätigen:
Die linear verlaufende Dammkrone erinnert an eine Autostrasse, der Grundwasserversickerungsbereich ist technisch funktional, aber weit entfernt von natürlich, der Umschlagplatz zeigt, wie Naturraum zweckorientiert benutzt werden kann ohne Rücksicht auf den Eigenwert der Natur. Eine Haltung, die bei allen Industriegebäuden des Gebietes zu bemerken ist.
Es stellt sich die Frage, ob sich menschliche Aktivitäten mit der Naturnähe versöhnen lassen. Im flussnahen Raum hat man sich um diese Frage gekümmert. Einiges ist gelungen. An die Naturnähe des Raums bis zum Bahntrasse wurden kaum gedacht. Solange die Flächen nicht bebaut wurde, nutzte man sie als Wiesen. Einige private Gemüsegärten, vereinzelte Bäume, Rabatten, Wiesen- und Rasenflächen aber vor allem Asphaltplätze, eine breite Strasse wirken wie zufällig hingeworfen so als Überbleibsel der Gebäudenutzungen.
Würde man sich zur Naturnähe aber gezielt und koordiniert Gedanken machen, wäre vieles möglich, ohne dass die Nutzung wesentlich eingeschränkt werden müsste.
Die Welt entsteht im Auge des Betrachters. Dies lehrt uns der Lolibach in besonderer Weise. Wenden wir uns den Naturschönheiten zu, so finden wie viele Blicke, die an idyllische Naturlandschaft erinnern (Bild 1), wenden wir ihn dagegen in die andere Richtung so sehen wir zerstörte. von der Nutzung überwältige Natur. Beides unmittelbar neben und ineinander.
Ein Blick in scheinbar reinxte Natur mit Kiesbänken und Auenwaldvegetation (Mündungsgebiet Lolibach nach Süden):
Rohrglanzgras oberhalb der Mündung
Blick in den Auenwaldrest oberhalb der Mündung des Lolibachs
Waldrebe zwischen Sträuchern
Blick vom Aescher Ufer aus in Richtung Mündung Lolibach. Durchaus weniger idyllisch!
Blick vom Aescher Ufer auf die Mündung des Lolibachs
Blick von Süden mit der Galsleitungsbrücke
Weg auf der Dammkrone
Materialumschlagplatz
Die Gasleitungsbrücke
Literatur zum Veränderung der Landschaft:
Häfliger Lorenz Heimatkunde Aesch: Arlesheim1985
Einwohner- und Bürgergemeinde Duggingen,; Heimatkunde Duggingen, Muttenz 2014
Bürgergemeinde Aesch: Wo Birs und Chlusbach ...., Heimatkunde Aesch 2005