In this seminar we will study some texts relating to an experience of mine concerning time, especially the time of the therapeutic encounter, which characterizes and determines its course. At first some random elements out of my practicing.
My visitor doesn't enter straight into the psychotherapy room, in the immediate and urgent way of "Let's go to work!" He will stay in the waiting room, even for half a minute. It is a pause that allows a break in what has been happening till then, a breathing pause that frees from everyday continuity and "gives a break", some void time which, to a certain degree, can provide an openness, through which will follow what is going to follow.
Sometimes, when they expect an answer, I say something like:
"Those things don't have answers in the way a medical issue or a mathematical problem has answers. In the matters concerning us, answers ripen."
Often, when they are under pressure, my attitude and my saying is:
"We have plenty of time, we have endless time!"
When they ask about the one or the other outcome of the situation:
"It will show."
Where the matter, the symptom is pressing: I am not being carried away by his haste to get relieved, to save himself, to change.
I let my pace be set by the rhythm of the matter.
The supine position. It renders inert. It annihilates time as the time of a process (procedere = move on) and it brings to another time which isn't linear, it isn't directed towards somewhere but is sluggish, so sluggish that the "somewhere" falls into oblivion.
Psychotherapy, as it evolved in my practice, isn't some kind of performance, it doesn't work on the problem, it isn't been calculated in terms of achievement and scoring. It doesn't look forward nor backward. It remains on the spot and is being acclimatized to the givennesses.
I don't correspond to the things heard with some kind of "Why?", which would drive me towards understanding and to interpreting. I hear without thinking, without searching for something further. I am contented with what is given. This revives me and in his air lets me, lets us breath.
Where my visitor is stuck in an impasse, I continue to breathe. So my words leave a breathing space.
In diesem Seminar werden wir uns mit Texten, die sich auf eine Zeiterfahrung von mir beziehen, insbesondere eine Erfahrung der Zeit der therapeutischen Begegnung, welche ihren Gang kennzeichnet und bestimmt. Zunächst einige Zufallsstichproben aus der therapeutischen Praxis.
Mein Besucher tritt nicht gleich in den Praxisraum, etwa in der direkten und eiligen Weise des "An die Arbeit!" Selbst eine halbe Minute lang wird er im Warteraum bleiben. Es ist eine Pause, die eine Unterbrechung der Kontinuität des Alltags erlaubt, eine Atempause. Diese kann einem einige Zeit lassen, einige leere Zeit, die eine Weite öffnet, aus welcher heraus folgt, was folgen wird.
Einige Male, wenn von mir Antworten verlangt werden, sage ich etwa:
"Diese Dinge haben keine Antwort so wie sie ein medizinischer Fall oder ein mathematisches Problem haben können. Bei den uns angehenden Sachen reifen die Antworte heran."
Vielmals, wenn sie unter Zeitdruck geraten, sagen meine Haltung und meine Worte:
"Wir haben viel Zeit, wir haben unendliche Zeit!"
Wenn nach dem einen oder anderen Ausgang der Situation gefragt wird:
"Es wird sich zeigen."
Dort, wo ihm die Frage, das Symptom drückend ist: Ich werde von seiner Ungeduld, erleichtert, gerettet zu werden, sich zu ändern, nicht mitgerissen.
Ich lasse mich vom Rhythmus der Sache bestimmen.
Die Rückenlage. Sie lässt einen tatenlos. Sie hebt die Zeit als Zeit eines Prozesses auf (Prozess, procedere = fortschreiten) und sie verlegt ihn in eine andere Zeit, die nicht linear, nicht irgendetwohin gerichtet, sondern zögernd ist, dermassen zögernd, dass das "Irgendwohin" in Vergessenheit gerät.
Die Psychotherapie, wie sie sich in meiner Praktik herausgebildet hat, bringt kein Werk zustande, "bearbeitet" das Problem nicht, wird nicht nach Leistung gemessen. Sie schaut weder nach vorne noch nach hinten. Sie bleibt an ihrem Ort und wird in die jeweiligen Gegebenheiten ihrer Stunde akklimatisiert.
Ich entspreche dem Vernommenen nicht mit irdendeinem "Warum?", das mich zu dem Versuch drängte, zu verstehen und zu deuten. Ich höre, ohne zu denken, ohne nach einem Weiteren zu suchen. Ich begnüge mich mit dem Gegebenen. Dies belebt mich; es lässt mich, es lässt uns atmen.
Da, wo mein Besucher sich in eine Sachkasse festgefahren und verklemmt ist, atme ich weiter. Also lassen meine Worte atmen.
Motto
Friedrich Hölderlin, Brod und Wein
Wunderbar ist die Gunst der Hocherhabnen und niemand
Weiß von wannen und was einem geschiehet von ihr.
So bewegt sie die Welt und die hoffende Seele der Menschen,
Selbst kein Weiser versteht, was sie bereitet, denn so
Will es der oberste Gott, der sehr dich liebet, und darum
Ist noch lieber, wie sie, dir der besonnene Tag.
Aber zuweilen liebt auch klares Auge den Schatten
Und versuchet zu Lust, eh' es die Noth ist, den Schlaf,
Oder es blikt auch gern ein treuer Mann in die Nacht hin,
Ja, es ziemet sich ihr Kränze zu weihn und Gesang,
Weil den Irrenden sie geheiliget ist und den Todten,
Selber aber besteht, ewig, in freiestem Geist.
Aber sie muß uns auch, daß in der zaudernden Weile,
Daß im Finstern für uns einiges Haltbare sei,
Uns die Vergessenheit und das Heiligtrunkene gönnen,
Gönnen das strömende Wort, das, wie die Liebenden, sei,
Schlummerlos und vollern Pokal und kühneres Leben,
Heilig Gedächtniß auch, wachend zu bleiben bei Nacht.
Un-zeit
… daß in der zaudernden Weile …
einiges Haltbare sei.
Friedrich Hölderlin
Erstaunlich aktuell ist Nietzsches "letzter Mensch". Die "Gesundheit", die sich derzeit zum absoluten Wert, ja zu einer Religion erhebt, "ehrt" schon der letzte Mensch.1 Ein Hedonist ist er zudem noch. So hat er "sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht".Sinn und Sehnsucht weichen Lust und Vergnügen: "›Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern?‹ – so fragt der letzte Mensch und blinzelt." Das lange, gesunde, aber ereignislose Leben wird ihm schließlich doch unerträglich. So nimmt er Drogen und stirbt zuletzt einen Drogentod: "Ein wenig Gift ab und zu: das macht angenehme Träume. Und viel Gift zuletzt, zu einem angenehmen Sterben." Paradoxerweise wird sein Leben, das er kraft einer rigorosen Politik der Gesundheit unendlich zu verlängern sucht, vorzeitig beendet. Er ver-endet zur Unzeit, statt zu sterben.
Wer es nicht vermag, zur rechten Zeit zu sterben, muß zur Unzeit verenden. Das Sterben setzt es voraus, daß das Leben eigens abgeschlossen wird. Es ist nämlich eine Schlußform. Wird dem Leben jede Form sinnvoller Geschlossenheit genommen, wird es unzeitig beendet. Es ist schwer, zu sterben in einer Welt, in der Schluß und Abschluß einem end- und richtungslosen Fortlauf, einem permanenten Unfertigsein und Neubeginn gewichen sind, in einer Welt also, in der das Leben sich nicht zu einem Gebilde, zu einer Ganzheit abschließt. So reißt der Lebenslauf zur Unzeit ab.
Die Beschleunigung von heute hat ihre Ursache ebenfalls in der allgemeinen Unfähigkeit, zu schließen und abzuschließen. Die Zeit stürzt fort, weil sie nirgends zum Schluß und zum Abschluß kommt, weil sie von keiner temporalen Gravitation gehalten wird. Die Beschleunigung ist also der Ausdruck eines temporalen Dammbruches. Es existieren keine Dämme mehr, die den Fluß der Zeit regeln, artikulieren oder rhythmisieren, die die Zeit halten und verhalten können, indem sie ihr einen Halt geben, einen Halt in seinem schönen doppelten Sinne. Wo die Zeit jeden Rhythmus verliert, wo sie halt- und richtungslos ins Offene verfließt, verschwindet auch jede rechte oder gute Zeit.
Gegen das Verenden zur Unzeit beschwört Zarathustra eine ganz andere Todesart: "Viele sterben zu spät, und Einige sterben zu früh. Noch klingt fremd die Lehre: ›stirb zur rechten Zeit!‹ Stirb zur rechten Zeit: also lehrt es Zarathustra. Freilich, wer nie zur rechten Zeit lebt, wie sollte der je zur rechten Zeit sterben?" Den Menschen ist der Sinn für die rechte Zeit gänzlich abhanden gekommen. Sie weicht der Unzeit. Auch der Tod kommt zur Unzeit wie ein Dieb: "Aber dem Kämpfenden gleich verhaßt wie dem Sieger ist euer grinsender Tod, der heranschleicht wie ein Dieb – und doch als Herr kommt." Unmöglich ist jede Freiheit zum Tode, die diesen ins Leben eigens einschlösse. Nietzsche schwebt ein "vollbringender Tod" vor, der, statt Verenden zur Unzeit zu sein, das Leben selbst aktiv gestaltet. Gegen jene "Seildreher" des langen Lebens trägt Zarathustra seine Lehre des freien Todes vor: "Den vollbringenden Tod zeige ich euch, der den Lebenden ein Stachel und ein Gelöbnis wird." Auch Heideggers "Freisein für den Tod" besagt nichts anderes. Dem Tod wird seine Unzeitigkeit dadurch genommen, daß er als eine gestaltende, vollbringende Kraft in die Gegenwart, ins Leben eingeholt wird. Sowohl Nietzsches freier, vollbringender Tod als auch Heideggers Freiheit zum Tode verdanken sich einer temporalen Gravitation, die dafür sorgt, daß das Vergangene und das Zukünftige die Gegenwart umspannen oder umschließen. Diese temporale Spannung löst die Gegenwart aus deren end- und richtungslosem Fortlauf und lädt sie mit Bedeutsamkeit auf. Die rechte Zeit oder der rechte Zeitpunkt ergibt sich nur innerhalb eines temporalen Spannungsverhältnisses in einer gerichteten Zeit. In einer atomisierten Zeit dagegen gleichen die Zeitpunkte einander. Nichts zeichnet einen Zeitpunkt vor den anderen aus. Der Zerfall der Zeit zerstreut das Sterben zum Verenden. Der Tod setzt dem Leben als richtungslos fortlaufender Gegenwart ein Ende, und zwar zur Unzeit. Darum fällt es einem heute besonders schwer zu sterben. Sowohl Nietzsche als auch Heidegger wenden sich gegen den Zerfall der Zeit, der den Tod zum Verenden zur Unzeit entzeitlicht: "Wer ein Ziel hat und einen Erben, der will den Tod zur rechten Zeit für Ziel und Erben. Und aus Ehrfurcht vor Ziel und Erben wird er keine dürren Kränze mehr im Heiligtum des Lebens aufhängen. Wahrlich, nicht will ich den Seildrehern gleichen: sie ziehen ihren Faden in die Länge und gehen dabei selber immer rückwärts."
Nietzsche beschwört emphatisch "Erben" und "Ziel". Offenbar ist er sich nicht der ganzen Tragweite vom Tod Gottes bewußt. Zu dessen Folgeerscheinungen gehört letzten Endes auch das Ende der Geschichte, nämlich das Ende von "Erben" und "Ziel". Gott wirkt wie ein Zeitstabilisator. Er sorgt für eine dauernde, ewige Gegenwart. So punktualisiert sein Tod die Zeit selbst, nimmt dieser jede theologische, teleologische, geschichtliche Spannkraft. Die Gegenwart schrumpft zu einem flüchtigen Zeit-Punkt. Erben und Ziel sind aus ihr verschwunden. Die Gegenwart führt keinen langen Schweif des Vergangenen und des Zukünftigen mehr mit sich. Nach dem TodGottes, angesichts des nahenden Endes der Geschichte, unternimmt Nietzsche den schwierigen Versuch, die temporale Spannung wiederherzustellen. Die Idee der "ewigen Wiederkehr des Gleichen" ist nicht nur der Ausdruck eines amor fati. Sie ist gerade der Versuch, das Schicksal, ja die Zeit des Schicksals zu rehabilitieren.
Heideggers "Man" führt Nietzsches "letzten Menschen" fort. Die Attribute, die er dem "Man" zuschreibt, gelten ohne weiteres auch für den letzten Menschen. Nietzsche charakterisiert ihn wie folgt: "Jeder will das Gleiche, jeder ist gleich: wer anders fühlt, geht freiwillig ins Irrenhaus." Heideggers "Man" ist auch ein Zeitphänomen. Der Zerfall der Zeit geht mit einer zunehmenden Vermassung und Gleichförmigkeit einher. Die eigentliche Existenz, das Individuum im emphatischen Sinne behindert das störungsfreie Funktionieren des "Man", d.h. der Masse. Die Beschleunigung des Lebensprozesses verhindert, daß abweichende Formen sich herausbilden, daß Dinge sich ausdifferenzieren, daß sie eigenständige Formen entwickeln. Dafür fehlt die Zeit der Reife. In dieser Hinsicht unterscheidet sich Nietzsches "letzter Mensch" kaum von Heideggers "Man".
Gegen den Zerfall der Zeit zu bloßer Abfolge punktueller Gegenwartbeschwört auch Heidegger "Erbschaft" und "Überlieferung". Alles "Gute" sei "Erbschaft". Die "eigentliche Existenz" setze das "Überliefern eines Erbes" voraus. Sie sei die "Wiederholung", die die "Möglichkeit der dagewesenen Existenz […] erwidere". "Erbschaft "und "Überlieferung" haben eine geschichtliche Kontinuität zu stiften. Angesichts der schnellen Abfolge des "Neuen" wird das "Alte" beschworen. Heideggers "Sein und Zeit" ist ein Versuch, angesichts desnahenden Endes der Geschichte diese wieder herzustellen, und zwar in Leerform, eine Geschichte also, die ohne Inhalte nur ihre temporale Formkraft behauptet.
Heutzutage veralten die zeitgebundenen Dinge viel schneller als früher. Sie werden rasch zu Vergangenem und entgleiten somit der Aufmerksamkeit. Die Gegenwart reduziert sich auf die Aktualitätsspitze. Sie dauert nicht mehr. Angesichts der Herrschaft punktueller, geschichtsloser Gegenwart fordert schon Heidegger eine "Entgegenwärtigung des Heute". Die Ursache der Gegenwartsschrumpfung oder der schwindenden Dauer ist nicht, wie man irrtümlicherweise glaubt, die Beschleunigung. Viel komplexer ist das Verhältnis zwischen dem Verlust der Dauer und der Beschleunigung. Die Zeit stürzt fort wie eine Lawine gerade deshalb, weil sie in sich keinen Halt mehr hat. Jene Gegenwartspunkte, zwischen denen keine temporale Anziehungskraft mehr besteht, lösen den Fortriß der Zeit, die richtungslose Beschleunigung der Prozesse aus, die aufgrund der fehlenden Richtung keine Beschleunigung mehr wäre. Die Beschleunigung im eigentlichen Sinne setzt gerichtete Fließbahnen voraus.
Die Wahrheit selbst ist ein Zeitphänomen. Sie ist ein Widerschein der dauernden, ewigen Gegenwart. Der Fortriß der Zeit, die schrumpfende, flüchtige Gegenwart höhlt sie aus. Auch die Erfahrung beruht auf einer temporalen Erstreckung, auf einer Verschränkung von Zeithorizonten. Für das Subjekt der Erfahrung ist das Vergangene nichteinfach verschwunden oder verworfen. Vielmehr bleibt es konstitutiv für seine Gegenwart, für sein Selbstverständnis. Der Abschied verdünnt nicht die Präsenz des Gewesenen. Er kann sie sogar vertiefen. Das Abgeschiedene ist von der Gegenwart der Erfahrung nicht ganz abgeschnitten. Vielmehr bleibt es mit ihr verschränkt. Und das Subjekt der Erfahrung muß sich offen halten für das Kommende, ja für das Überraschende und Ungewisse der Zukunft. Sonst erstarrt es zu einem Arbeiter, der die Zeit bloß abarbeitet. Er verändert sich nicht. Veränderungen destabilisieren den Arbeitsprozeß. Das Subjekt der Erfahrung dagegen ist sich nie gleich. Es bewohnt den Übergang zwischen dem Vergangenen und dem Zukünftigen. Die Erfahrung umfaßt einen weiten Zeitraum. Sie ist sehr zeitintensiv im Gegensatz zum Erlebnis, das punktuell, zeitarm ist. Die Erkenntnis ist genauso zeitintensiv wie die Erfahrung. Sie zieht ihre Kraft sowohl aus dem Gewesenen als auch aus dem Zukünftigen. Erst in dieser Verschränkung von Zeithorizonten verdichtet sich die Kenntnis zur Erkenntnis. Diese temporale Verdichtung unterscheidet die Erkenntnis auch von der Information, die gleichsam zeitleer oder zeitlos im privativen Sinne ist. Aufgrund dieser temporalen Neutralität lassen sich die Informationenabspeichern und beliebig abrufen. Wird den Dingen das Gedächtnisgenommen, werden sie zu Informationen oder auch zu Waren. Sie werden in einen zeitleeren, ungeschichtlichen Raum verschoben. Dem Abspeichern der Information geht das Löschen des Gedächtnisses, das Löschen der geschichtlichen Zeit voraus. Wo die Zeit zu bloßer Abfolge punktueller Gegenwart zerfällt, verliert sie auch jede dialektische Spannung. Die Dialektik ist selber ein intensives Zeitgeschehen. Die dialektische Bewegung verdankt sich einer komplexen Verschränkung von Zeithorizonten, nämlich einem Noch-Nicht des Schon. Das, was in der jeweiligen Gegenwart implizit präsent ist, reißt sie aus sich heraus und läßt sie in Bewegung geraten. Die dialektische Antriebskraft ergibt sich aus der temporalen Spannung zwischen einem Schon und einem Noch-Nicht, zwischen einer Gewesenheit und einer Zukunft. Die Gegenwart in einem dialektischen Prozeß ist spannungsreich, während der Gegenwart heute jede Spannung fehlt.
Die auf die Aktualitätsspitze reduzierte Gegenwart erhöht auch auf der Handlungsebene die Unzeitigkeit. Versprechen, Verbindlichkeit oder Treue z.B. sind genuin temporale Praktiken. Sie binden die Zukunft, indem sie die Gegenwart in die Zukunft kontinuieren und sie verschränken. Dadurch erzeugen sie eine temporale Kontinuität, die stabilisierend wirkt. Diese schützt die Zukunft vor der Gewalt der Unzeit. Wo die Praxis eines langfristigen Sich-Bindens, das auch eine Form des Schlusses wäre, der zunehmenden Kurzfristigkeit weicht, steigt auch die Unzeitigkeit, die sich auf der psychologischen Ebene als Angst und Unruhe widerspiegelt. Die zunehmende Diskontinuität, die Atomisierung der Zeit zerstört die Erfahrung der Kontinuität. Die Welt wird dadurch unzeitig.
Das Gegenbild der erfüllten Zeit ist die zu einer leeren Dauer hingedehnte Zeit ohne Anfang und Ende. Die leere Dauer ist dem Fortriß der Zeit nicht entgegengesetzt, sondern benachbart. Sie ist gleichsam eine lautlose Form oder das Negativ des beschleunigten Tuns, die Zeit, die übrig bliebe, wenn es nichts mehr zu tun oder zu machen gäbe, also eine Zeitform des leeren Tuns. Sowohl die leere Dauer als auch der Fortriß der Zeit sind Folgen der Entzeitlichung. Die Unruhe des beschleunigten Tuns verlängert sich in den Schlaf. In der Nacht setzt sie sich fort als leere Dauer der Schlaflosigkeit: "Schlaflose Nacht: dafür gibt es eine Formel, qualvolle Stunden, ohne Aussicht auf Ende und Dämmerung hingedehnt in der vergeblichen Anstrengung, die leere Dauer zu vergessen. Entsetzen aber bereiten schlaflose Nächte, in denen die Zeit sich zusammenzieht und fruchtlos durch die Händerinnt. […] Was aber in solcher Kontraktion der Stunden sich offenbart, ist das Gegenbild der erfüllten Zeit. Wenn in dieser die Macht der Erfahrung den Bann der Dauer bricht und Vergangenes und Zukünftiges in die Gegenwart versammelt, so stiftet Dauer in der hastig schlaflosen Nacht unerträgliches Grauen." Paradox ist nicht Adornos Ausdruck "hastig schlaflose Nacht", denn die Hast und die leere Dauer sind gleichen Ursprungs. Die Hast des Tages beherrscht die Nacht in Leerform. Die Zeit, nun jedes Haltes, jeder haltenden Schwerkraft beraubt, stürzt fort, verrinnt unaufhaltsam. Dieser Fortriß der Zeit, diese haltlos fortrinnende Zeit verwandelt die Nacht in eine leere Dauer. Mitten in der Ausgesetztheit in die leere Dauer ist kein Schlaf möglich.
Die leere Dauer ist eine unartikulierte, ungerichtete Zeit. In ihr gibt es weder sinnvolles Vor- noch Nachher, weder Erinnerung noch Erwartung. Angesichts der Unendlichkeit der Zeit ist das kurze Menschenleben ein Nichts. Der Tod ist eine Gewalt, die von außen das Leben zur Unzeit beendet. Man verendet vorzeitig zur Unzeit. Der Tod wäre keine Gewalt mehr, wenn er ein sich aus dem Leben, aus der Lebenszeit selbst ergebender Schluß wäre. Nur dieser macht es möglich, daß man das Leben aus sich heraus zu Ende lebt, daß man zurrechten Zeit stirbt. Allein temporale Formen des Schlusses erzeugengegen die schlechte Unendlichkeit eine Dauer, eine sinnvolle, erfüllte Zeit. Auch der Schlaf, der gute Schlaf wäre letzten Endes eine Form des Schlusses.
Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" beginnt bezeichnenderweise mit dem Wort: "Longtemps, je me suis couchι de bonneheure" (Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen). Die deutsche Übersetzung bringt die "bonne heure" ganz zum Verschwinden. Es handelt sich um ein weitreichendes Wort über Zeit und Glück (bonheur). Die bonne heure, die gute Zeit ist das Gegenbild der schlechten Unendlichkeit, der leeren, also schlechten Dauer, in der kein Schlafmöglich ist. Der Zeitriß, die radikale Diskontinuität der Zeit, die auch keine Erinnerung zuläßt, führt zur quälenden Schlaflosigkeit. Die ersten Passagen des Romans stellen dagegen eine beglückende Kontinuitätserfahrung dar. Inszeniert wird ein müheloses Schweben zwischenSchlafen, Träumen und Wiedererwachen, im wohligen Fluidum von Erinnerungs- und Wahrnehmungsbildern, ein freies Hin-und-Herzwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen fester Ordnung und spielerischer Verwirrung. Kein Zeitriß stürzt den Protagonisten in eine leere Dauer. Der Schlafende ist vielmehr Spieler, Wanderer und auch Herrscher der Zeit: "Der Schlafende spannt in einem Kreise um sich den Ablauf der Stunden, die Ordnung der Jahre und der Weltenaus." Gelegentlich treten zwar auch Verwirrungen und Irritationen auf. Aber sie enden nicht katastrophisch. Immer kommt der "gute Engel der Gewißheit" zur Hilfe: "[…] wenn ich mitten in der Nacht erwachte, wußte ich nicht, wo ich mich befand, ja im ersten Augenblick nicht einmal, wer ich war, […] dann aber kam mir die Erinnerung […]gleichsam von oben her zur Hilfe, um mich aus dem Nichts zu ziehen, aus dem ich mir selbst nicht hätte heraushelfen können; in einer Sekunde durchlief ich Jahrhunderte der Zivilisation, und aus vagen Bildern von Petroleumlampen und Hemden mit offenen Kragen setzte sich allmählich mein Ich in seinen originalen Zügen wieder von neuem zusammen." Statt gleichgültiger, namenloser Geräusche von außen oder des überlauten Tickens der Uhr, das sehr typisch für die Schlaflosigkeit, für die leere Dauer wäre, dringt ins Ohr etwas Klanghaftes. Auch die Dunkelheit der Nacht erscheint bunt und lebendig wie ein Kaleidoskop: "Ich schlief wieder ein und wachte dann manchmal nur noch sekundenlang auf, gerade lang genug, um ein Knacken im Gebälk zu hören oder den Blick dem Kaleidoskop der Dunkelheit zu öffnen und dank einem kurzen bewußten Augenblick wohlig den Schlaf zu genießen […]."
Es ist ein Irrtum, zu glauben, daß die Beschleunigung des Lebensprozesses heute auf die Angst vor dem Tod zurückzuführen sei. Argumentiert wird etwa so: "Beschleunigung, so hat sich gezeigt, stellt eine naheliegende Antwortstrategie auf das Problem der beschränkten Lebenszeit bzw. das Auseinanderfallen von Weltzeit und Lebenszeit in einer säkularen Kultur dar, für welche die maximale Auskostung von Weltoptionen und die optimale Entfaltung eigener Anlagen – und damit das Ideal des erfüllten Lebens – zum Paradigma gelingenden Lebens geworden ist. Wer doppelt so schnell lebt, kann doppelt so viele Weltmöglichkeiten realisieren und damit gleichsam zwei Leben in einem führen; wer unendlich schnell wird, nähert seine Lebenszeit dem potenziell unbeschränkten Horizont der Weltzeit bzw. der Weltmöglichkeiten insofern wieder an, als er eine Vielzahl von Lebensmöglichkeiten in einer einzigen irdischen Lebensspanne zu verwirklichen vermag und daher den Tod als Optionenvernichter nicht mehr zu fürchten braucht." Wer doppelt so schnell lebt, kann doppelt so viele Lebensoptionen auskosten. Die Beschleunigung des Lebens vervielfacht es und nähert es dadurch dem Ziel eines erfüllten Lebens an. Dieses Kalkül ist aber naiv. Es beruht auf einer Verwechslung der Erfüllung mit bloßer Fülle. Das erfüllte Leben läßt sich nicht mengentheoretisch erklären. Es resultiert nicht aus der Fülle von Lebensmöglichkeiten. Auch die Erzählung ergibt sich nicht automatisch aus bloßem Zählen oder Aufzählen von Ereignissen. Sie setzt vielmehr eine besondere Synthese voraus, der sich der Sinn verdankt. Eine lange Aufzählung von Ereignissen ergibt keine spannende Erzählung. Eine sehr kurze Erzählung kann dagegen eine hohe narrative Spannung entfalten. So kann auch ein sehr kurzes Leben das Ideal eines erfüllten Lebens erreichen. Diese Beschleunigungsthese erkennt nicht das eigentliche Problem, daß dem Leben heute die Möglichkeit abhanden gekommen ist, sich sinnvoll abzuschließen. Gerade darauf gehen Hektik und Nervosität zurück, die das Leben heute kennzeichnen. Man fängt ständig neu an, man zappt sich durch "Lebensmöglichkeiten", gerade weil man nicht mehr vermag, die eine Möglichkeit abzuschließen. Keine Geschichte, keine sinngebende Ganzheit erfüllt das Leben. Die Rede von der Beschleunigung des Lebens für dessen Maximierung ist irreführend. Beim genaueren Hinsehen enthüllt sich die Beschleunigung als eine nervöse Unruhe, die das Leben gleichsam schwirren läßt von einer Möglichkeit zur anderen. Es kommt nie zur Ruhe, d.h. zum Abschluß.
Ein weiteres Problem hinsichtlich des Sterbens heute besteht in einer radikalen Vereinzelung oder Atomisierung des Lebens, die dies noch endlicher werden läßt. Das Leben verliert immer mehr an Weite, die ihm Dauer verleihen würde. Es enthält in sich wenig Welt. Diese Atomisierung des Lebens macht es radikal sterblich. Es ist vor allem diese besondere Sterblichkeit, die eine allgemeine Unruhe und Hektik hervorruft. Beim flüchtigen Hinsehen mag diese Nervosität den Eindruck erwecken, alles beschleunige sich. Aber in Wirklichkeit handelt es sich nicht um eine wirkliche Beschleunigung des Lebens. Nur hektischer, unübersichtlicher und richtungsloser ist das Leben geworden. Aufgrund ihrer Zerstreuung entfaltet die Zeit keine ordnende Kraftmehr. So entstehen keine prägenden oder entscheidenden Einschnitte im Leben. Die Lebenszeit wird nicht mehr durch Abschnitte, Abschlüsse, Schwellen und Übergänge gegliedert. Vielmehr eilt man von einer Gegenwart zur anderen. So altert man, ohne alt zu werden. Schließlich verendet man zur Unzeit. Gerade darum ist das Sterben heute schwieriger denn je.
Die Lebenszeit wird nicht mehr durch Abschnitte, Abschlüsse, Schwellen und Übergänge gegliedert. Vielmehr eilt man von einer Gegenwart zur anderen. So altert man, ohne alt zu werden. Schließlich verendet man zur Unzeit. Gerade darum ist das Sterben heute schwieriger denn je.
Byung-Chul Han, Duft der Zeit
Abschnitte, Abschlüsse, Schwellen und Übergänge:
1. Es hat Momente gegeben, alltägliche Worte und Bilder, Werke des Wortes und der Kunst, verstreute Gedanken und Empfindungen, die ihre Spur hinterlassen haben - sie bewegten mich, prägten sich mir ein, nahmen einen dauernden Platz in der Welt. Anfänglich und lange Zeit blieben sie stumm; beharrlich und unbewegt wie Schären im offenen Meer. Nun in den letzten Jahren geschieht mir etwas Seltsames: Zuweilen gelange ich zu einer Klarheit. Und, wie es in einigen Traumen üblich, die Welt wandelt sich. Zur gleichen Zeit eines dieser Momente rührt sich. Es wird vertraut; ich kann mit ihm sprechen. Die meisten späteren Aufsätze und Vorträge beziehen sich auf solche Gespräche.
Der Name, der mir für diese Erfahrung eingefallen ist, weiß nicht wie und woher, war: "Altern".
2. Mein Leben wird weniger "mein" Leben. Gang einer Depersonalisierung [ohne das privative Element]. Mein Tod wird weniger "mein" Tod.
Life time is no more structured by periods, completions, thresholds and transitions. People rather rush from one present to the next. Thus people are getting old without becoming elderly. Just because of that, people end up at the wrong time. Just because of that dying is today more difficult than ever since.
Byung-Chul Han, Duft der Zeit
Periods, completions, thresholds and transitions:
1. There have been some moments, everyday words and images, works of word and art, random thoughts and feelings which laid their mark on me - they moved me, took on a permanent place in the world. For a long time they remained mute; persistent and immovable like skerries in the open sea. Well, in recent years there occurs to me something strange: I may come to a kind of elucidation. Then, as it happens in some dreams, the world has changed. At the same time one of these moments begins stirring. It becomes familiar; I can talk with it. Most of my recent papers and lectures refer to such talkings.
The name which came to me regarding this experience, I don't know how and where from, was: "Aging".
2. My life becomes less "my" life. Course of depersonalization [without the privative element]. My death less "my" death.
Im Wirkungslosen muß das sinnende Denken bleiben, dies ohne den Anschein einer vermeintlichen Tragik. Wohin solches Denken spricht, bleibt ihm verhüllt. Gleichwohl darf es nie die ihm gewährte Gunst übergehen: Sein Sagen ist, wo es ihm selten genug glückt, so, als sei nichts gesagt. Das sinnende Denken durchscheint die wesentlichen Erfahrungsbereiche wie Morgenlicht, das die Nacht verwahrt, damit es den Tag ergebe - und alles so, als sei es nichts.-
Doch man will alles steuern, möchte keine Spur mehr spüren, das heisst einer schon unscheinbar gegebenen Weisung nachgehen, um sie erblickend zu hören.-
Hören ist das zurückhaltende Zuvorkommen eines Vorsagens, das dem Ungesagten das zu-Sagende ent-sagt.-
Übereilung und Überraschung:
Jene betreiben wir.
Diese trifft uns.
Jene macht sich im Berechnen.
Diese kommt aus dem Ungeahnten.
Jene verfolgt einen Plan.
Diese besucht ein Verweilen.-