Der Anlass für den heutigen Vortrag war eine Stelle aus dem Buch des Philosophen Byung-Chul Han Die Austreibung des Anderen:
Heute ist jeder irgendwie mit sich, mit seinem Leiden, mit seinen Ängsten alleine. Das Leiden wird privatisiert und individualisiert. So wird es ein Gegenstand der Therapie, die am Ich, an seiner Psyche herumdoktert. ... Es wird keine Verbindung hergestellt zwischen meinem Leiden und deinem Leiden. Übersehen wird dadurch die Gesellschaftlichkeit des Leidens.
"Das Leiden wird privatisiert und individualisiert", schreibt Han. Dies wird offenbar, wenn wir uns die Art anschauen, in der psychotherapeutische Schulen das Leiden und seine Therapie auffassen. So z.B. die Psychoanalyse. In einem neulich erschienenen Text der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung heisst:
Psychoanalyse und psychoanalytische Psychotherapie eignen sich für alle, die sich in wiederkehrenden psychischen Problemen gefangen fühlen, die ihre Möglichkeiten einschränken, sich in ihrer Partnerschaft, mit ihrer Familie und Freunden wohl zu fühlen, Erfolg und Erfüllung in ihrer Arbeit zu finden und die normalen Alltagsaufgaben zu meistern.
In der Homepage der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie lesen wir:
Psychische Krankheiten werden als Störung der Systemumweltpassung definiert. Individuelle Symptome werden als Ergebnis von krankheitserzeugenden und -aufrechterhaltenden Beziehungsmustern im Kontext der wichtigen Bezugspersonen gesehen.
Das Private und Individuelle wird aufs Äusserste in der Neurophysiologie und in der Rede vom DNA getrieben. Es wird nicht bloss ins Somatische, sondern in die Biologie des Organismus eingezwängt.
Bei allen Unterschieden der verschiedenen Auffassungen bleibt ihr Gemeinsames, dass das Leiden durchgehend aus dem privaten Mikrokosmos des Leidenden heraus vorgestellt wird. Das Leiden, wenn wir bei den psychologischen Auffassungen bleiben, wird gedeutet, vorgestellt im Kontext von Beziehungen. Es erschöpft sich in diesen. Was ist hier das Fragliche? Das Individuum, sei es als Subjekt, sei es als die Familie, sei es als Biologie, wird absolut gesetzt. Es wird vergessen, dass die Einschränkung des optischen Feldes in die Individualität keineswegs selbstverständlich ist, sondern in den vorherrschenden Geist dieser Zeit gehört, nämlich in die vorherrschende Art und Weise, nach der der Bezug zum Selbst, zu den Mitmenschen, zu den Dingen vorgestellt wird.
Wenn die Psychotherapie auf eine heilende Kehre aus ist, dann muss die selbstverständliche Lebensart zur Frage werden, es braucht einen kritischen Blick, der vor allem die Bedingungen dieser Lebensart mit einbezieht. Der Mensch, der sich selbst aus seiner Psyche, oder aus dem System seiner Familie, oder aus seiner Biologie heraus begreift, hat in Frage gestellt zu werden.
Der erste, der diesen Schritt vollzogen hat, also der erste, der die psychologische Theorie in bezug auf ihre Prinzipien hinterfragte, war Ludwig Binswanger. In einem Vortrag gehalten zur Feier des 80. Geburtstags von Sigmund Freud sagt er:
Wenn man das wissenschaftliche Werk eines langen Lebens, das Mühe und Arbeit war, in den flüchtigen Augenblick einer Stunde bannen will, dann muss man zum Ursprung hinabsteigen, aus dem es sich entfaltet hat, das heisst, zu seiner Idee. … Fragen wir nach der Idee, die die unversiegliche Produktivität des Mannes, dessen wir in dieser Stunde in Dankbarkeit und Verehrung gedenken, beherrscht, und in deren Erfüllung er seine Mission erblickt, so finden wir sie in seiner Auffassung vom Menschen.
Das Private und Individuelle gehört in das Feld dessen, was in der Philosophie als die Frage des Solipsismus erörtert wird. Sowohl die psychologischen als auch die biologischen Vorstellungen sind solipsistisch und als solche bewegen sie sich innerhalb des vorherrschenden Geistes der Neuzeit. Freilich schon seit der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, vor allem durch das Werk von Ludwig Wittgenstein und Martin Heidegger, ist der Solipsismus in der Philosophie, in krassem Unterschied zur Lebensform der Moderne, kein Thema mehr. (Ich spreche nicht von der grossen Dichtung und von der grossen Kunst, die nie solipsistisch waren.) Hier werde ich mich auf einen Satz Heideggers aus den Zollikoner Seminaren beschränken:
Wo, womit bin ich, wenn ich mit Ihnen bin? Es ist ein Mitsein und das heißt: ein mit Ihnen in der Weise des In-der-Welt-seins Existieren, insbesondere ein Miteinandersein in unserem Bezogensein auf die uns begegnenden Dinge.
Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass das Mit- des Mitseins sich nicht auf das Interpersonale beschränkt, was ebenfalls eine Figur der Individualität wäre, sondern vorerst aus "unserem Bezogensein auf die uns begegnenden Dinge" konstituiert wird.
"es fliegt .. es fliegt" heisst ein altes Kinderspiel.
Die Spieler sitzen rund um den Tisch und setzen den Zeigefinger darauf. Das Kind, das "Mutter" spielt, sagt: "es fliegt … es fliegt…", es nennt ein Ding und hebt den Zeigefinger hoch. Falls das Ding fliegt, müssen die Spieler den Zeigefinger ebenfalls hochheben. Sollte es jemand nicht tun, fliegt er raus. Die "Mutter" macht weiter, immer in schnellerem Tempo, um die Spieler durcheinander zu bringen. Der klassische Fehler passiert beim "es fliegt … der Esel", wo die verwirrten Kinder den Finger hochheben.
In jedem Haus, in jeder Gesellschaft, zu jeder Zeit, irgendeine "Mutter" hat suggeriert, dass irgendein Esel fliegt. In der Kommunikation mit Anderen, aber auch in unmittelbarem Bezug auf die Esel werden Missverständnisse und linkische Handlungen einschleichen, da wie bekannt die Esel nicht fliegen. Es kann wohl sein, dass die Mutter in der einen oder anderen Art und Weise sich suggestiv verhält, aber die Sache erschöpft sich in der Kind-Eltern Beziehung nicht. Es ist noch, wie wir von Heidegger gehört haben, "ihr Bezogensein auf die sie begegnenden Dinge", in unserem Fall auf die Esel. Wohl hat das Kind die verführerische Suggestion der Eltern wahrzunehmen und zu anerkennen. Der entscheidende Schritt jedoch wird vollzogen sein, wenn das Kind den Esel sieht, wie er eben ist, und nicht mehr den Zeigefinger hochhebt.
Sehen wir es nun konkreter auf dem Feld der Psychotherapie. Ich werde mich nicht auf die Literatur der klassischen Psychoanalyse, der Systemtheorie, oder der biologisch orientierten Psychiatrie zurückgreifen, sondern einen Autor sozusagen aus unserem Familienkreis heranziehen. Im Buch von Medard Boss Praxis der Psychosomatik findet sich ein Text mit dem Titel Die unfallanfälligen Menschen. Dort berichtet er von einem 34jährigen Mann, der schon 9 Unfälle hinter sich hatte. Die letzten drei, die Boss beschreibt, ereigneten sich beim hinauf- und hinabsteigen von Treppen. Der dritte hat sich folgendermassen zugetragen:
Sein Geschäftspartner, der einmal sein bester Freund gewesen war, war nun ein sehr bösartiger Feind geworden. So konnte es eigentlich nicht weitergehen. [...] Tage- und nächtelang überlegte er hin und her, wie er sich von diesem Partner endgültig trennen könnte. Am liebsten hätte er ihm gleich den Bettel hingeworfen. In dieser äusserst gespannten Lage verliess Herr B.M. [...] eines Morgens wie gewohnt seine Wohnung, um sein Büro aufzusuchen. In Gedanken versunken wähnte er, bereits im Erdgeschoss angelangt zu sein. In Wirklichkeit befand er sich noch auf dem Treppenabsatz des ersten Stockwerkes. So kam es, dass er die folgenden Tritte nicht beachtete, kopfüber die Stiege hinunterstürzte und sich das Schlüsselbein brach.
Boss schreibt über die unfallanfälligen Menschen im allgemeinen:
Sie verunglücken immer dann, wenn sie wieder einmal in eine schwere Konfliktsituation hineingeraten sind, aber keinen Weg sehen, sie durch impulsives Brechen der konflikthaft gespannten mitmenschlichen Beziehungen oder durch ein Ausreissen aus einer allzu gespannten sozialen Lage erledigen zu können.
Boss bleibt beim Interpersonalen stehen, nämlich bei den "mitmenschlichen Beziehungen" und der "sozialen Lage". Es fehlt, was wir von Heidegger hörten: das "Bezogensein auf die ihn begegnenden Dinge". Im Fall des B.M. fehlt das Bezogensein auf die Treppe. Die Spannungen und die Konflikte und die Ausweglosigkeiten in bezug auf den Geschäftspartner sind zwar schon recht, in ihr Miteinandersein aber gehört und ihr Miteinandersein bestimmt der Weg zum Büro, zu welchem Weg eben die Treppe gehört.
Was schreibt Boss?
In Gedanken versunken wähnte er, bereits im Erdgeschoss angelangt zu sein. In Wirklichkeit befand er sich noch auf dem Treppenabsatz des ersten Stockwerkes. So kam es, dass er die folgenden Tritte nicht beachtete, kopfüber die Stiege hinunterstürtzte und sich das Schlüsselbein brach.
Der Satz von Boss erklärt, warum B.M. die Stiege hinunter stürzte. Weil er in Gedanken versunken war und die folgenden Tritte nicht beachtete. Die Erklärung ist vom Einblick in das Phänomen grundverschieden. Die Erklärung betrifft B.M. und den Grund seines Sturzes: "impulsiv" und "in Gedanken versunken", "beachtete die folgenden Tritte nicht". Das Phänomen des Sturzes von der Treppe betrifft, ich erinnere an Heidegger, das ihn "begegnende Ding". Es betrifft den Aufenthalt des B.M. in der Welt. Die erwähnte Erklärung gehört in die Psychologie des Leidens. Das Verweilen beim Phänomen des Sturzes betrifft die Kosmologie des Leidens. Die Psychologie des Sturzes entsteht in Hinsicht auf B.M., seine Konflikte und seine Ausweglosigkeiten. Die Kosmologie des Sturzes entfaltet sich in Ηinsicht auf die Treppe und ihre Gesetze.
Welches ist das Gesetz der Treppe? Die Treppe gehört in den Weg zum Büro und zum Partner. Wir hören, dass B.M. wähnte, bereits im Erdgeschoss angelangt zu sein, aber in Wirklichkeit sich noch auf dem Treppenabsatz des ersten Stockwerkes befand. Zum Phänomen des Sturzes gehört, dass B.M. schon im Nachher ist, nämlich im Erdgeschoss. Der Weg zum Erdgeschoss ist aus seinem optischen Feld verschwunden.
Der Weg wird lästig, oder sogar übersehen in vielerlei Art und Weise. Es kommt immer vor, wo einer an der Absicht, am Ziel fixiert ist: Die Autobahn, die Fluglinie. Das "weg damit!". Die kurzsichtige Fixierung auf die angestrebte Erfüllung. Das "wenn ich gross bin, werde ich …" der Kinder. Das Konstrukt der "Entwicklung". Der Weg deformiert sich, wo er, Hodos, zur Met-hode, Vorgehen, Procedere, Prozess wird. Der Weg schwindet völlig in den Internetseiten.
Diese ist, in groben Zügen, die Lebenswelt, in der B.M. sich aufhält. Indem B.M. auf sein Ziel, auf den Partner und das Büro fixiert ist, begeht er eine Hybris: er überschreitet die Masse des Weges. Er verletzt das Noch-nicht des Partners und des Büros. Er sieht an der Tatsache vorbei, dass er sich auf dem Weg befindet, auf dem Schritt, der gerufen wird, sich der auf ihn wartenden Stiege, der jeweiligen Stufe zu fügen. Er sieht daran vorbei, dass die Treppe selbst seine Aufmerksamkeit für jede Stufe, sein Verweilen an jeder Stufe verlangt, er sieht daran vorbei, dass auch die Treppe ein Aufenthaltsort ist.
B.M. beeilt sich. Das griechische Wort für "sich beeilen" (βιάζομαι) besagt auch "sich Gewalt antun". Gewalt ist die ausführende Hand der Hybris. Hier des Verletzens der Weggesetze, welches B.M. blind für die Treppe macht. B.M. tut der Treppe unrecht. Und gerade seine Blindheit für die Treppe rückt diese in eine massive, schmerzliche, überwältigende Anwesenheit - beim Sturz, der die Treppe rehabilitiert, sie vor den Augen des B.M. zurück bringt, sie als Gegen-stand rettet. Am Sturz wird der Gerechtigkeit Genüge getan. ΤΙΣΙΝ ΤΗΣ ΑΔΙΚΙΑΣ, in den Worten des Anaximander.
Ein Artikel des Weggesetzes, der von B.M. verletzt wurde, ist, wie wir gesehen haben, das Noch-nicht der Zeit. Es gibt viele Gesetze, die uns an den "uns begegnenden Dingen" einbinden, uns, mit einem Wort Heideggers, zu "Be-dingten" machen. Ein solches Gesetz ist das Nicht-mehr der Zeit, das von Menschen verletzt wird, welche auf kindliche Verhaltensmuster beharren, oder anderen gegenüber so aufzutreten, wie wenn sie noch Kinder wären. Ein weiteres Gesetz ist, wie Heidegger in den Zollikoner Seminaren ausführt, die Modalitäten der Anwesenheit, z.B. außer dem Modus einer sinnenhaft wahrnehmbaren, gegenwärtigen Anwesenheit, die Anwesenheitsmodi des Geträumten, des Erinnerten, des Halluzinierten, des Imaginierten, der Anwesenheitsmodus der Abwesenheit, etwa eines Verstorbenen usw., alles Modi, die unvergleichlich und gleichwertig untereinander sind. Es gibt noch das Gesetz des Anderen, das irgendwann irgendwie die narzisstische Kapsel des Selbst zerbrechen wird, wie die Treppe, die vor den Augen des B.M. unvermutet als Gegen-stand erschien, wie es einer Frau widerfuhr, die sich unantastbar wähnte, als ihr Freund wegging und als ihre Mutter starb. Es gibt endlich das Gesetz der Gesetze - die Endlichkeit.
Hierher, und nun sage ich dasselbe in einer anderen Sicht, gehören die Irrtümer, der Irrtum des Warum, der Irrtum der einen und einzigen Wahrheit, der Irrtum der Funktionalität, der Irrtum der Erkenntnis, die Fata Morgana des machbaren Glücks und des vermeidbaren Unglücks.
Diese und noch viele andere Gesetze sind keine Psychologie. Sie sind kosmologische Gesetze. In der altgriechischen Sprache Kosmos heisst unter anderem Ordnung. Aber jetzt sprechen wir von einer Ordnung die, in Heraklits Worten, "weder einer der Götter noch einer der Menschen geschaffen hat" (frg. 30). Antigone spricht ebenfalls von solchen Gesetzen:
Nicht von heut denn und von gestern, doch während je und je,
Ist er umher (das Gesetz) und keiner
hat dorthin geschaut, von wo aus er ins Scheinen kam.
Wie die meisten, so hat auch B.M. keine Ahnung von diesen Gesetzen. Die Herkunft des Leidens liegt nicht am innerpsychischen Konflikt, wie Freud glaubte. Es ist, und da komme ich wieder zu Heraklit, die Unkenntnis um das Walten der Masse, welche die Erinyen, die Gehilfinnen des Rechts behüten, indem sie die Sonne auf ihre Bahn zurückbringen und - B.M. auf die Treppe zurückwerfen. Deswegen hat der Therapeut, freilich auf seine Art, auch Lehrer zu sein. Einige kurze Beispiele aus psychotherapeutischen Momentaufnahmen:
- Sagen Sie, war es recht, dass ich diese Entscheidung getroffen habe?
- Es ist, wie wenn man fragte: "Ist es recht, dass es regnet?"
[Zu ihrer Tendenz zu kritisieren und zu bewerten:]
- Die Sonne scheint nicht aus Stolz und die Wolken erröten nicht aus Scham.
[Sie strebt nach einem Leben ohne Schmerz und Trauer]
- Es ist, wie wenn Sie sagten, Sie wollen, dass alle Tage sonnig seien.
Bosses Beispiel hat die Haltung seiner unmittelbaren und nachgekommenen Schüler beeinflusst. Allzu oft wird die daseinsanalytische Therapie von der Psychologie durchdrungen. Sie reicht nicht immer an das "Bezogensein auf die uns begegnenden Dinge" heran. Heideggers Werk eröffnet zwar Horizonte, aber es fehlen die Wege, die einem Gespräch, hier einem therapeutischen Gespräch auf einen Weg zu solchen Horizonten hinweisen könnten.
In diesem Vortrag wurde meine angedeutete therapeutische Richtung von der Lehre der Masse diktiert und von der Hybris ihrer Überschreitung, wie es von den Alten zur Sprache kam. Ich habe vom Leiden gesprochen als die Gewalt, die das Selbst, die Mitmenschen und die Dinge besetzt. Sie gehört zur Hybris, dort wo die Gesetze des Kosmos verletzt werden. Als Wegmarken solcher Gesetze könnte man genauso gut die "Verfallenheit an das Seiende" von Martin Heidegger in Betracht ziehen, das "Un-sinnige" von Ludwig Wittgenstein, das "Nichts" des Zen-Buddhismus, unzählige Werke der grossen Dichtung und der grossen Kunst.
Die Verletzung der kosmologischen Gesetze gelangt an ihr Äusserstes bei den elektronischen Medien und dem Internet. Die Grenzen der Zeit und des Raumes werden vernichtet. Der Anwesenheitsmodus des Fernsehens hat den Charakter des Simulacrums. Deswegen hat ein Buch Jean Baudrillards den skandalösen Titel: "Der Golfkrieg hat nicht stattgefunden". Noch grösser, ja abgründig ist die Kluft zwischen der virtuellen Realität des Internets und der ausgetriebenen Faktizität der Welt. Es ist die Kluft zwischen der verführerischen Welt des Tagträumens und der entsprechend grauen, feindlichen Realität, nun aber, wenn ich es so sagen kann, in der Form einer bösartigen Mutation. Wie meldet sich nun das Mass?
E i n e s T a g e s w e r d e n d i e s e M e e r e s i c h r ä c h e n
schreibt in einem anderen Kontext der Dichter Odysseas Elytis. Die Rache: An die Stelle des Leidens tritt nunmehr der plötzliche Tod, wenn der Wahn der absoluten Virtualität in sich zusammenbricht. Ich bin nicht in der Lage, mehr darüber zu sprechen. Etwas Verwandtes könnten wir in Alfred Hitchcocks Film "Rear Window" erahnen und in einem relevanten Text von Slavoj Žižek mit dem Titel "Der Triumph des Blicks über das Auge". Hier geht es um den Vergleich des Virtuellen in der Photopraphie mit der Faktizität, oder um den Vergleich zwischen dem Auge (des Photographen) und dem Blick. Es kommentiert Byung-Chul Han:
In seinem Film »Rear Window« inszeniert Hitchcock den Triumph des Blicks über das Auge.[55] Der an seinen Rollstuhl gefesselte Fotograf Jeff weidet sich genüsslich an den Bildern, die das Fenster ihm zu sehen gibt. Der unheimliche Blick von der anderen Seite des Hofes zerreißt bald diese Augenweide. Thorwald, den Jeff des Mordes an seiner Frau verdächtigt, merkt plötzlich, dass er von Jeff beobachtet wird. Der Blick von Thorwald, der Jeff erfasst, beendet die Souveränität des voyeuristischen Auges.
Ab diesem Moment ist die Realität kein Bild, keine Augenweide mehr. Nun ist Jeff ganz dem Blick des Anderen ausgeliefert. Thorwald ist die Gegenfigur des Fotografen, dessen Aufgabe darin besteht, die Realität ins Bild, in eine Augenweide zu verwandeln. Thorwalds Blick ist der Fleck, der aus dem Bild heraussticht. Er verkörpert den Blick des Anderen. Schließlich bricht er in Jeffs Wohnung ein. Jeff versucht ihn mit dem Kamerablitz zu blenden, das heißt seinen Blick zu vernichten, das Unheimliche wieder ins Bild zu bannen, was ihm jedoch nicht gelingt. Der Triumph des Blicks über das Auge vollendet sich in dem Moment, in dem Thorwald Jeff aus dem Fenster, das vorhin eine Augenweide bot, herauswirft.
Jeff fällt ganz aus dem Bild heraus und fällt auf den Boden des Realen. Rear Window verwandelt sich in dem Moment in Real Window.