„Psychische Leiden und Homöopathie“

veröffentlicht um 27.06.2016, 09:31 von Forum Homöopathieverein Bayreuth

Zum dritten Mal hatten wir Dr. med. Reinhard Hickmann, der als praktischer Arzt und klassischer Homöopath in Würzburg arbeitet, bei uns zu Gast. Sein Vortragstitel „Behandlung psychischer Leiden mit Homöopathie“ zog, wie in früheren Jahren, einen großen Zuhörerkreis an.

Er begann mit einem Blick auf die Realität der modernen Schulmedizin. Sie trennt den Menschen in Körper (Soma) und Seele (Psyche), ihre Zugangsweise zum Verständnis des Menschen ist eine rein naturwissenschaftliche.  Dass demgegenüber Körper und Seele bzw. Geist untrennbar sind, belegten schon volkstümliche  Ausdrücke wie „Die Angst sitzt mir im Nacken“ oder „Etwas bricht mir das Herz“. Auch die Schulmedizin akzeptiere inzwischen diese Sichtweise, ihre Lösung sei jedoch die Erfindung der Psychopharmaka bei seelischen Störungen, ganz im Sinne des naturwissenschaftlichen Weltbildes. Dies verdeutlichte Dr. Hickmann am Beispiel der Depression, die als Stoffwechselstörung, Stichwort: Serotoninmangel, begriffen wird. Nach den tieferen Ursachen dieses Mangels wird allerdings nicht gefragt. Dies tut die  klassische Homöopathie nach Hahnemann, und deswegen weist sie weist - vor dem Einsatz von Psychopharmaka - in der Behandlung der Depression Erfolge auf.

Ausführlich befasste sich Dr. Hickmann mit dem Ansatz Hahnemanns. In dessen Zentrum steht der Grundsatz „ Behandle den Patienten, nicht die Diagnose“, was nichts anderes heißt, als den Menschen als Ganzheit zu betrachten. Dr. Hickmann zitierte in diesem Zusammenhang den § 153 des „Organon“ (Hahnemanns Lehrbuch der Homöopathie), der die genaue Erfassung der spezifischen geistig-seelischen Symptome des Patienten durch den Therapeuten fordert. Entscheidend sei die Frage „Was ist in dessen Leben los?“ Überzeugend konkretisierte Dr. Hickmann dies an einem Fallbeispiel. Es handelte sich um eine Mutter, die aus Sorge um die schulische Zukunft ihres Sohnes („Schafft er das Gymnasium?“) und wegen des Leistungs- bzw. Verantwortungsdruckes in ihrem Beruf schwersten seelischen Belastungen ausgesetzt war.

Hahnemanns erfolgreiche Behandlung eines psychotischen Schriftstellers und Staatsbeamten mit Stramonium (Stechapfel) war für Dr. Hickmann Anlass, auf drei bedeutsame Mittel  bei der Behandlung psychischer Leiden in der Homöopathie einzugehen: neben Stramonium Belladonna (Tollkirsche) und Hyoscyamus (Bilsenkraut). Den Einsatz des letzteren Mittels illustrierte er an einem erstgeborenen Kind, dessen Eifersucht auf das nachgeborene Geschwisterchen sich in aggressivem Verhalten äußerte. Der tiefere Grund: es fühlte sich gekränkt. 

Dass Kränkung der Anfang einer Krankheit sein kann, wurde an einem anderen Fallbeispiel deutlich, das Dr. Hickmann ausführlich darstellte: Ein 44jähriger Patient litt unter unklaren Zahnschmerzen und hatte mehrere Zahnextraktionen und Wurzelspitzen-Resektionen hinter sich. Beruflich stand er stark unter Druck, fühlte sich von seinem Vorgesetzten gemobbt. Im Betrieb gab er den Druck nach unten weiter (galt als „Schreier“). Er war ein „Ritter ohne Rüstung“, ein Mensch, dem „der Biss“ fehlte (hier im wahrsten Sinne des Wortes), der aber seinen Ärger oder seine Wut ständig unterdrückte. Was ihn krank machte, war die Verletzung durch seine Mitmenschen. Dies führte in der Repertorisation zu Staphisagria (Rittersporn, Stephanskraut), einem Mittel, das bei Schnittwunden (z.B. nach Operationen) hilfreich ist,  sich aber auch bei seelischen Verletzungen bewährt hat. Das Ergebnis der  lang andauernden Behandlung war eine wesentliche Besserung der Zahnschmerzen, weitere Extraktionen und Resektionen im Gebiss waren nicht nötig.

Abschließend  stellte Dr. Hickmann dem Weltbild der Schulmedizin das der klassischen Homöopathie gegenüber. Ersteres ist materialistisch geprägt, letzteres vitalistisch, was bei Hahnemann gleichbedeutend mit derLebenskraft ist, die den ganzen Menschen durchwirkt. Da die Lebenskraft immaterieller Natur ist, stellt sich die grundsätzliche Frage, ob Bewusstsein, also Geist, die Materie bestimmen kann, oder umgekehrt Materie das Bewusstsein bestimmt. Sofern man mit Hahnemann Krankheit als eine Verstimmung der Lebenskraft begreift und Homöopathie als eine Heilmethode, die die Lebenskraft und damit Gesundheit wiederherstellt, kann man, wie Dr. Hickmann, davon überzeugt sein, dass der Geist die Materie bestimmt, oder wie Dr. Hickmann betonte, ohne Geist kein Körper ist.

Sein Vortrag war ein leidenschaftliches Plädoyer für die klassische Homöopathie. Er führte manchen Zuhörer wegen der Verarbeitung verschiedenartiger Details, besonders aber wegen seiner Tiefe und seiner Weisheiten an die Grenze der Aufmerksamkeit, war aber gerade dadurch eine Bereicherung war. Sie dürfte erst beim weiteren Nachdenken spürbar werden.

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