Die Tatsache, dass Vico (11) einen neuen Gesichtspunkt zur Behandlung der Geschichte beigetragen hat und dass er gewissermaßen als der Bahnbrecher dessen gilt, was später als «Geschichtsschreibung» bekannt wurde, sagt nichts über die Grundlegung dieser Wissenschaft durch ihn aus. In der Tat, obwohl er den Unterschied zwischen «Daseinsbewusstsein» und «Daseinswissenschaft» hervorhebt und bei seiner Reaktion gegen Descartes das Geschichtsbewusstsein aufrichtet, gelangt er deswegen noch nicht dahin, das geschichtliche Geschehen als solches zu erklären. Ohne Zweifel besteht sein großer Beitrag in dem Versuch, folgendes festzulegen: 1. Eine allgemeine Idee über die Form der geschichtlichen Entwicklung; 2. Eine Gesamtheit von Axiomen; 3. Eine —«metaphysische» und philologische— Methode (12). Außerdem definiert er: «So muss unsere Wissenschaft gewissermaßen eine Begründung der Vorsehung als historische Tatsache sein, weil sie eine Geschichte sein muss der Ordnungen, die jene, ohne dass die Menschen es bemerkten oder daran mitwirkten, ja oft ihren Plänen ganz entgegengesetzt, der großen Gemeinde des Menschengeschlechts gegeben hat; denn ob diese Welt auch geschaffen ist in der Zeit und als ein Besonderes, so sind doch die Ordnungen, die die Vorsehung darin eingesetzt hat, allgemein und ewig.» (13) Womit Vico festlegt, dass «diese Wissenschaft eine durch die göttliche Vorsehung begründete, bürgerliche Theologie sein muss» (14) und nicht eine Wissenschaft des geschichtlichen Geschehens als solches.
Beeinflusst von Plato und dem Augustinismus (mit seiner Auffassung von einer Geschichte, die am Ewigen teilnimmt), nimmt Vico zahlreiche Themen des Romantizismus vorweg (15). Indem er die ordnende Fähigkeit des «klaren und deutlichen» Denkens verkennt, versucht er, in das scheinbare Chaos der Geschichte einzudringen. Deren zyklische Interpretation als Voranschreiten und Rückschritt auf der Grundlage eines Gesetzes der Entwicklung in drei Zeitaltern —nämlich göttliches (in dem die Sinngebungen den Vorrang haben), Helden- (Phantasie) und menschliches Zeitalter (Vernunft)—, wird auf die Gestaltung der Geschichtsphilosophie einen gewaltigen Einfluss ausüben. Man hat den Zusammenhang, der zwischen Vico und Herder (16) besteht, nicht genügend hervorgehoben. Wenn wir aber beim Letzteren die Entstehung der Geschichtsphilosophie (17) und nicht bloß die Zusammenstellung historischer Angaben, die der Aufklärung eigen ist, anerkennen, so müssen wir dem Ersteren entweder die Vorwegnahme oder den direkten Einfluss auf die Entstehung des erwähnten Fachgebietes zuschreiben. Herder wird sagen: «…Wenn alles auf der Welt seine Philosophie und seine Wissenschaft hat, warum wird das, was uns direkter betrifft, nämlich die Geschichte der Menschheit, nicht ebenfalls eine Philosophie und eine Wissenschaft haben können?» Andererseits stimmen die drei von Herder aufgestellten Entwicklungsgesetze zwar nicht mit denen überein, die von Vico dargelegt worden sind, aber die Idee der menschlichen Evolution, die —von der Lebensweise des Menschen und seiner natürlichen Umgebung ausgehend— verschiedene Phasen durchläuft, bis sie zu einer auf der Vernunft und der Justiz gründenden Gesellschaft gelangt, erinnert uns an die Stimme des neapolitanischen Denkers. Bei Comte (18) erlangt die Geschichtsphilosophie bereits ein gesellschaftliches Ausmaß und erklärt das menschliche Tun. Sein Gesetz der drei Entwicklungsstufen (theologisch, metaphysisch und positiv) klingt noch nach Vicos Auffassung.
11 G. Vico (1668–1744).
12 Dies ist die Thematik des ersten, zweiten und vierten Teils von Principi di scienza nuova d’intorno alla natura delle nazioni, per li quali si ritrovano altri principi del diritto naturale delle genti.
13 G. Vico, Die neue Wissenschaft über die gemeinschaftliche Natur der Völker, Allg. Verlagsanstalt, München, 1924, S. 134 f.
14 ebd.
15 L. Giusso, La Filosofía de G. B. V. e l’etá barocca.
16 J. Herder (1744–1803).
17 Zwar handelt es sich in Wirklichkeit um eine «biokulturelle» Auffassung der Geschichte, sie ist aber deshalb nicht weniger philosophisch als jede andere. Was die Bezeichnung betrifft, ist Voltaire einer der ersten, der von «Philosophie der Geschichte» spricht.
18 A. Comte (1798–1857).
in: „Historiologische Diskussionen“, Silo
Kapitel II. Das Vergangene – ohne die zeitliche Grundlage gesehen 1. Auffassungen von der Geschichte
1668 Geburt und frühe Bildung: Vico wird in Neapel geboren und wächst in bescheidenen Verhältnissen auf. Er bildet sich autodidaktisch und interessiert sich schon früh für Philosophie, Geschichte und Rhetorik.
1699 Berufung als Professor: Vico wird zum Professor für Rhetorik an der Universität Neapel ernannt, wo er die nächsten Jahrzehnte lehrt und seine Ideen zur Philosophie der Geschichte entwickelt.
1725 Veröffentlichung der Scienza Nuova: Die erste Ausgabe seines Hauptwerks, der Scienza Nuova, erscheint. Hier legt er seine Theorie der zyklischen Geschichtsentwicklung dar, die später stark an Bedeutung gewinnt.
1730+44 Zweite und dritte Ausgabe der Scienza Nuova : Vico veröffentlicht überarbeitete Ausgaben seines Hauptwerks, wobei die Ausgabe von 1730 eine neue Struktur und die symbolische Dipintura enthält. Die dritte Ausgabe von 1744 gilt als seine endgültige Fassung.
1744 Rückzug und Tod: Vico zieht sich krankheitsbedingt aus dem öffentlichen Leben zurück und stirbt noch im selben Jahr in Neapel.
Themen
Geschichtsphilosophie: Vico ist vor allem für seine Theorie der zyklischen Natur der Geschichte bekannt. In seinem Hauptwerk "Scienza Nuova" (Neue Wissenschaft) entwickelt er die Idee, dass die Geschichte in wiederkehrenden Zyklen verläuft. Diese Zyklen bestehen aus drei Epochen: die göttliche, die heroische und die menschliche Ära.
Theorie der Kultur und Zivilisation: Vico untersuchte die Entwicklung von Gesellschaften und Kulturen. Er vertrat die Ansicht, dass jede Gesellschaft ihre eigenen Institutionen, Sprache und Mythen entwickelt, die für das Verständnis ihrer Geschichte und Kultur wesentlich sind.
Epistemologie: Vico kritisierte die damals vorherrschende rationalistische und cartesianische Philosophie, die er als unzureichend für das Verständnis der menschlichen Welt betrachtete. Er betonte die Bedeutung der poetischen und mythischen Erkenntnisweisen und die Rolle der Imagination in der menschlichen Erkenntnis.
Rhetorik und Sprache: Vico war auch ein bedeutender Rhetoriker und beschäftigte sich intensiv mit der Rolle der Sprache in der menschlichen Kommunikation und im Denken. Er argumentierte, dass Sprache und Rhetorik wesentliche Werkzeuge für das Verständnis der menschlichen Kultur und Geschichte sind.
Naturrecht und Rechtsphilosophie: Als Jurist interessierte sich Vico auch für die Entwicklung des Rechts und die Prinzipien des Naturrechts. Er untersuchte, wie rechtliche Normen und Institutionen im Laufe der Geschichte entstanden und sich veränderten.
Hauptwerke
"De antiquissima Italorum sapientia" (Über die älteste Weisheit der Italiener, 1710): Dieses Werk untersucht die Weisheit und Philosophie der antiken Italiener und argumentiert gegen den Rationalismus, indem es die Bedeutung von Mythen und Metaphern in der frühen italienischen Kultur betont.
"Institutiones Oratoriae" (Institutionen der Rhetorik, 1711-1741): In diesem Werk befasst sich Vico mit der Rhetorik und ihrer Bedeutung für die Bildung und das gesellschaftliche Leben. Es ist eine umfassende Abhandlung über die Kunst der Rede und ihre Rolle in der menschlichen Kommunikation.
"De universi iuris uno principio et fine uno" (Über den einen Grundsatz und das eine Ziel des universellen Rechts, 1720): Hier entwickelt Vico seine Theorie des Naturrechts und die Prinzipien, die den rechtlichen Systemen zugrunde liegen.
"De Constantia Jurisprudentis" (Über die Beständigkeit der Rechtswissenschaft, 1721): Dieses Werk behandelt die Stabilität und Kontinuität der Rechtswissenschaften und deren Bedeutung für die Gesellschaft.
"Scienza Nuova" (Neue Wissenschaft, 1725, überarbeitet 1730 und 1744): Dies ist Vicos bedeutendstes und bekanntestes Werk. Darin entwickelt er seine Theorie der zyklischen Natur der Geschichte und argumentiert, dass die menschliche Gesellschaft in wiederkehrenden Epochen verläuft: die göttliche, die heroische und die menschliche Ära. Vico betont die Bedeutung von Sprache, Mythen und Riten in der Entwicklung der menschlichen Kultur.
Einfluss
Diese Werke zusammen bilden das Kernstück von Vicos philosophischem und wissenschaftlichem Beitrag und haben erheblichen Einfluss auf die späteren Entwicklungen in den Bereichen Geschichtsphilosophie, Kulturtheorie und Rechtsphilosophie gehabt.
Vicos Werk war zu seiner Zeit wenig beachtet, wurde aber ab 1827 mit der französischen Ausgabe von Philosophen und Historikern wiederentdeckt und beeinflusste u.a. Benedetto Croce, James Joyce und Isaiah Berlin.
Silo anerkennt die Bedeutung, den Fortschritt in Vicos Ideen und deren Einfluss auf die methodischen Ansätze zur Geschichtsschreibung und historischen Analyse. Hier sind einige Gründe, warum Vico ausführlich erwähnt wird:
Theorie der zyklischen Geschichte: Vicos Konzept der zyklischen Natur der Geschichte, wie in seinem Hauptwerk "Scienza Nuova" dargelegt, stellt eine grundlegende Abweichung von der linearen Geschichtsschreibung dar, die viele spätere Historiker und Philosophen beeinflusst hat.
Kritik des Rationalismus: Vicos Kritik am Rationalismus und seine Betonung der Bedeutung von Mythen, Metaphern und poetischer Erkenntnis haben die Geschichtstheorie bereichert, indem sie die vielfältigen Wege anerkennen, auf denen Kulturen und Gesellschaften Wissen und Sinn konstruieren.
Interdisziplinärer Ansatz: Vicos Arbeit integriert verschiedene Disziplinen wie Philosophie, Rhetorik, Rechtswissenschaft und Geschichtsschreibung. Diese interdisziplinäre Perspektive hat die Art und Weise beeinflusst, wie Historiker und Theoretiker über die Vergangenheit nachdenken und sie interpretieren.
Methodologische Innovation: Vicos Ansatz, historische und kulturelle Phänomene durch die Untersuchung von Sprache, Symbolen und Mythen zu verstehen, hat neue methodologische Wege eröffnet, die für die historologische Forschung von zentraler Bedeutung sind.
Die Dipintura wurde erstmals in der zweiten Ausgabe von Giambattista Vicos Scienza Nuova (1730) veröffentlicht. Sie war auch in der dritten und letzten Ausgabe, die zu Vicos Lebzeiten 1744 erschien, enthalten. Die Dipintura diente in beiden Ausgaben als Frontispiz und bildete eine visuelle Einführung in seine zentralen Ideen der zyklischen Geschichte und der Entwicklung menschlichen Wissens.
Die zentrale Figur ist eine geflügelte Frau, die in der einen Hand eine Posaune und in der anderen einen Schild hält. Sie symbolisiert die „unsterbliche Weisheit“, die die Geschichte verkündet und bewahrt.
Das „Auge der Vorsehung“ erscheint oben auf dem Bild und symbolisiert die göttliche Weisheit und die göttliche Ordnung des Universums, die die menschliche Geschichte lenkt.
Ein Blitz geht von dem Auge aus und schlägt in eine Weltkugel ein, die die Erde darstellt. Dies soll die Verbindung zwischen dem göttlichen Plan und der weltlichen Ordnung darstellen.
Der Globus steht auf einem mit Hieroglyphen bedeckten Sockel, der die ursprüngliche, metaphorische Sprache der Menschheit symbolisiert, bevor es abstrakte Begriffe gab.
Im Vordergrund steht eine Statue von Homer, die die poetische Weisheit darstellt, die laut Vico die erste Form des menschlichen Wissens war.
Eine Schlange beißt sich in den Schwanz (Ouroboros) und symbolisiert damit die zyklische Natur der Geschichte, die sich ständig erneuert.
Am Fuß der Weltkugel brennt eine Flamme, die das „Licht der Wahrheit“ symbolisiert, das aus der Geschichte selbst hervorgeht.
Im Hintergrund sind Ruinen zu sehen, die auf den ständigen Kreislauf von Aufstieg, Blüte und Fall der Geschichte hinweisen.