Es gibt also zahlreiche Entstellungen, aber sicherlich ist die am wenigsten offenkundige (und die entscheidendste) diejenige, die nicht durch die Feder des Geschichtsschreibers stattfindet, sondern im Kopf dessen, der ihn liest und ihn je nachdem akzeptiert oder verwirft, ob die gelieferte Beschreibung zu seinen besonderen Glaubensgewissheiten und Interessen oder aber zu den Glaubensgewissheiten und Interessen einer Gruppe, eines Volkes oder einer Kultur in einem bestimmten historischen Moment passt. Diese Art persönlicher oder gemeinschaftlicher «Zensur» darf nicht in Frage gestellt werden, da sie als die Wirklichkeit selbst angesehen wird. Nur die Ereignisse, die mit dem, von dem man glaubt, es wäre die Wirklichkeit, zusammenprallen, sind schließlich imstande, die bis zu diesem Zeitpunkt akzeptierten Vorurteile wegzufegen. Selbstverständlich beziehen wir uns, wenn wir von «Glaubensgewissheiten» sprechen, auf jene Arten vorprädikativer Formulierungen von Husserl, die sowohl im täglichen Leben als auch in der Wissenschaft verwendet werden. Infolgedessen ist es gleichgültig, ob ein Glauben in einem Mythos oder in der Wissenschaft wurzelt, weil es sich ja in allen Fällen um Vorprädikative handelt, die vor jeglichem rationalen Urteil wirksam werden.
in: "Historiologische Diskussionen", Silo
Kapitel I. Das Vergangene von der Gegenwart aus gesehen, 1. Die Entstellung der mittelbaren Geschichte
Niemand kann den Unterschied übersehen, der zwischen der Beschäftigung mit einem Bereich von Tatsachen und dem Betreiben von Wissenschaft in diesem Bereich besteht. Genauso wie Husserl von seiner Auseinandersetzung mit Dilthey erzählt: «…es geht nicht darum, die Wahrheit der Tatsachen zu bezweifeln; es geht darum, zu wissen, ob diese begründet werden kann, indem man sie als allgemeingültiges Prinzip hernimmt.»
Das große Problem, das der Historiologie anhaftet, besteht darin, dass, solange man die Natur der Zeit und der Geschichtlichkeit nicht versteht, der Begriff von Prozess in deren Erklärungen eingefügt auftreten wird, anstatt dass die Erklärungen sich aus diesem Begriff ableiten ließen. Deshalb bestehen wir darauf, dass nur ein strenges Denken sich dieses Problems annehmen soll. Die Philosophie musste aber immer wieder darauf verzichten, dies zu erklären, während sie gleichzeitig versuchte, positive Wissenschaft zu sein, wie bei Comte; Wissenschaft der Logik, wie bei Hegel; Kritik der Sprache, wie bei Wittgenstein, oder aber Wissenschaft des Aussagenkalküls, wie bei Russell. Und deswegen fragen wir uns, wenn die Phänomenologie tatsächlich die Bedingungen einer strengen Wissenschaft zu erfüllen scheint, ob nicht in ihr die Möglichkeit für die Grundlegung der Historiologie steckt. Damit dies zustande kommt, müssen wir vorher einige Schwierigkeiten klären. Um das Thema abzugrenzen: Ist die unzureichende Antwort über die Geschichtlichkeit bei Husserl auf eine unvollständige Behandlung eben dieses Punktes im Besonderen zurückzuführen, oder ist die Phänomenologie selbst nicht in der Lage, eine Wissenschaft der Intersubjektivität, der Weltlichkeit und letztendlich der zeitlichen Ereignisse zu betreiben, die zur Subjektivität äusserlich sind? (24)
(24) In einer Fussnote zu den Cartesianischen Meditationen macht M. Presas folgende Bemerkungen: «Die Fünfte Meditation antwortet auf den Einwand eines transzendentalen Solipsismus und sie kann —nach Ricoeurs Meinung— als das Äquivalent und die Stellvertretung der Ontologie von Descartes betrachtet werden, die von ihm in seine III. Meditation durch die Idee der Unendlichkeit und die Erkenntnis des Seins in der Anwesenheit eben dieser Idee eingeführt wird. Während Descartes das cogito dank dieses Regresses auf Gott transzendiert, transzendiert Husserl das ego durch das alter ego; also sucht er in einer Philosophie der Intersubjektivität die höhere Grundlage der Objektivität, die Descartes in der göttlichen veracitas suchte. (Nach Paul Ricoeur, Etude sur les Meditations cartésiennes de Husserl, in: Revue Philosophique de Louvain, 53 (1954), S. 77) Das Problem der Intersubjektivität war bereits bei Husserl auf Grund der Einführung der Reduktion aufgetaucht. Etwa fünf Jahre danach —bei den Vorlesungen über Grundprobleme der Phänomenologie, im Wintersemester 1910/11 in Göttingen gehalten— dehnt er die Reduktion auf die Intersubjektivität aus. Bei mehreren Gelegenheiten weist er auf diese Vorlesungen hin, die inzwischen im Band XIII der Husserliana veröffentlicht wurden, vor allem in der Anmerkung zu Formale und transzendentale Logik. Dort kündigt er die kurze Darlegung der Untersuchungen an, die in den Cartesianischen Meditationen erscheinen werden; er weist darauf hin, dass es viele und schwierige von besonderen und expliziten Untersuchungen gibt, die er nächstes Jahr zu veröffentlichen hofft. Wie es bekannt ist, kam Husserl nicht dazu, diese expliziten Untersuchungen über besondere Themen der Intersubjektivität zu veröffentlichen…»
Übersetzt aus: E. Husserl, Meditaciones Cartesianas, Ediciones Paulinas, Madrid, 1979, Anmerkung S. 150.
[…]
In seinen Cartesianischen Meditationen sagt Husserl: «Sollte sich gar zeigen lassen, dass alles als eigentlich Konstituierte, also auch die reduzierte Welt zum konkreten Wesen des konstituierenden Subjekts als unabtrennbare innere Bestimmung gehört, so fände sich in der Selbstexplikation des Ichs seine eigenheitliche Welt als drinnen und andererseits fände das Ich, geradehin diese Welt durchlaufend, sich selbst als Glied ihrer Äusserlichkeiten und schiede zwischen sich und der Aussenwelt.» Damit wird in grossem Masse das ungültig gemacht, was in den Ideen zu einer reinen Phänomenologie und einer phänomenologischen Philosophie festgelegt wird, und zwar in dem Sinne, dass die Konstitution des Ichs als «Ich und umgebende Welt» zum Bereich des natürlichen Verhaltens gehört. Es besteht eine grosse Distanz zwischen der These von 1913 (Ideen) und der von 1929 («Fünfte Cartesianische Meditation»). Letztere bringt uns der Auffassung von «Öffnung», von Zur-Welt-hin-geöffnet-sein als Wesenheit des Ichs näher. Hier befindet sich der rote Faden, der es anderen Denkern ermöglichen wird, dem Dasein zu begegnen, ohne dass es sich dabei um ein isoliertes phänomenologisches Ich handelt, das sich nicht anders als in seiner Existenz konstituieren könnte oder — wie es Dilthey ausdrücken wird, «in seinem Leben». Wir werden einen Umweg machen, bevor wir wieder auf Husserl treffen.
[…]
Das heisst, nur indem man von der Zeitlichkeit des «Daseins» ausgeht, kann man verstehen, wie ihr die Weltzeit innewohnt. Und die Zeitlichkeit des «Daseins» ist eine Struktur, in der die vergangenen und zukünftigen Zeiten koexistieren — aber nicht wie angehäuft nebeneinander. Letztere haben die Form von Entwürfen, oder noch radikaler —wie uns Husserl lehrt— von für die Intentionalität notwendigen «Protentionen». In Wirklichkeit erklärt der Vorrang der Zukunft das Sich-vorweg-sein-in-der-Welt als ontologische Wurzel des «Daseins»… Das hat natürlich enorme Konsequenzen und betrifft auch unsere historiologische Untersuchung. Wie es Heidegger selbst sagt: «Die These ‹das Dasein ist geschichtlich› enthüllt sich als eine fundamentale existential-ontologische These. Sie ist weit davon entfernt, bloss eine ontische Bestätigung der Tatsache auszudrücken, dass sich das ‹Dasein› in einer ‹Weltgeschichte› abspielt. Die Geschichtlichkeit des Daseins ist die Grundlage eines möglichen historischen Verstehens, das seinerseits die Möglichkeit einer absichtlichen Entwicklung der Historie als Wissenschaft in sich trägt.» Hiermit befinden wir uns auf der Ebene der Vorbedingungen, die notwendigerweise enthüllt werden müssen, um die Entstehung der Geschichtswissenschaft zu rechtfertigen.
Im Grunde sind wir von Heidegger zu Husserl zurückgekommen. Nicht in Bezug auf die Auseinandersetzung, ob die Philosophie eine Wissenschaft sein soll oder nicht, sondern darauf, dass die auf der Phänomenologie gründende existentiale Analyse die Begründung der historiologischen Wissenschaft erlaubt. Auf jeden Fall stellen sich die Anklagen gegen einen vermeintlichen Solipsismus, die gegen die Phänomenologie erhoben worden sind, bereits in Heideggers Händen als haltlos heraus, und so bestätigt die zeitliche Strukturalität des Daseins von einem anderen Blickwinkel aus den unermesslichen Wert von Husserls Theorie.
in: "Historiologische Diskussionen", Silo
Kapitel III. Geschichte und Zeitlichkeit, 1. Zeitlichkeit und Prozess
Philosoph
und Begründer der Transzendentalen Phänomenologie und damit der phänomenologischen Bewegung, die schon vor seinem Tod die späteren Existentialisten beeinflussen sollte.
Lebensdaten
1859 Geburt in Proßnitz (Mähren) als Edmund Gustav Albrecht Husserl am 8. April in einer jüdischen Familie.
1876–1881 Studium der Mathematik, Physik und Philosophie an den Universitäten Leipzig, Berlin und Wien. 1881 promovierte er in Wien mit einer Dissertation über Variationsrechnung.
1884–1886 Husserl hörte Vorlesungen bei Franz Brentano, dessen Philosophie des Bewusstseins und Psychologie Husserl nachhaltig prägten.
1887 Konversion zum Christentum: Husserl trat zum Protestantismus über, was seiner akademischen Karriere in der damaligen Zeit förderlich war.
1900–1901 Veröffentlichung der Logischen Untersuchungen: Dieses Werk markierte den Beginn der modernen Phänomenologie und begründete Husserls Ruf als bedeutender Philosoph.
1913 Publikation von Ideen zu einer reinen Phänomenologie: Mit diesem Werk entwickelte Husserl die phänomenologische Methode weiter, insbesondere das Konzept der „Epoché“ und der „transzendentalen Reduktion“.
1916 Husserl wurde auf den Lehrstuhl für Philosophie an der Universität Freiburg berufen, wo er bis zu seiner Emeritierung 1928 lehrte.
1933 Politische Repression nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten: Husserl, jüdischer Herkunft, wurde durch die antisemitischen Gesetze aus der deutschen akademischen Gemeinschaft ausgeschlossen.
1936 Veröffentlichung der Krisis der europäischen Wissenschaften: Dieses Spätwerk thematisierte die Grundlagenkrise der Wissenschaften und betonte die Bedeutung der Lebenswelt.
1938 Tod in Freiburg am 27. April 1938 in Freiburg im Alter von 79 Jahren. Sein Nachlass wurde später von seinem Schüler Eugen Fink gesichert und bearbeitet.
Biografie
Als junger Mann zeigte Husserl großes Desinteresse an allen Schulfächern außer Mathematik, die er an den Universitäten in Berlin und Leipzig studierte. Er promovierte 1883 in Wien mit seiner Arbeit "Beiträge zur Variationsrechnung". Während des Jahres 1884 war er Schüler des Soziologen Franz Brentano, der einen großen Einfluss auf Husserls philosophische Ausbildung hatte. Nach einer langsamen akademischen Karriere lehrte Edmund Husserl in Göttingen, bevor er 1916 Professor in Freiburg wurde, wo er lebenslang blieb. Nach einigen Jahren der Lehrtätigkeit wurde er aufgrund des aufkommenden Nationalsozialismus aus dem Schuldienst entfernt.
Als Physiker, Mathematiker und Philosoph spiegelt sich sein interdisziplinäres Denken in seinem Erstlingswerk "Philosophie der Arithmetik" (1891) wider.
Einige Jahre später wurde sein vielleicht bedeutendstes Werk, die Logischen Untersuchungen (1900-1901), veröffentlicht. In diesem Werk definiert Husserl das Bewusstsein als eine Reihe von Handlungen, die er "Erfahrungen" nennt. Er versucht nicht zu erklären, was die Phänomenologie ist, sondern weist vielmehr auf eine neue Idee der philosophischen Wissenschaft als solche hin. In dieser Phase wird er als Begründer des als "Phänomenologie" bekannten philosophischen Ansatzes angesehen.
Husserls Forschung hat sich im Laufe der Zeit verändert. In seinem späteren Werk "Ideen zu einer transzendentalen Phänomenologie" befasst er sich mit der Erkenntnistheorie, die er als Kritik der theoretischen Vernunft oder Kritik der natürlichen Erkenntnis versteht. In diesem Werk versucht er, die richtige Beziehung zwischen dem Wissen, der Bedeutung des Wissens und dem Gegenstand des Wissens herzustellen. Wir betonen an dieser Stelle mit großer Einfachheit, dass er in diesem Werk eine weitere Eigenschaft des Bewusstseins entdeckt: seine Potenzialität.
Schließlich hielt Husserl 1929 eine Reihe von Vorlesungen an der Sorbonne, die als Buch mit dem Titel "Cartesianische Meditationen: Einführung in die Phänomenologie" veröffentlicht wurden. In diesem Buch werden die Grundzüge von Husserls "reifer" transzendentaler Phänomenologie vorgestellt, darunter die transzendentale Reduktion, die Epoche, die statische und genetische Phänomenologie, die eidetische Reduktion und die eidetische Phänomenologie. Dieses Werk ist noch heute Gegenstand von Studien und Debatten für Philosophen, Psychologen, Ethnologen usw.
Phänomenologie: wörtlich "Wissenschaft der Phänomene".
Wie Descartes wollte Husserl zur ersten Stufe der Erkenntnis zurückkehren und das Schema, das für die Wahrnehmung von Wissen verwendet wurde, neu entwerfen. Husserl plädierte für eine radikale Änderung der Auffassung von Dichotomien wie subjektive und objektive Wahrnehmungen oder direkte und indirekte Erkenntnis. Für ihn war es nicht notwendig, sie auf diese Weise zu trennen, da er der Ansicht war, dass die objektive Welt der Dinge unserem Bewusstsein unabhängig von ihrer objektiven Existenz zur Verfügung steht.
Während also andere Wissenschaften ihre Konzepte auf die Annahme stützten, dass es Gesetze gibt, die die Phänomene steuern und vorhersagen, und auf dieser Grundlage eine Sicht der Dinge formten, hielt es Husserl für wichtiger, sich auf die Erfahrungen der Dinge zu konzentrieren. Nicht darauf, wie die Dinge in ihren kausalen Beziehungen sind, sondern darauf, wie sie als "Phänomene" im Bewusstsein erscheinen.
Husserl charakterisierte Phänomene als die Wahrnehmung von Gegenständen oder Dingen, die sich dem Bewusstsein als "Erscheinung" präsentieren, in Husserls Worten: "Man muss die Dinge in ihrem wesentlichen Gehalt offenbar werden lassen" (EH, 1949). Wir müssen also die Phänomene, wie sie uns erscheinen, jenseits unseres bisherigen Bewusstseins von ihnen entdecken. Es ist notwendig, nicht zu hinterfragen, ob das Erlebte real ist, und zu verstehen, dass die Wahrnehmung der Dinge illusorisch sein kann. Nachdem wir uns unserer Wahrnehmungen entledigt haben, einschließlich des subjektiven Wissens und der Assoziationen, die wir zuvor über die Objekte erworben haben, werden wir das wahre Wesen der Objekte entdecken.
Als Untersuchungsmethode verwendet Husserl den Begriff der Epoché, der aus der altgriechischen Philosophie stammt: "epokhé" = aufheben, aber in einer erweiterten Bedeutung. Epoché bedeutet, dass man seine bisherigen Urteile über die Dinge außer Kraft setzt; die Technik, um dies zu erreichen, besteht darin, die äußere Realität zu entfernen, indem man sich auf die Empfindungen als psychische Phänomene konzentriert. Sobald man sich von den vorherigen Konzepten befreit hat, erlaubt diese Technik, dass sich das Phänomen dem Bewusstsein so zeigt, wie es in ihm selbst ist. Auf diese Weise hat das Bewusstsein bei der Interpretation des Lebens Vorrang vor der Physik. Die Phänomenologie wird so zu einer Brücke zwischen Philosophie und Psychologie.
Husserl wird sagen, dass das Bewusstsein eine Reihe von Handlungen oder Erfahrungen ist, die nicht als eine innere Struktur des Subjekts aufgefasst werden können, die nur darauf wartet, von Objekten beeinflusst zu werden. Das Bewusstsein ist ein Prozess, es ist kein Behälter, der Eindrücke und Sinneswahrnehmungen enthält, sondern jede Wahrnehmung (Assimilation), die das Bewusstsein von einem Objekt hat, stellt bereits eine Aktivität des Bewusstseins dar; das Bewusstsein nimmt keine realen Objekte wahr, sondern erfasst (assimiliert) Objekte, auch wenn das Bewusstsein die Objekte auf passive Weise vorkonstituiert.
Husserl würde sagen, dass "Intentionalität" das grundlegende Merkmal des Bewusstseins ist und dass alle bewussten Handlungen, wie Wahrnehmung, Denken und Wille, intentionale Handlungen sind. Mit Intentionalität bezeichnet er also die Richtung, die mentale Akte oder Geisteszustände auf Objekte oder Zustände haben. Mit anderen Worten: Mit "Intentionalität" meint Husserl die Tatsache, dass sich unsere Gedanken, Wahrnehmungen und Erfahrungen immer um etwas drehen oder auf etwas gerichtet sind. Husserl vertrat die Ansicht, dass diese Ausrichtung des Bewusstseins auf Objekte ein grundlegendes Merkmal unserer Erfahrung ist und dass sie es uns ermöglicht, die Welt zu erkennen.
In Husserls Phänomenologie ist die Intentionalität die Grundlage aller Bedeutung und allen Verstehens; es ist der Bewusstseinsakt, der ein Objekt setzt oder darauf gerichtet ist und ihm Bedeutung und Sinn verleiht. Er behauptete auch, dass der intentionale Akt von seinem Objekt unterschieden werden muss, da der Akt des Bewusstseins vom Objekt des Bewusstseins getrennt ist. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass das Subjekt in der transzendentalen Phänomenologie nicht mehr ein anonymes Wesen ist, sondern ein aktives Subjekt, das die Welt konstituiert und somit eine Verantwortung gegenüber der Welt und eine historische Verpflichtung gegenüber der Menschheit hat.
Es ist interessant zu erwähnen, dass Husserl in seinen siebziger Jahren beklagt, dass die meisten Leser sein Lebenswerk missverstanden haben. Wenn er jedoch selbst eine Neuformulierung dessen vornimmt, was die Phänomenologie ist und was sie erreicht hat, schreibt er von einem Standpunkt aus, den er zwei Jahrzehnte zuvor nicht hatte. Husserl wird in der Tat zum Kritiker und Interpreten seines eigenen Werks, das er mit einer hartnäckigen Metapher beschreibt, indem er sich selbst als "einen Entdecker, der anderen den Weg in ein neues Territorium eröffnet hat, das sie erobern, kartographieren und kultivieren können" bezeichnet.
Hauptwerke
"Philosophie der Arithmetik" (1891)
Husserls frühe Arbeit zur Philosophie der Mathematik und Zahlen, in der er die psychologischen Grundlagen der Mathematik untersucht. Ein erster Schritt zu seinem späteren Bruch mit der Psychologismus-Debatte.
"Logische Untersuchungen" (1900-1901)
Dieses zweibändige Werk gilt als Beginn der phänomenologischen Bewegung. Darin kritisiert Husserl den Psychologismus und entwickelt die Grundlagen seiner phänomenologischen Methode.
"Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie" (1913)
In dieser Veröffentlichung stellt Husserl das Konzept der "reinen Phänomenologie" vor und entwickelt zentrale Begriffe wie die Epoché und das Wesensschauen.
"Vorlesungen zur Phänomenologie des inneren Zeitbewusstseins" (1928)
Diese posthum veröffentlichte Sammlung von Vorlesungen widmet sich der Analyse des Zeitbewusstseins und der Struktur innerer Zeiterfahrung.
"Formale und transzendentale Logik" (1929)
Ein Werk, das sich mit der Frage nach der Gültigkeit und der transzendentalen Begründung der Logik auseinandersetzt. Hier vertieft Husserl die transzendentale Dimension seiner Phänomenologie.
"Cartesianische Meditationen - Méditations cartésiennes" (1931)
Basierend auf Vorträgen, die Husserl in Paris hielt, stellt dieses Werk eine Einführung in seine transzendentale Phänomenologie dar und enthält seine Ideen zur intersubjektiven Konstitution von Bewusstsein.
"Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie" (1936)
Husserls Spätwerk, in dem er die Krise der europäischen Wissenschaften diagnostiziert und die Phänomenologie als Weg zur Überwindung dieser Krise sieht. Hier entfaltet er seine Ideen zur Lebenswelt (Lebenswelt).
"Erfahrung und Urteil" (1939)
Ein weiteres posthum veröffentlichtes Werk, das Husserls Analysen zur Genese des logischen und rationalen Denkens fortsetzt und die Grundlagen der Erfahrungs- und Wahrnehmungstheorie untersucht.
Einfluss der Husserlschen Phänomenologie
Hurssel beeinflusste Autoren in verschiedenen Bereichen wie dem Existentialismus, dem Historismus, der Hermeneutik, der Wissenschaftsgeschichte, der analytischen Philosophie und der so genannten Postmoderne; sein Einfluss ist auch bei wichtigen Vertretern der zeitgenössischen Mystik und Religion spürbar.
Von der Phänomenologie beeinflusste Autoren
Emmanuel Lévinas, Jean-Paul Sartre, Maurice Merleau-Ponty, Paul Ricoeur, Jacques Derrida. Ludwig Landgrebe, Gerhard Funke, Van Breda, Alphonse de Waelhens, Stephan Strasser, Enzo Paci, Jan Patocka, Roman Ingarden, Marvin Farber, Alfred Schutz, Adhemar Gelb, Kurt Goldstein, Herbert Spiegelberg,
Von der Phänomenologie beeinflusste Disziplinen
Mathematik, Biowissenschaften, Psychologie (insbesondere Psychopathologie), Soziologie, Geschichte, Religionswissenschaft und jetzt auch Kognitionswissenschaften.
"...Hier finden wir die Phänomenologie, die verspricht, uns nach mühsamen Umwegen mit den grundlegenden Problemen der Geschichtswissenschaft konfrontieren zu können".
Husserl wird im Verlauf dieser Arbeit mehrfach zitiert. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der zentrale Bezug in dieser Arbeit auf die Frage gerichtet ist, ob die Grundlage der Geschichtswissenschaft als Wissenschaft in der Phänomenologie zu finden ist, da sie uns erlaubt, in die grundlegenden Probleme der Geschichtswissenschaft einzutreten. Es gibt zwei grundlegende Voraussetzungen für die historiologische Aufgabe, die in dieser Arbeit genannt werden und die sich auf Husserl beziehen.
Verstehen Sie zunächst, dass die "Vorhersagen" oder "Überzeugungen" die Vorstellungen des Historikers leiten. Wenn man also von der Deformation der vermittelten Geschichte spricht, wird sie erwähnt:
"Es gibt also zahlreiche Verzerrungen, aber die am wenigsten offensichtliche (und entscheidendste) ist sicherlich die, die nicht aus der Feder des Historikers stammt, sondern aus dem Kopf der Person, die den Historiker liest und die Beschreibung so akzeptiert oder verwirft, wie es ihren besonderen Überzeugungen und Interessen oder den Überzeugungen und Interessen einer Gruppe, eines Volkes oder einer Kultur zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt entspricht...".
... "Wenn wir von "Überzeugungen" sprechen, beziehen wir uns natürlich auf jene Art von Husserls ante-prädikativen Formulierungen, die sowohl im Alltagsleben als auch in der Wissenschaft verwendet werden. Es macht also keinen Unterschied, ob ein Glaube mythische oder wissenschaftliche Wurzeln hat, denn in allen Fällen handelt es sich um Ante-Prädiktive, die vor einem rationalen Urteil implantiert werden. ....
Husserls Ante-Prädikative sind also die Vor-Urteile, die man über Dinge, Wissen und subjektive Assoziationen hat. So bestimmen die persönlichen Überzeugungen oder der Glaube eines Volkes die Perspektive oder den Standpunkt, von dem aus man Ideen oder ein Ideensystem entwickelt, von dem aus man die persönliche, soziale, wissenschaftliche, historische usw. Welt interpretiert.
Zweitens ist es notwendig, das Wesen der Zeit und der Geschichtlichkeit zu verstehen, um den Begriff des "Prozesses" zu verstehen:
... "Denn das große Problem der Geschichtswissenschaft besteht darin, dass, solange das Wesen der Zeit und der Geschichtlichkeit nicht verstanden wird, der Begriff des Prozesses auf seine Erklärungen aufgepfropft wird und nicht die Erklärungen aus einem solchen Begriff abgeleitet werden".
Das Thema der Zeitlichkeit, das Husserl als "Retentionen, fließende Zustände und Protentionen" (nichtlineare Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft) vorstellt, legt den Grundstein für die Möglichkeit, zu wissen, wie sich die Zeitlichkeit in den Tatsachen ereignet, und macht es somit unabdingbar, die Zeitlichkeit derer zu beleuchten, die diese Tatsachen produzieren. Hier scheint die Phänomenologie von Husserl eine mögliche Antwort zu geben.
... "Nur wenn man also von der Zeitlichkeit des "Da-Seins" ausgeht, kann man verstehen, wie die weltliche Zeit ihr inhärent ist. Und die Zeitlichkeit des "Da-Seins" ist eine Struktur, in der vergangene und zukünftige Zeiten nebeneinander existieren (aber nicht nebeneinander als Aggregate) und letztere als Projekte, oder radikaler, als für die Intentionalität notwendige "Protentionen" (wie Husserl lehrte). In Wirklichkeit erklärt das Primat der Zukunft das Vor-Sein des In-der-Welt-Seins als die ontologische Wurzel des "Da-Seins".
Der große Abstand zwischen Husserls Dissertation "Ideen zu einer transzendentalen Phänomenologie" von 1913 und seiner Dissertation "Cartesische Meditationen: Einführung in die Phänomenologie" von 1929 wird hervorgehoben. Besonders hervorzuheben ist die fünfte Cartesische Meditation, in der er den roten Faden entdeckt, der es anderen Denkern ermöglichen wird, dem "Da-Sein" zu begegnen.
"So bestätigt die zeitliche Strukturalität des "Da-Seins" aus einer anderen Perspektive den unermesslichen Wert der Husserlschen Theorie".