Spenglers Sicht der «Zivilisation» als letzten Moment einer Kultur hat nicht verhindert, dass Toynbee die Zivilisation als Forschungseinheit verwendet. Tatsächlich setzt sich Toynbee bereits in der Einführung seines Werkes Studium der Geschichte mit dem Problem der kleinsten geschichtlichen Einheit auseinander und verwirft die «nationale Geschichte» als isoliert und unwirklich, da diese mit zahlreichen Wesenheiten in Verbindung steht, die ein weiteres Gebiet umfassen. Für ihn kommt es vor allem auf das vergleichende Studium zwischen Zivilisationen an, aber anstelle von «Zivilisation» wird öfters der Begriff «Gesellschaft» verwendet. Das für unsere Zwecke Bedeutsame liegt in seiner Interpretation des geschichtlichen Prozesses.
Das Subjekt der Geschichte ist nämlich nicht mehr ein vom Schicksal bestimmtes, biologisches Wesen, sondern eine Wesenheit, die von Impulsen oder hemmenden Einflüssen zwischen dem Offenen und dem Verschlossenen hin und her geführt wird. Die soziale Bewegung zeigt sich in einer Art Herausforderung — Antwort-Schema. Aber weder der Impuls wird im strengen Bergsonschen Sinn genommen, noch ist die Auffassung des Schemas Herausforderung—Antwort eine blosse Übertragung der Idee des Reiz—Antwort-Schemas —des Reflexes— wie bei Pavlov. Schließlich gehen seiner Ansicht nach die grossen Religionen über den Zerfall der Zivilisationen hinaus, und eben sie erlauben uns, in der Geschichte intuitiv einen «Plan» und einen «Zweck» zu erkennen. Auf jeden Fall gelangt er wegen der Anpassung seines Modells an eine gewisse geschichtliche Form nicht zu einem Verständnis der Zeitlichkeit.
in: "Historiologische Diskussionen", Silo
Kapitel II. Das Vergangene - ohne die zeitliche Grundlage gesehen 2. Die Geschichte als Form
Kulturtheoretiker und Geschichtsphilosoph
1889 Geboren am 14. April in London
1907-11 Er studierte Klassische Philologie (Balliol College) und erhielt 1911 seinen Abschluss in Literae Humaniores (klassische Literatur und Philosophie).
1912-15 Dozent für Klassische Philologie an der Universität Oxford.
1915-19 Arbeitete im britischen Außenministerium, insbesondere während des Ersten Weltkriegs, und war an der Friedenskonferenz von Paris beteiligt.
1921-22 Professor für byzantinische und moderne griechische Sprache, Literatur und Geschichte am King’s College in London.
1925-55 Direktor der Abteilung für internationale Angelegenheiten am Royal Institute of International Affairs (Chatham House). Während des Zweiten Weltkriegs: Arbeitete für die britische Regierung, insbesondere für das Informationsministerium.
1946 Veröffentlichung der ersten sechs Bände von "A Study of History", die internationale Aufmerksamkeit erregte.
1961 Veröffentlichung von "The Reconsiderations", einer kritischen Reflexion seiner früheren Arbeiten.
1975 Gestorben am 22. Oktober in York (Yorkshire)
Themen
Universalgeschichte und Kulturvergleich
Toynbees Hauptwerk "A Study of History" (1934-1961) war eine monumentale Universalgeschichte, in der er 21 verschiedene Zivilisationen/Kulturen über Raum und Zeit hinweg vergleichend untersuchte. Dieser interdisziplinäre Ansatz, der eine eurozentrische Sicht überwinden sollte, war bahnbrechend.
Rolle des Menschen in der Geschichte
Im Gegensatz zu Oswald Spenglers deterministischer Sicht betonte Toynbee die Freiheit und Handlungsmacht des Menschen gegenüber historischen "Herausforderungen". Er sah die Geschichte nicht als zyklischen Ablauf, sondern als offenen Prozess.
Einheit der Menschheit und Überwindung von Nationalismus/Rassismus
Toynbee kritisierte Nationalismus und Rassismus scharf und plädierte für eine Einheit der Menschheit jenseits ethnischer Grenzen. Er forderte eine "Rassenmischung" und Überwindung puritanisch-nationalistischen Denkens, etwa in den USA.
Religionsvergleich und Mystizismus
Toynbee verglich verschiedene Religionen und mystische Traditionen und beschwor deren Einheit, indem er etwa Christus mit Göttern anderer Religionen gleichsetzte. Seine Weltsicht hatte stark religiös-mystische Züge.
Zukunftsvision einer Weltregierung
In seinem Spätwerk entwarf Toynbee die utopische Vision einer zukünftigen Weltregierung, die auf Demut, Menschenliebe und Naturverbundenheit gründen sollte. Dies war seine metahistorische "Botschaft". Toynbees Werk zielte auf eine ganzheitliche, vergleichende Betrachtung der Menschheitsgeschichte unter Überwindung nationaler und rassischer Grenzen. Seine visionären und teils mystischen Ideen zur Einheit der Menschheit waren dabei zentral.
Hauptwerke
"A Study of History" (1934-1961)
Dies ist Toynbees monumentales 12-bändiges Hauptwerk, in dem er 21 verschiedene Zivilisationen/Kulturen über Raum und Zeit hinweg vergleichend untersucht. Es brachte ihm Weltruhm ein und gilt als bahnbrechendes Werk der Universalgeschichtsschreibung.
"Der Gang der Weltgeschichte"
Dies ist eine Kurzfassung und Zusammenfassung seines Hauptwerks "A Study of History" auf Deutsch.
Bücher über deutsche Gräueltaten im Ersten Weltkrieg
Vor seinem Hauptwerk verfasste Toynbee als Agent des britischen Außenamtes zwei Bücher, in denen er Gräueltaten deutscher Truppen im Ersten Weltkrieg anprangerte. Diese Frühwerke erwähnt er später selbst kaum noch.
Spätwerk mit utopischer Vision einer Weltregierung
In seinem Spätwerk entwarf Toynbee die Vision einer zukünftigen Weltregierung, die auf Demut, Menschenliebe und Naturverbundenheit gründen sollte. Dieses visionäre Werk wird als seine "metahistorische Botschaft" beschrieben.
Religionsvergleichende Schriften
Toynbee verglich verschiedene Religionen und mystische Traditionen und beschwor deren Einheit, indem er beispielsweise Christus mit Göttern anderer Religionen gleichsetzte. Diese religionsvergleichenden Schriften finden sich verstreut in seinem Gesamtwerk.
Die 12-bändige "A Study of History" mit ihrem interdisziplinären Kulturvergleich gilt eindeutig als Toynbees zentrales Lebenswerk. Daneben sind seine visionären Spätschriften sowie frühe Werke zu Kriegsgräueln und Religionsvergleichen von Bedeutung.
Einfluss
Toynbees Hauptwerk "A Study of History" (1934-1961) war eine monumentale und bahnbrechende Universalgeschichte, die durch ihren interdisziplinären Kulturvergleich und die Ablehnung eurozentrischer Perspektiven die Geschichtswissenschaft nachhaltig prägte. Obwohl von Fachkollegen für seine teils spekulative und mystische Herangehensweise kritisiert, erlangte Toynbee mit seiner Vision einer durch Menschenliebe und Demut geeinten Weltgemeinschaft großen Einfluss auf die Geschichtsphilosophie und Friedensbewegungen des 20. Jahrhunderts. Seine Ideen zur Einheit der Menschheit jenseits nationaler und kultureller Grenzen sind bis heute von Bedeutung.
Silo selbst begründet Toynbees Bedeutung im folgenden Absatz (s. oben):
„Das für unsere Zwecke Bedeutsame liegt in seiner Interpretation des geschichtlichen Prozesses. Das Subjekt der Geschichte ist nämlich nicht mehr ein vom Schicksal bestimmtes, biologisches Wesen, sondern eine Wesenheit, die von Impulsen oder hemmenden Einflüssen zwischen dem Offenen und dem Verschlossenen hin und her geführt wird.“
Und auch wenn Silo festhält, dass Toynbees Betrachtungen die Intuition eines “Plans” oder “Absicht” im geschichtlichen Prozess erkennen lassen, hält er ihm im gleichen Atemzug aber auch entgegen, dass er die so grundlegende Fragestellung der Zeitlichkeit (Warum geschehen Dinge? Wie kann es sein, dass die Ereignisse außerhalb des Bewusstseins ablaufen? Welcher Grad an Zusammenhang besteht zwischen der erlebten Zeitlichkeit und der Zeitlichkeit der Welt, über die wir unsere Meinungen äußern und unsere Ansichten vertreten? Warum ist die Zeit nicht umkehrbar?) nicht beantworten konnte.