Es gibt viele Arten und Weisen, die eigene gegenwärtige Landschaft in die Beschreibung des Vergangenen einzuführen. Manchmal wird mittels einer Sage oder unter dem Vorwand eines literarischen Werkes Geschichte gemacht oder der Versuch unternommen, die Geschichte zu beeinflussen. Einer von den eindeutigsten dieser Fälle finden wir bei Vergils Äneas. (5)
(5) Vergil lebte zwischen 70 und 19 v. Chr. Der Dichter beginnt sein Meisterwerk, nachdem der Cäsar Octavianus nach der Schlacht von Actium das Kaiserreich festigt. Damals war Virgil wegen seiner beiden Werke, die Bucolica und die Georgica, eine anerkannte Berühmtheit. Aber erst seitdem er seine neue Arbeit beginnt, geniesst er alle Gunst des Kaisers. Selbstverständlich handelt es sich bei ihm nicht um einem Höfling wie Teokrit und auch nicht um einen Söldner wie Pindarus, aber auf jeden Fall ist er jemand, dessen Interesse in Richtung der offiziellen Interessen angestachelt ist. Virgil stellt die Entstehungsgeschichte Roms in den Äneas-Epos. Die Geschichte wird bis auf das Ende des trojanischen Krieges zurückgeführt. Die Götter prophezeihen Äneas, dass aus ihm ein Geschlecht entstehen wird, das die Welt beherrschen wird. Auf dem Schild, das Vulkan dem Held schmiedet, erscheinen die geschichtlichen Bilder dessen, was kommen wird, bis zur Hauptfigur von Cäsar Augustus, einem Kaiser, der den universellen Frieden stiften wird. Bei Vergil ist der Sinn der Geschichte göttlicher Natur, weil es die Götter sind, die die menschlichen Handlungen in Richtung ihrer Vorhaben lenken (so wie es bei der Quelle seiner Inspiration —bei Homer— der Fall ist). Aber das verhindert nicht, dass ein solches Schicksal von den irdischen Absichten des Dichters bzw. dessen Gönners aus gedeutet wird… Im 14. Jahrhundert wird Die göttliche Komödie entstehen, bei der ein anderer Dichter Vergils Faden wiederaufnehmen und ihn als Führer bei seinen Streifzügen durch geheimnisvolle Gebiete einsetzen wird, um dadurch das Ansehen dieses Modells beträchtlich zu verstärken.
in: „Historiologische Diskussionen“, Silo
Kapitel I. Das Vergangene von der Gegenwart aus gesehen, 1. Die Entstellung der mittelbaren Geschichte
70 v. Chr. Vergil wurde am 15. Oktober 70 v. Chr. in einer ländlichen Region Norditaliens (Andes bei Mantua) geboren. Seine bäuerliche Herkunft beeinflusste seine Werke.
53–50 v. Chr.Studium in Cremona, Mediolanum (Mailand) und Rom: umfassende Bildung in Rhetorik, Philosophie, Astronomie, Medizin und Literatur, was seine Entwicklung als Dichter prägte.
42 v. Chr. Enteignung seines Familienbesitzes nach der Schlacht von Philippi: Die politischen Wirren führten zur Konfiszierung von Vergils Land, was ihn später unter den Schutz von Mäzenen wie Maecenas stellte.
37 v. Chr. Veröffentlichung der Eklogen: Diese Sammlung von Hirtengedichten machte Vergil bekannt und gilt als eines der ersten Hauptwerke der lateinischen Literatur.
29 v. Chr. Vollendung der Georgica: Dieses didaktische Werk über Landwirtschaft wurde von Maecenas unterstützt und festigte Vergils Ruf als bedeutender Dichter.
19 v. Chr. Unvollendete Aeneis und Tod: Vergil arbeitete bis zu seinem Tod in Brindisium am 21. September 19 v. Chr. an der Aeneis, einem Nationalepos über die Gründung Roms. Obwohl unvollständig, wurde es posthum veröffentlicht und avancierte zum zentralen Werk der römischen Literatur.
Themen
Römische Tugenden, Identität und Ideale
In der "Aeneis" zeigt Vergil durch Aeneas nicht nur römische Werte wie Pflichtbewusstsein, Tapferkeit und Schicksalserfüllung, sondern auch dessen Reise als Symbol für die Suche nach Identität und Bestimmung, sowohl für den Helden als auch für Rom und seine zivilisatorische Mission.
Schicksal und göttliche Vorsehung
Aeneas wird von den Göttern geleitet, um sein vorbestimmtes Schicksal zu erfüllen, wobei die göttliche Lenkung der menschlichen Geschicke im Mittelpunkt steht.
Krieg und Frieden
Vergil thematisiert Krieg als zerstörerische Kraft, aber auch als Mittel, um Frieden und Ordnung zu schaffen, reflektierend auf Roms historische Kriege.
Hauptwerke
Bucolica (42 v. Chr): Eine Sammlung von zehn Hirtengedichten.
Georgica (zwischen 37 und 29 v. Chr.) : Ein Lehrgedicht über den Landbau.
Aeneis: Vergils berühmtestes Werk und das römische Nationalepos. Er begann 29 v. Chr. daran zu schreiben, konnte es aber vor seinem Tod 19 v. Chr. nicht vollenden.
Diese drei Werke werden oft als Vergils Hauptwerke bezeichnet und sind vollständig erhalten.
Einfluss
Literarischer Einfluss: Dante bis Milton.
Sprachlicher Einfluss: Sein Stil prägte die lateinische Literatur und Rhetorik für Jahrhunderte.
Kultureller Einfluss: Die Aeneis wurde zum römischen Nationalepos und trug wesentlich zur Bildung der römischen Identität bei.
Bildungswesen: Vergils Werke waren über Jahrhunderte hinweg fester Bestandteil des Bildungskanons in Europa. Sie wurden an Schulen und Universitäten gelehrt und studiert.
Christliche Rezeption: Im Mittelalter wurde Vergil als eine Art "heidnischer Prophet" gesehen, dessen Werk Vorahnungen des Christentums enthielt.
Vergil wird als klares Beispiel aufgeführt, für die absichtliche Deformierung der Geschichte bzw. Geschichtserzählung, um sie in den Dienst eigener oder mächtiger Interessen zu stellen.