Auch wenn das Thema der Generationen von verschiedenen Autoren (Dromel, Lorenz, Petersen, Wechssler, Pinder, Drerup, Mannheim, usw.) behandelt worden ist, haben wir es Ortega zu verdanken, in seiner Theorie der Generationen den Anhaltspunkt zum Verständnis der inneren Bewegung des geschichtlichen Prozesses aufgestellt zu haben.
in: "Historiologische Diskussionen", Silo
Kapitel III. Geschichte und Zeitlichkeit, 2. Horizont und zeitliche Landschaft
Soziologe und Philosoph
1893 geboren am 27.März in Budapest / Ungarn
1911–18 Studium d. Philosophie, Pädagogik und Literaturwissenschaft in Budapest
1917 Mitbegründer d. aus dem „Sonntagskreis“ hervorgegangenen „Freien Schule d. Geisteswissenschaften“
1918 Promotion: „Die Struktur der Erkenntnistheorie“
1919–20 während der Räterepublik Professor für Kulturphilosophie an der Universität Budapest; nach Sturz der Räteregierung Emigration nach Deutschland
1921–30 Heidelberg
1926 nach der Habilitation mit einer Arbeit über „Altkonservatismus“ Habilitation bei Alfred Weber u. Ernennung zum Privatdozenten für Soziologie
1930–33 ordentlicher Professor für Soziologie und Nationalökonomie an der Univ. Frankfurt
1933 Entlassung nach d. NS-„Machtübernahme“; Emigration nach London
ab 1933 Anstellung an der London School of Economics and Political Science
1940 britische Staatsbürgerschaft
1941–47 Lecturer am Institute of Education,
ab 1945 Professor of Education u.Chairman
1947 gestorben in London / Großbritannien
Themen
Soziologie des Wissens: Mannheim ist bekannt für die Entwicklung der Soziologie des Wissens, die untersucht, wie Wissen und Ideologien durch soziale Kontexte beeinflusst und geformt werden. In seinem Hauptwerk "Ideologie und Utopie" analysierte er, wie soziale Positionen und Interessen die Wahrnehmung und Interpretation der Realität prägen.
Ideologie und Utopie: In diesem Werk untersuchte Mannheim den Gegensatz zwischen Ideologien, die bestehende gesellschaftliche Verhältnisse rechtfertigen, und Utopien, die auf gesellschaftliche Veränderung abzielen. Er analysierte, wie diese Denkweisen von verschiedenen sozialen Gruppen verwendet werden, um ihre Interessen zu vertreten.
Generationenforschung: Mannheim beschäftigte sich intensiv mit der Rolle von Generationen in der Geschichte und entwickelte eine Theorie, die beschreibt, wie historische Ereignisse und soziale Veränderungen die Identität und das Bewusstsein unterschiedlicher Generationen prägen. Sein Essay "Das Problem der Generationen" ist ein grundlegender Text in diesem Bereich.
Politische Soziologie: Mannheim analysierte die Wechselwirkungen zwischen Wissen, Macht und politischem Handeln. Er untersuchte, wie politische Ideologien und Überzeugungen in sozialen Kontexten entstehen und wie sie gesellschaftliche Entwicklungen beeinflussen.
Planung und Demokratie: Später setzte sich Mannheim mit den Möglichkeiten und Herausforderungen der gesellschaftlichen Planung auseinander. Er argumentierte, dass eine demokratische Planung notwendig sei, um den sozialen Wandel zu steuern und soziale Gerechtigkeit zu fördern.
Hauptwerke
"Ideologie und Utopie" (1929): Dies wird als Mannheims international bekanntestes Werk bezeichnet, das er während seiner Zeit als akademischer Lehrer in Heidelberg und Frankfurt verfasste. In diesem Buch untersuchte Mannheim verschiedene neuzeitlich-moderne Utopien und stellte Thesen über das mögliche Verschwinden der Utopie auf.
"Das Problem der Generationen" (1928): Diese Arbeit wird als eines seiner wichtigen Werke erwähnt, das sich mit dem Konzept der Generationen auseinandersetzt.
Obwohl nicht explizit als Hauptwerk genannt, sind Mannheims Beiträge zur Wissenssoziologie von großer Bedeutung. Er gilt als einer der Begründer dieses Teilgebiets der Soziologie
Seine Arbeiten zur "freischwebenden Intelligenz", auch wenn dieser Begriff ursprünglich von seinem Lehrer Alfred Weber stammt.
Einfluss
Mit seinem Werk "Ideologie und Utopie" (1929) legte Mannheim den Grundstein für die moderne Wissenssoziologie und prägte maßgeblich das Verständnis von Ideologien und utopischem Denken in der Gesellschaft.
Sein Konzept des "totalen Ideologiebegriffs" und des "Dynamischen Relationismus" führte zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der Perspektivität allen Denkens und beeinflusste die erkenntnistheoretische Debatte in den Sozialwissenschaften nachhaltig.
Mannheims Ideen zur "geplanten Demokratie" und "Planung für Freiheit" lösten intensive Diskussionen über die Gestaltung demokratischer Gesellschaften aus und beeinflussten sowohl seine Befürworter als auch seine Kritiker in der politischen Theorie.
Karl Mannheims Aufsatz "Das Problem der Generationen" von 1928 hatte einen tiefgreifenden und anhaltenden Einfluss auf die Generationenforschung in der Soziologie. Sein Konzept der Generationen als soziale Gruppierungen, die durch gemeinsame historische Erfahrungen geprägt sind, legte den Grundstein für viele nachfolgende Studien und Theorien über Generationenbeziehungen und generationellen Wandel in der Gesellschaft.
Silo erwähnt ihn mit einer Reihe von Autoren, Wissenschaftlern, die ungefähr in der gleichen Zeit (Ende des 19. / Anfang des 20.Jahrhunderts) die Bedeutung der Generationendynamik auf verschiedenen Feldern des menschlichen Lebens (Literatur, Kunst, Geschichte) erkannt haben. Gleichzeitig hebt Silo aber auch vor, dass der für ihn relevanteste Ansatz in Bezug auf die Rolle der Generationen von José Ortega y Gasset kam.
Mannheim sah im "steten Neueinsetzen neuer Kulturträger" ein zentrales Erklärungspotential für beschleunigte gesellschaftliche Umwälzungen und verband so generationellen mit sozialem Wandel.
Er entwickelte ein differenziertes Modell, das zwischen Generationslagerung, Generations-Zusammenhang und Generationseinheiten unterscheidet, wobei der Generations-Zusammenhang durch eine gemeinsame Bewusstseins- und Erlebnisschichtung entsteht.
Mannheim betonte, dass Menschen verwandter Jahrgänge aufgrund ihrer ähnlichen Perspektive auf Ereignisse und ihres gemeinsamen kulturellen Kontexts zu Trägern historischer Veränderungen werden können.
Sein Ansatz ermöglicht es, den historischen Wandel durch die Rückbindung an die Generationenzugehörigkeit der Akteure besser zu erklären und eine messbare Rhythmik gesellschaftlicher Veränderung herauszuarbeiten.