Wenn bereits beim Vater der Geschichtsschreibung das Interesse deutlich wird, die Unterschiede zwischen seinem Volk und den Barbaren hervorzuheben,2 verwandelt sich bei Titus Livius die Erzählung in eine Darstellung des Gegensatzes zwischen den Vorzügen der alten Republik und der Reichsepoche, in der er gerade lebt.3 Diese absichtliche Art, Tatsachen und Sitten darzustellen, ist den westlichen und östlichen Geschichtsschreibern nicht fremd, welche seit dem Ursprung der schriftlichen Erzählung selbst aus ihrer epochegebundenen Landschaft eine besondere Geschichte zusammenstellen. Viele von ihnen, die ihrem Zeitabschnitt verpflichtet sind, manipulieren ja die Tatsachen nicht bösartigerweise, sondern sehen eher im Gegenteil ihre Aufgabe darin, die «geschichtliche Wahrheit», die von den Mächtigen unterdrückt oder weggezaubert worden ist, wiederherzustellen. (4)
(4) Als Beispiel nehmen wir folgendes Zitat: «Anfang meines Werkes sollen die Konsuln Servius Galba —er Konsul zum zweiten Mal— und Titus Vinius sein. Denn seit der Gründung der Stadt — diese 820 Jahre der Vergangenheit haben viele Schriftsteller beschrieben, solange die Taten des römischen Volkes behandelt wurden, mit gleicher Beredsamkeit und Freimütigkeit: als der Krieg bei Actium entschieden war und alle Macht an einen einzigen zu übertragen dem Frieden diente, schwanden jene grossen Talente. Zugleich wurde die Wahrheit auf immer neue Arten entstellt… ».
P. Cornelius Tacitus, Historien, Philipp Reclam Jun., Stuttgart, 1984, Buch I, Einleitung.
in: "Historiologische Diskussionen", Silo
Kapitel I. Das Vergangene von der Gegenwart aus gesehen, 1. Die Entstellung der mittelbaren Geschichte
Historiker und Politiker
um 55 n.Chr. Geburt von Publius (oder Gaius) Cornelius Tacitus, vermutlich in Norditalien oder Südgallien.
77/78 Heirat mit der Tochter des angesehenen Senators Gnaeus Iulius Agricola.
um 81 Beginn seiner politischen Karriere unter Kaiser Titus; Eintritt in den Senat und später in den cursus honorum.
88 Ernennung zum Prätor und Mitglied des Priesterkollegiums der Quindecimviri, die für die sibyllinischen Bücher zuständig waren.
um 97 Konsulat unter Kaiser Nerva; dies markiert den Höhepunkt seiner politischen Karriere.
98 Veröffentlichung der Agricola, einer Biographie seines Schwiegervaters, und der Germania, einer ethnographischen Schrift über die germanischen Stämme.
um 110-120 Verfassen seiner Hauptwerke Historiae und Annales, die die Geschichte des römischen Reiches von 69 bis 96 n. Chr. bzw. von Augustus bis Nero behandeln.
nach 120 Tod von Tacitus (genaues Datum und Umstände unbekannt).
Der römische Historiker, Philosoph und Senator Tacitus wurde zu einer Zeit geboren, als Rom sich unter dem Kaiser Nero in einem politischen und sozialen Umbruch befand. Er stammte aus einer Ritterfamilie und bekleidete mehrere Posten in der römischen Verwaltung.
Er ist für seinen prägnanten Stil mit kritischem Blick auf die kaiserliche Macht bekannt und bietet eine detaillierte und oft düstere Darstellung der römischen Politik.
Themen
1. Macht und Tyrannei
Tacitus untersucht in seinen Werken, wie Macht erlangt, ausgeübt und missbraucht wird. Er kritisiert besonders die Tyrannei und die Willkürherrschaft der Kaiser, insbesondere die der frühen Kaiser wie Tiberius, Nero und Domitian. Seine Schilderungen betonen die negativen Auswirkungen von uneingeschränkter Macht auf Individuen und Gesellschaften.
2. Moral und Korruption
Ein weiteres zentrales Thema ist der moralische Verfall, den Tacitus sowohl in der römischen Oberschicht als auch in der politischen Führung erkennt. Er zeigt, wie Machtstreben, Verrat und Korruption die moralischen Werte der Republik unterminiert haben und die Kaiserzeit zu einer Ära des Opportunismus und der Angst machten.
3. Konflikt zwischen Freiheit und Autorität
Tacitus thematisiert den Verlust der republikanischen Freiheiten unter der Kaiserherrschaft. Er vergleicht die frühere republikanische Ordnung, die von einer gewissen politischen Freiheit geprägt war, mit der späteren kaiserlichen Autokratie. Dabei hebt er die Spannungen hervor, die zwischen dem Streben nach Freiheit und der Notwendigkeit von Ordnung und Stabilität bestehen.
4. Beziehungen zwischen Rom und den Provinzen
Insbesondere in der Germania und der Agricola befasst sich Tacitus mit der römischen Expansion und der Begegnung mit fremden Kulturen. Er beschreibt die germanischen Völker als freiheitsliebend und moralisch integer im Vergleich zu den korrupten Römern, was als indirekte Kritik an der Dekadenz Roms verstanden werden kann.
Hauptwerke
"Die Annalen" (Annales): Dieses Werk umfasst die Geschichte des Römischen Reiches unter den Kaisern Tiberius, Caligula, Claudius und Nero, also von 14 bis 68 n. Chr. Es ist eines seiner bekanntesten Werke, obwohl nur ein Teil der Bücher vollständig überliefert ist.
"Die Geschichten" (Historiae): Dieses Werk behandelt die turbulenten Jahre des Römischen Reiches nach Neros Tod und umfasst die Regierungszeit der Kaiser Galba, Otto, Vitellius und Vespasian, also von 69 bis 96 n. Chr. Leider ist nur ein Teil dieses Werkes erhalten geblieben.
"Das Leben von Agricola" (De vita et moribus Iulii Agricolae): Es handelt sich um eine Biographie seines Schwiegervaters Agricola, der ein römischer General war, der für seinen Feldzug nach Britannien bekannt war. Das Werk ist sowohl eine Grabrede als auch ein wichtiges historisches Dokument über die Eroberung Britanniens.
"Germania" (De origine et situ Germanorum): Diese ethnografische Abhandlung beschreibt die germanischen Völker und ihre Bräuche. Sie bietet einen Kontrast zu den römischen Praktiken und einen Ausblick auf die Stämme, die in der römischen Geschichte eine immer größere Rolle spielten.
Einfluss
Perspektiven auf die Macht: Seine Analyse der Machtmechanismen und politischen Intrigen liefert wertvolle Einblicke in die Verwaltung des Römischen Reiches und das Wesen imperialer Regime.
Methodologie: Tacitus ist auch für seine strenge Methodik bekannt, bei der er verschiedene Quellen, darunter offizielle Dokumente und persönliche Aussagen, verwendete. Er legte Wert auf einen kritischen Umgang mit den Quellen, obwohl er auch von seinen eigenen Meinungen und Vorurteilen beeinflusst wurde.
Tacitus bleibt eine zentrale Figur für das Studium der römischen Geschichte und bietet eine detaillierte und oft kritische Perspektive auf das Römische Reich und seine Herrscher. Seine Werke sind für das Verständnis der römischen Politik, Gesellschaft und Kultur während dieser Zeit von entscheidender Bedeutung.
Er dient hier als Beispiel eines frühen Historikers, der versucht, die (seiner Meinung nach) "historische Wahrheit" wiederzugeben, die von den Mächtigen unterdrückt oder verschleiert wurde.
Tacitus formulierte in mehreren seiner Bücher den Anspruch unbeeindruckt, in gewisser Weise neutral zu berichten, wie zum Beispiel in seinen Historien "Neque amore quisquam et sine odio" (über niemanden mit Zuneigung und von jedem ohne Hass) oder den Annalen "Sine ira et studio" (ohne Zorn und Eifer).
Ebenfalls in den Annalen betonte er seine vermeintliche Unabhängigkeit als Historiker mit der Formulierung: "Praecipuum munus annalium reor ne virtutes sileantur utque pravis dictis factisque ex posteritate et infamia metus sit." Dies bedeutet sinngemäß: "Ich halte es für die vornehmste Aufgabe der Geschichtsschreibung, dass Tugenden nicht verschwiegen werden und dass schlechte Worte und Taten die Furcht vor dem Urteil der Nachwelt und der Schande zu fürchten haben."