Man hat den Zusammenhang, der zwischen Vico und Herder16 besteht, nicht genügend hervorgehoben. Wenn wir aber beim Letzteren die Entstehung der Geschichtsphilosophie17 und nicht bloß die Zusammenstellung historischer Angaben, die der Aufklärung eigen ist, anerkennen, so müssen wir dem Ersteren entweder die Vorwegnahme oder den direkten Einfluss auf die Entstehung des erwähnten Fachgebietes zuschreiben. Herder wird sagen: «…Wenn alles auf der Welt seine Philosophie und seine Wissenschaft hat, warum wird das, was uns direkter betrifft, nämlich die Geschichte der Menschheit, nicht ebenfalls eine Philosophie und eine Wissenschaft haben können?» Andererseits stimmen die drei von Herder aufgestellten Entwicklungsgesetze zwar nicht mit denen überein, die von Vico dargelegt worden sind, aber die Idee der menschlichen Evolution, die —von der Lebensweise des Menschen und seiner natürlichen Umgebung ausgehend— verschiedene Phasen durchläuft, bis sie zu einer auf der Vernunft und der Justiz gründenden Gesellschaft gelangt, erinnert uns an die Stimme des neapolitanischen Denkers.
in: "Historologische Diskussionen", Silo
Kapitel II. Das Vergangene – ohne die zeitliche Grundlage gesehen, 1. Auffassungen von der Geschichte
Dichter, Übersetzer, Theologe, (Kultur- und Geschichts-) Philosoph
Als Zeitgenosse und teilweise Freund von Wieland, Goethe und Schiller wird er zum “Weimarer Viergestirn” gerechnet.
1744 Geburt am 25.8. in Mohrungen, Preußen
1762 Beginn des Theologiestudiums in Königsberg
1764 Umzug nach Riga, Arbeit als Lehrer und Prediger
1769 Reise nach Frankreich, Italien und später Straßburg; intensiver Austausch mit Goethe
1776 Ruf nach Weimar, Arbeit als Generalsuperintendent, Hofprediger und Mitglied des Konsistoriums
1784 Veröffentlichung von „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“
1803 Tod in Weimar
Themen
Sprache und Ursprung der Sprache: Herder sah Sprache als zentrales Merkmal des Menschseins und untersuchte ihre Ursprünge und Entwicklung. Er betrachtete Sprache als Ausdruck der menschlichen Vernunft und betonte ihre kulturelle Bedeutung.
Geschichtsphilosophie: In seinem Werk "Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit" entwickelte Herder die Vorstellung von Geschichte als durch Kultur und Erfahrungen der Völker geprägt, wobei Umwelt und kulturelle Kontexte die historische Entwicklung beeinflussen.
Volkskultur und Volkslieder: Herder hob die Volkskultur und -dichtung als Ausdruck der nationalen Identität und des kollektiven Geistes hervor und sammelte Volkslieder, um ihren kulturellen Wert zu würdigen.
Humanität und Bildung: Humanität, als Streben nach moralischer Vervollkommnung, war für Herder ein zentrales Thema. In den "Briefen zur Beförderung der Humanität" befürwortete er eine ganzheitliche Bildung zur Förderung der ethischen Entwicklung.
Nation und Kultur: Herder schätzte die Einzigartigkeit jeder Nation und Kultur, die jeweils eigene Werte und Ausdrucksformen haben, und sprach sich für kulturelle Vielfalt und Pluralismus aus.
Kritik des Rationalismus: Herder kritisierte den Rationalismus und Universalismus der Aufklärung, die kulturelle Vielfalt ignorierten, und betonte die Bedeutung des historischen und kulturellen Kontexts.
Hauptwerke
"Abhandlung über den Ursprung der Sprache" (1772): In diesem Werk argumentiert Herder, dass Sprache ein natürliches Produkt der menschlichen Vernunft und nicht ein göttliches Geschenk sei. Es ist eine wichtige Schrift in der Sprachphilosophie und Anthropologie.
"Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit" (1774): Herder präsentiert hier seine Ideen zur Geschichte und Kultur, betont die Einzigartigkeit jeder Nation und Kultur und stellt sich gegen die damals dominierende universalistische Geschichtsauffassung.
"Volkslieder" (1778-1779): Auch bekannt als "Stimmen der Völker in Liedern", sammelte Herder in diesem Werk traditionelle Volkslieder aus verschiedenen Ländern und betonte die kulturelle Bedeutung und den ästhetischen Wert der Volksdichtung.
"Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit" (1784-1791): Dieses mehrbändige Werk ist Herders Hauptwerk zur Geschichtsphilosophie. Er entwickelt darin eine umfassende Theorie der Menschheitsgeschichte und betont den Einfluss der Umwelt und der Kultur auf die Entwicklung der Menschheit.
"Briefe zur Beförderung der Humanität" (1793-1797): Eine Sammlung von Essays und Briefen, in denen Herder seine Vorstellungen von Humanität, Bildung und Ethik darlegt. Diese Schriften waren bedeutend für die Entwicklung der humanistischen Ideale im deutschsprachigen Raum.
Einfluss
Johann Gottfried Herder hatte einen entscheidenden Einfluss auf das Verständnis von Kultur, Sprache und Geschichte. Er vertrat die Idee, dass jede Kultur einzigartig und wertvoll sei, was den Relativismus und die Wertschätzung verschiedener Kulturen begründete. Seine Auffassung von Sprache als prägend für das Denken und die Identität eines Volkes beeinflusste die Sprachphilosophie und führte zur Ansicht, dass Sprache die „Seele“ einer Kultur ist. Zudem legte Herder mit seiner Betonung auf historische Entwicklung den Grundstein für die Geschichtsphilosophie.
Silo erkennt in Herders Konzeptionen den Beginn einer tatsächlichen Geschichtsphilosophie an.