Bericht vom 03.11.2017 im Spiegel
Zu viel Dünger, gefährlicher Feinstaub, Umweltministerin Dr. Barbara Hendricks hält Stickstoff für ein erhebliches Gesundheitsrisiko.
Die Bundesregierung steht unter Druck. Weil das Problem in Deutschland lange verdrängt wurde, hat die EU-Kommission 2016 ein Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet. Auch die OECD konstatiert in einem aktuellen Bericht, der Stickstoffkreislauf habe sich seit Beginn der Industriealisierung gravierend verändert - zum Nachteil der Menschen.
Dr. Hendricks Beamte sind derselben Auffassung. Doch in ihrem Bericht ist von konkreten Gegenstrategien oder gar von einem Aktionsprogramm, wie es ursprünglich angekündigt war, nicht mehr die Rede. Der Grund: Die Häuser ihrer Kabinettskollegen Alexander Dobrindt (Verkehr), Christian Schmidt (Landwirtschaft) und Brigitte Zypries (Wirtschaft) wehren sich, befeuert von Agrar- und Industrielobby, gegen Zielvereinbarungen und Auflagen.
Wie sehr die Stickstoffverbindungen die Gesundheit der Bürger gefährden, weiß kaum einer besser als Prof. Dr. David Groneberg (Professor für Arbeits- und Umweltmedizin an der Universität Frankfurt/M. "Stickstoffdioxid (NO2) ist ein Giftgas" erklärt er und verweist auf eine Studie aus dem Jahre 2003. Sie habe gezeigt, dass Ratten bei hoher Konzentration die chronische Lungenerkrankung COPD (bekannt als Raucherlunge) entwickeln. Aufschlussreich findet Prof. Groneberg eine Studie aus Kalifornien. Dort haben Forscher acht Jahre lang 747 Kinder regelmäßig untersucht. Das Ergebnis: das Lungenvolumen der Kinder mit hohen Stickstoffbelastungen war geringer als bei gleichaltrigen Kindern aus der Region. Die Mischung aus Stickstoffdioxid und Feinstaub hemmt die Lungenfunktion signifikant, obwohl die Studie aus dem Jahr 2004 stammt, hat die deutsche Autoindustrie jede Grenzwertverschärfung in Brüssel hintertrieben. Die heutigen Vorgaben seien viel zu milde, findet Prof. Groneberg. Neben dem Verkehr ist vor allem die Landwirtschaft schuld an der Problematik. Viel Mist und viel Gülle der modernen Massentierhaltung, Wirtschaftsdünger nennt sich die Fracht im nüchternen Amtsdeutsch.
Eine erfahrene Kinderärztin, Barbara Mühlfeld, des Taunusstädtchens Bad Homburg, stellt fest: "die Zahl der Kinder, die unter Asthma leiden, ist in den letzten 20 Jahren stark gestiegen". Als Auslöser könnten nicht zuletzt Feinstaub und Stickstoffoxide in Frage kommen.
Wenn es nach Umweltministerin Dr. Hendricks geht, soll eine Debatte hierüber rasch in Gang kommen. Ein interner Bericht ihrer Behörde zählt auf, wie gefährlich der viele Stickstoff ist, der aus Auspuffrohren von Autos oder den Düngemaschinen der Bauern in die Luft, dem Boden und das Trinkwasser dringt. Stickstoff ist ein natürlicher Baustoff, der erst zum Gesundheitsproblem wird, wenn seine Verbindungen überdosiert auftreten. Die Stickstoffverbindung Ammoniak trägt zur Bildung von Feinstaub bei, dieser kann zu 41.000 vorzeitigen Sterbefällen pro Jahr führen. Das Stickstoffoxid Lachgas trägt 265-mal so viel zum Klimawandel bei wie CO2. In Flüssen und Seen entstehen "sauerstofffreie Todeszonen". Die Artenvielfalt ist dort auf lange Zeit erheblich beeinträchtigt.