Mr. Twain oder auch Samuel Langhorne Clemens
Ich habe die vorhandenen Unterlagen und Nachrichten, die ich mittlerweile mit seinem Bruder Orion austauschte zu einer kleinen Biografie zusammengefasst. Sie ist sicherlich nicht vollständig, die Facetten des Lebens des Mannes, welcher unsere Gemeinschaft in Folge einer Luftschiffhavarie 1872 leider verfrüht verlassen musste, waren recht vielseitig. Betrachten Sie bitte meine Zusammenfassung als Ehrerbietung an einen Mann, der trotz vieler Schwierigkeiten mit seinem Leben das unsrige bereicherte.
Das Leben von Mr. Clemens alias Mr. Twain war von Widersprüchen gezeichnet. Er war ein Mann, der den American Way of Life kritisierte, selbst aber auch nach Erfolg und Anerkennung strebte. Er floh (wie viele anderen auch) vor dem Sezessionskrieg nach Westen. Obwohl er den größten Teil seines Lebens an der Ostküste der Vereinigten Staaten und in Europa verbrachte, sehe ich Mark Twain als Chronist des amerikanischen Südens und Westens.
Samuel kam verfrüht am 30. November 1835 als sechstes Kind von Jane Lampton Clemens und John Marshall Clemens in Florida, Missouri zur Welt. Er war gerade vier Jahre alt, da zog seine Familie in die Kleinstadt Hannibal. Obwohl die Eltern sich bemühten, eine sichere wirtschaftliche Existenz aufzubauen, waren sie schließlich 1842 gezwungen, ihre einzige Sklavin Jenny zu verkaufen. 1846 zogen sie bei einem Apotheker ein und hielten, anstatt Miete zu zahlen, das Haus instand. Diese Zeit der Jugend und die Hafenstadt am Mississippi River boten dem jungen Samuel wohl die Kulisse für einen Teil seiner Abenteuergeschichte über die Kunstfigur Huckleberry Finn.
Als Samuel elf Jahre alt war, starb sein Vater. Er begann bei der Zeitung Missouri Courier eine Ausbildung als Schriftsetzer. Sein Bruder Orion kaufte das Hannibal Journal, in dem Samuel erste kurze Artikel veröffentlichen konnte. Bis zu seinem 18. Lebensjahr blieb Samuel Clemens in Hannibal und publizierte 1852 The Dandy Frightening the Squatter unter seinem ersten Pseudonym „W. Epaminondas Adrastus Perkins“.
Von 1852 an reiste er als wandernder Schriftsetzer durch den Osten und den Mittleren Westen. Aus St. Louis, Philadelphia, New York City und Washington, D.C. schrieb er Reiseberichte für die Zeitung seines Bruders. In New York City verbrachte er viele Abende in den Astor- und Lenox-Bibliotheken (beide gehören zur New York Public Library), um seine bis dahin mangelhafte Allgemeinbildung zu verbessern.
Ab 1855 lebte Mr. Clemens in St. Louis und plante, ein Lotse auf einem Mississippidampfer zu werden. Er begann 1857 eine entsprechende Ausbildung, erhielt 1859 seine Lizenz und war bis 1861 in dem Beruf tätig.
In der dortigen Freimaurerloge „Polar Star Lodge No. 79“ wurde er am 22. Mai 1861 aufgenommen, am 12. Juni 1861 zum Grad des Gesellen befördert und am 10. Juli 1861 zum Meister erhoben. Später schloss man ihn aus der Loge aus, nahm dies aber am 24. April 1867 zurück. Auf seiner Reise nach Palästina schickte er an diese Loge einen Knüpfel mit folgender Notiz: „This mallet is a cedar, cut in the forest of Lebanon, whence Solomon obtained the timbers for the temple.“ („Dieser Knüpfel besteht aus Zedernholz, geschnitten im Wald des Libanon, von wo Salomo das Bauholz für den Tempel bezog.“) Den Knüpfel ließ er in Alexandria aus dem Zedernholz herstellen, das er selbst vor den Mauern Jerusalems geschnitten hatte. Am 8. April 1868 wurde der Knüpfel der Logengemeinschaft präsentiert. Doch Mr. Clemens war auch ein Mann mit eigenen Vorstellungen und Freigeist. Konsequenterweise trat er im Oktober 1868 aus der Loge aus.
Der Ausbruch des Sezessionskriegs 1861 brachte die Flussschifffahrt auf dem Mississippi und dem Missouri zum Erliegen, und Clemens wurde arbeitslos. Nach zweiwöchiger Militärzeit bei der Missouri State Guard, Staatsmiliz, die an der Seite der Confederate States Army kämpfte, quittierte er den Dienst für die Südstaaten und setzte sich mit seinem Bruder Orion nach Westen ab.
Samuel Clemens meldete sich in der neu gegründeten Siedlung Virginia City, Nevada, in der Menschen aus verschiedenen Ländern zusammentrafen, als Goldgräber. Doch war die Arbeit in den Minen sicherlich beschwerlich und finanziell wenig ertragreich. Clemens arbeitet ab 1862 als Reporter für den Territorial Enterprise in Virginia City. Er berichtete aus den Saloons der Goldgräberstadt und brachte Klatschgeschichten. 1863 verließ er die Stadt auf schnellem Fuße. Man munkelte, dass die Ursache ein handfester Streit war. Jedenfalls hatte er mit seinen gut ausgeschmückten Reportagen für den Territorial Enterprise einen Anteil an dem Mythos, der sich rund um den „Wilden Westen“ bildete.
Am 3. Februar 1863 benutzte er erstmals das Pseudonym „Mark Twain“, unter dem er seine schriftstellerische Karriere begann. Mark Twain ist ein Ruf aus der Sprache der Mississippi-Flussschiffer. Er bedeutet „Zwei Faden (rd. 3,65 m; entspricht 4 Yard oder 12 Fuß) Wassertiefe“ (engl. Mark two, durch Dialekt verzogen zu Mark twain, also "Markierung zwei" auf dem Faden des Tiefenmessers) und ist eine Erinnerung an seinen Lebensabschnitt als Steuermann auf dem flachen und trüben Mississippi, wo man die Wassertiefe häufig messen musste, um nicht auf Grund zu laufen. Clemens dachte sich das Pseudonym nicht selber aus, sondern übernahm es vom ehemaligen Lotsen Isaiah Sellers, der unter diesem Namen zahlreiche Geschichten als Lotse in Zeitungen veröffentlichte. Da Clemens der Meinung war, dass diese teilweise übertrieben waren, schrieb er auf diese Parodien, die in den Zeitungen unter dem gleichen Pseudonym erschienen und schnell beliebter waren als die ursprünglichen Geschichten. Entrüstet über diese Darstellungen veröffentlichte Sellers bis zu seinem Tode 1864 nichts mehr, doch Clemens war unter diesem Namen so bekannt, dass er ihn beibehielt.
Ab 1864 zog Mark Twain kreuz und quer durch die Vereinigten Staaten: Zunächst nach San Francisco, wo er unter anderem für den damaligen San Francisco Dramatic Chronicle arbeitete. Für Mark Twain war es kurz vor seinem 30. Geburtstag eine Krisenzeit, da er sich, ungewöhnlich für die Zeit, noch nicht für einen Beruf entschieden hatte, hohe Schulden hatte und viel Alkohol trank. Er hatte in der Zeit keine Lebenfreude wie aus Briefen an seinen Bruder herauszulesen war. Von San Francisco zog Mark Twain wieder nach Nevada und anschließend erneut nach Kalifornien. Auch nach einer Reise ins Königreich Hawaii im Jahre 1866 kehrte er dorthin zurück.
Seine ersten Geschichten erschienen 1864/65 in Charles Henry Webbs Wochenzeitschrift The Californian. Die 1865 entstandene Geschichte The Celebrated Jumping Frog of Calaveras County brachte Mark Twain erstmals in das Rampenlicht der amerikanischen Öffentlichkeit. Danach konnte er durch Reden im Rahmen eines Weiterbildungsprogramms für die Bevölkerung seinen Lebensunterhalt verdienen und begann, für Zeitschriften aus New York zu schreiben.
Sein erstes Reisebuch The Innocents Abroad („Die Arglosen im Ausland“, 1869) basiert auf einer fünfeinhalbmonatigen Schiffsreise nach Europa und in den Nahen Osten, die er 1867 unternahm. Seine Aufzeichnungen, die ich hier dann noch fand, beziehen sich auf das Leben auf dem Mississippi. Ich konferiere noch mit seinem Bruder Orion, ob ich Teile des Manuskripts posthum zum Vortrag hier in Tucson bringen darf.
Und wenn wir hier kein Grab für ihn anlegen, wohl aber einen Gedenkstein, so entspricht dies doch im nachhinein betrachtet so ziemlich dem Lebensweg dieses Mannes, der das Abenteuer sozusagen immer im Nacken spürte, wenn auch nicht immer freiwillig, und den es unstetig von Ort zu Ort zog. Möge er uns ein Vorbild sein, dass es immer Wege geben kann, mit der Last des Lebens auf eine Art umzugehen, welche letzlich die Anderen im positiven Sinne einbezieht und uns zum Staunen bringt und die Augen öffnet für die Schönheiten, die Vielfalt und die Besonderheiten unseres Landes und seiner Bewohner.
Nachtrag: In Roswell ist Monate, nachdem eine Gruppe Reisende von einer einsamen Vulkaninsel gerettet wurde, welche diese offenbar mit einem havarierten Luftschiff erreichten, welches wie vorgenannt in Tucson startete, ein Mann aufgetaucht, auf den die Beschreibung von Samuel L. Clemens ziemlich gut passt. Die Reisenden hatten zwar berichtet, dass dieser mit an höchste Wahrscheinlichkeit grenzende Sicherheit in einer vulkanischen Spalte sein Ende gefunden habe, doch der verwahrloste Rückkehrer, der gerade mal die gleiche Kleidergröße hat, kam zu Fuß durch die Berge, offenbar irgendwo an der Paszifikküste angelandet und von der Hand in den Mund lebend. Der Vornamen Mark nahm er dankend an, waren damit doch auch Unterbringung, Schuhe, Kleidung und Arbeit in einer Mine verbunden - etwas, was er als eine angenehme Sicherheit betrachtet. Über seine Vergangenheit lässt ihn sein ab und an Kopf grübeln, Alpträume treiben ihn früh aus dem Schlaf und beim Spalten der Steine empfindet er eine Befriedigung, wie er sie nicht am ebenfalls angebotenen Schreibtisch oder der kleinen Bibliothek in der Filiale des Tucson Chronicle findet. Hier sitzt er manchmal vor einem leeren Blatt, welches er dann irgenwann mit den Zahlen von Abraum und Erzertrag aus der Mine füllt. Den Nachnamen Twain nutzt er nur ungern. Miner Mark kommt ihm leichter über die Lippen. Er hat das unbestimmte Gefühl, dass der nicht sein wahrer Name sei, aber immer noch besser sei denn als 'Gringo', 'Tramp' oder 'John Doe' tituliert zu werden. Dass Mr. Writer versucht mit Orion Clemens erneuten Kontakt aufzunehmen und gleichzeitig nach geeigneten Ärzten sucht, welche den Mann examinieren könnten, davon weiß Mark nichts. Doch derzeit scheint es schwierig zu sein, solche Ärzte in der Umgebung aufzutreiben und es offensichtlich, dass sich Mark auf jeden Fall wohler fühlt in seiner nunmehr bekannten Umgebung rund um und in Roswell. Selten macht er sich mal auf den Weg nach Tucson, einen Ort, den er eher aus dem Bauch heraus nicht zum Verweilen empfehlen würde - auch wenn er kein Argument dafür oder dagegen benennen könnte.