Montag, 11. Juni - Siena und Volterra

Die letzten Tage macht mir mein Vorderreifen zu schaffen. Er hat zwar in der Mitte noch ausreichend Profil, kippt allerdings beim Einlenken in die Kurve über eine Kante in tiefere Schräglage, was er auch gerne mit einem minimalen Rutscher quittiert und leichtes Gegenlenken erfordert. Nicht dramatisch aber unangenehm. Da mein Hinterreifen schon deutlich unter einem Millimeter Restprofil angekommen ist, bitte ich in der Rezeption des Campingplatzes mir ebenfalls einen Termin für den nächsten Tag um 8:30 Uhr beim nächstgelegenen Reifenhändler zu machen, den Blahwas auch schon in Anspruch genommen hat.

Der Reifenhändler ist noch nicht erreichbar, aber der nette Herr an der Rezeption verspricht mir, mich dort anzumelden. Man muss kein Prophet sein, um zu ahnen was morgen passieren wird.

Heute steht ein Ausflug Richtung Siena und Volterra auf dem Programm, denn für die kommenden Tage ist in diesem Gebiet mit ersten Regenfällen zu rechnen, aber für heute wird es sonnig und heiß werden. Die Strecke ist mit 342 Kilometern relativ lang und wir fahren früh los. Unser erstes Ziel ist der Passo della Consuma.

Der Pass ist ausgesprochen flüssig zu befahren und landschaftlich sehr schön, eine Strecke ganz nach meinem Geschmack.

Bei der Auffahrt ist auch noch nicht viel Verkehr, was wir natürlich zu nutzen wissen.

Die Abfahrt Richtung Consuma wird allerdings zunehmend voller. Als das Navi mich wieder in einen schmaleren Waldweg führen will, entscheiden wir uns diesmal dagegen und bleiben auf der Hauptstraße.

Leider war das dieses Mal die falsche Wahl. Die nächsten Kilometer quälen wir uns bei steigenden Temperaturen durch den endlosen Berufsverkehr und kommen zu dem Schluss, dass wir besser den Waldweg gefahren wären, den Kurviger uns ausgerechnet hat. Wie man es macht....

Die Gurkerei macht müde und wir halten an einer Tankstelle und versorgen uns bei der angegliederten Bar mit Paninis, Getränken und Süßigkeiten

Nach einer Weile lichtet sich der Verkehr etwas und wir kommen in weniger dicht besiedeltes Gebiet. Dort finden wir auch wieder kurvenreiche spaßige Straßen.

Am frühen Nachmittag erreichen wir Siena und suchen uns Parkplätze in der Nähe der Altstadt. Es ist drückend heiß, aber die engen Gassen zwischen den Häusern bieten etwas Abkühlung. Wir nehmen das erste Ristorante und lassen uns zu einem Mittagessen nieder. Die Begeisterung meiner Mitreisenden über die schöne Stadt hält sich in Grenzen, aber wir genießen erst mal das Essen. Das Essen ist jedenfalls lecker und wir diskutieren, wie wir weiter fahren wollen. Blahwas möchte den Rest des Tages "alleine" fahren, worauf Manuel fragt nach: "Auch ohne mich?". "Ja, mit alleine meine ich alleine...". Das wäre geklärt. Ich möchte noch nach Volterra, auch wenn ein Stadtrundgang aufgrund der fortgeschrittenen Uhrzeit und der schwülen Hitze voraussichtlich entfallen wird. Tremor und Manuel wollen sich anschließen.

Danach folgt noch ein Spaziergang zur Piazza del Campo, immerhin! Irgendwann muss ich mir einmal das Palio di Siena ansehen. Aber das findet erst in drei Wochen statt. Habe ich schon erwähnt, dass meine Mitfahrer Banausen sind? "Was war das Beste an Siena?" "Das Brillengeschäft, da war's schön kühl..."

Wir verabschieden Blahwas und fahren Richtung Volterra. Es sind über 30° im Schatten, den es unterwegs aber nicht gibt. Ich freue mich auf das fest eingeplante Eis am Ziel. Am Fuße der La Fortezza di Volterra steht ein Schild mit einer angekündigten Sperre. Ich bremse ab und bin etwas unschlüssig, ob ich das Schild richtig verstehe und fahre Schritttempo.

Tremor dauert das zu lange, also fährt er mir ins Heck. Die Sonne hat die Temperaturen unter dem Helm wohl über eine kritische Grenze angehoben. Aber bis auf ein zerbröseltes Blinkerglas, ein verbogenes Nummernschild und dem Schrecken ist nichts passiert. Das Blinkerglas hält noch und kann später gewechselt werden. Damit geht Tremor souverän in Führung: Blahwas 1; Tremor 3; Manuel 0 und ich 2.

Manuel erntet wieder eine Ermahnung sich mal ein bisschen Mühe zu geben. Wir fahren noch ein kleines Stück und halten zu einer Eis- und Getränkepause mit grandioser Aussicht.

Die Hinfahrt war auf den letzten Kilometern zäh und langwierig, aber die Rückfahrt hatte es in sich. In einer Ortschaft fahre ich ganz italienisch an einer Auto-Schlange vorbei und auch gleich an einem ortsansässigen Motorradfahrer auf einer 1200er Bandit. Das geht natürlich gar nicht und der Italiener sieht sich selbstverständlich genötigt seine Fahrt nach Hause mit einem Duell anzureichern. Kurz nach dem Ort beginnt eine kurvenreiche Strecke, die angemessen befahren werden will. Diese Chance lassen wir natürlich nicht ungenutzt liegen. Im Rückspiegel sehe ich die Bandit auf den Geraden heran fliegen. Gut, Radarfallen scheinen auf dieser Strecke kein Thema zu sein. In den Kurven muss die Bandit Federn lassen, auf den Geraden nutzt er die volle Leistung der Bandit aus und holt auf. Nach einigen Minuten nehme ich auf einer Geraden etwas Gas weg, um ihn passieren zu lassen, doch der Banditfahrer winkt ab und gibt mir zu verstehen, ich soll bloß weiterfahren.

So viel Gastfreundschaft lehnt man natürlich nicht einfach ab und ich gebe wieder Gas. Life is racing. Das sind Dinge, die Jungs halt tun müssen. Irgendwann werde ich bestimmt mal erwachsen. Kann aber noch etwas dauern. Nach einigen Kilometern Spaß kommen wir in seinem Heimatort an und adelt uns mit dem Daumen hoch und winkt uns lachend zum Abschied.

Auf dem Rückweg kommen wir erneut zum Passo della Consuma und wir nutzen die freie Strecke und den hier in der Gegend sehr seltenen Fall von neuem Asphalt und fahren etwas mehr als die meist nur erlaubten 30 oder 50, um die sich aber nicht mal altersschwache Fiat Pandas scheren. Die hier überall extrem niedrig ausgeschilderten Tempolimits nimmt niemand ernst.

Oben angekommen, warten wir auf Manuel, der mit einem Auto im Schlepptau bummelnd ankommt, was sich noch als Segen erweisen sollte. Wir tauschen uns noch kurz über die tolle Passfahrt aus und fahren wieder los, nur um einige Kurven später auf das Auto aufzulaufen, das Manuel schon bei der Auffahrt aufgehalten hat. Ich bin noch nicht bei der Sache und will ein paar Kurven später gerade zum Überholen ansetzen, als 50m weiter ein Fahrzeug der Guardia di Finanza und zwei Polizisten in mein Blickfeld gelangen, die uns genau taxieren. Die Kelle zuckt schon, aber sie sind sichtlich irritiert, dass wir so kreuzbrav hinter dem Auto herfahren. Zudem vermute ich sehr stark, dass sie von der gelben 46 auf meinem Windschild besänftigt werden.

Manchmal braucht man einfach einen Arsch voll Glück. Wenn die uns bei der Auffahrt gesehen hätten...