Inzwischen hatte ich mich wieder daran gewöhnt, mehrere Stunden im Sattel zu verbringen. Ich saß aufrecht und konnte die Bewegungen meines Pferdes beim kräftigen, zügigen Vorwärtsgehen mühelos ausgleichen. Wie früher bewegten sich mein Becken und meine Hüften im gleichmäßigen Takt des Pferdes. Auch die Pferde hatten sich an das tägliche unterwegs sein gewöhnt. Ökonomisch schritten sie voran, das anfängliche Angiften der Pferde untereinander hatte aufgehört. Es schien, als wüssten sie, dass es einem größeren Ziel entgegen ging. Vor uns lag eine größere Hügelkette, die durch- und überquert werden musste. Zuhause, im guten alten Deutschland, hätte ich mir jetzt einen Tee oder gar einen Kaffee gegönnt. Hier in der Einöde gab es jedoch nichts dergleichen.
An meiner Satteltasche hing ein halbgefüllter Wasserschlauch. Es war heute nicht übermäßig warm, aber das Wasser im Schlauch war bestimmt schon wieder zu heiß und schmeckte mehr nach alten Lederschuhen. Aber was soll's. Etwas Besseres gab es nicht. Ich nahm einen kleinen Schluck und dachte an bessere Zeiten. Ich dachte dabei an sie und merkte, wie ich zu lächeln begann. Kurz gab ich mich meinen Träumen hin und merkte, wie sehr ich ihre Berührungen vermisst hatte. Ich hoffte, sie am Ende der Woche wieder in meine Arme schließen zu können. Mein Pferd stolperte etwas. Nein, stolpern kann man das nicht nennen. Es gab vermutlich eine kleinere Unebenheit im Boden, und es musste seine Schrittweite ändern. Da ich nicht aufgepasst hatte, war ich aus dem Takt gekommen, und das riss mich aus meinem Tagtraum. Mit verschlafenen Augen blickte ich mich um. Konnte ich den Grund für das Aus-dem-Takt-Kommen finden? Es schien mir, als wäre mehrere Kilometer vor uns ein Vogelschwarm aufgeschreckt worden und würde sich kurz darauf wieder niederlassen wollen, nur um dann erneut aufgeschreckt zu werden. Ich beobachtete das Treiben, während wir weiter ritten, einige Minuten intensiv. Ja, ich konnte es jetzt besser sehen: Ein großer Schwarm Krähen, es schien mir, als könnte ich ihr Krähen hören, stob von den Bäumen auf, kam etwas näher an uns heran, wollte sich gerade niederlassen und wurde wieder aufgeschreckt. Dort schien etwas zu sein, das dieses Verhalten herbeiführte. Inzwischen war klar, wir konnten das Krähen wirklich hören, und in wenigen Minuten würden wir sehen können, was oder wer die Krähen immer wieder aufschreckte. Schon kam von vorne die Aufforderung abzusteigen und die Pferde vom Weg weg und in den dichteren Wald hinein zu führen. Weg, wie sich das anhört. Zuhause in Deutschland würde man vielleicht Trampelpfad oder Wildwechsel sagen, aber hier konnte man, ohne rot zu werden, von einem Weg sprechen. Wir wussten nicht, wer oder was vor uns war, daher sollten wir uns abseits verstecken. Einen eigentlichen Wald gab es nicht. Dichteres Gestrüpp und vielleicht die eine oder andere Bodenwelle. Wenn wir uns jedoch still verhielten, dann sollten wir das vor uns befindliche Ding schnell identifizieren können.