Einige Tage war ich nun schon mit dieser Gruppe unterwegs. Eine komische Ansammlung von Menschen. Zusammengeführt durch das Schicksal. Eigentlich wollte ich lieber alleine Reisen, aber die Sicherheit einer Gruppe, hier in der Wildnis, könnte hilfreich sein.
Das Wort führte Jeremiah Elias Kruger. Obwohl er deutscher Abstammung war, schien er nicht ganz auf den Kopf gefallen zu sein. Er kannte General Dodge vermutlich am besten. Er war eine zeitlang Kundschafter für Dodge.
Jeremiah Kruger hatte einen jungen Burschen aufgegabelt, dem er seinen Esel lieh, damit er uns begleiten könne. Der junge Bursche – Alan Bourdillion Traherne – schien von einfachem Gemüt, aber ehrlich zu sein und wurde von allen Mississippi gerufen.
Dann gab es da noch Wilhelm Blendel, den Deutschen, der sich Bill Shut nennt.
Einen typischen Aufschneider. Wo er nicht überall gewesen sein wollte.
Den letzten unserer Truppe, diesen Australier namens Paul Francis Straney konnte ich nicht ganz einordnen. Er war der typische Pokerspieler. Schwatzte die Leute voll, ließ sich aber nicht in die Karten blicken. Wollte er sich hier als Goldsucher verdingen?
Alle hatten wir vordergründig das gleiche Ziel. In Richtung Rocky Mountains. Zum Eisenbahnbau der Union Pacific. In wenigen Tagen hofften wir das Lager des ehemaligen Generals und heutigen Ingenieur Dodge zu erreichen.
Beim Eisenbahnbau kann jeder Geld verdienen. Harte Arbeit wird mit einer handvoll Dollar belohnt. Ich jedoch hatte noch ein anderes Ziel: Dan Etters! Er musste mir in die Hände fallen und er würde durch meine Hand gerichtet werden. Sei es das Letzte, was mir in meinem Leben gelingen würde. Ich hatte es Emily versprochen.
…
Es war ein schöner, sonniger Frühlingstag. Ich hatte mit meinen Peons die Rinder zu den südlichen Weiden gebracht. Ich freute mich auf ein leckeres Stew von Emily und dachte daran, am Nachmittag die Fohlen zu inspizieren.
Auf der Ranch war alles still, das Feuer in der Küche schien aus zu sein, zumindest kam aus dem Kamin in der Küche kein Rauch. Wo war Emily, wo waren die Kinder?
Warum waren die Pferde nicht zu sehen? Ich hatte die letzten zwei Jahre ein glückliches Händchen mit der Nachzucht meiner Pferde gehabt. Die Jährlinge, aber auch die Zweijährigen, hoffte ich dieses Jahr mit einem guten Gewinn verkaufen zu können. Sie waren gut genährt und hatten einen guten Stammbaum. Sie ließen sich bestimmt nicht nur als billige Arbeitspferde verkaufen.
Schon von weitem sah ich, die offene Fronttür. Warum war sie nur offen? Hatten wir etwa Besuch? Ich erwartete in der nächsten Woche den Händler aus der Stadt, der uns die notwendigen Waren liefern sollte. Ich hatte ihm letztes Mal im Vertrauen mitgeteilt, dass er eine schöne Sonntagsschürze für Emily mitbringen sollte. Sie hatte die Schürze letzten Oktober längere Zeit staunend in seinem Shop betrachtet. Damals konnten wir sie uns jedoch nicht leisten. Der Winter stand an und wir mussten uns mit Lebensmitteln eindecken; das Geld für unnützes Zeug hatten wir nicht. Emily und ich wollten auch nicht bis zum Frühjahr anschreiben.
Jetzt würde sie sich über die Schürze freuen. Wir konnten sie uns leisten. Im Winter hatten wir kaum Vieh verloren und es war zu erwarten, dass wir dieses Jahr wieder viele Fohlen und Kälber bekommen würden. Emilys Garten hatte den Winter auch gut überstanden. Wir würden dieses Jahr bestimmt ohne gekaufte Kartoffeln auskommen können. Das Glück schien uns hold zu sein.
Ich konnte die Einfahrt zur Ranch nun näher überblicken und wunderte mich über die Spuren. Frische Wagenspuren, die zum Haupteingang, aber auch wieder nach draußen führten.
Das sah Paddy, dem Händler, gar nicht ähnlich. Er würde sich doch nicht ohne vorher mit mir ein Gläschen zu trinken, verabschieden?
Jetzt war zu sehen, dass alle Pferde fehlten. Die Gatter waren geöffnet und alle Stricke fehlten. Das erschien mir komisch, ich beschleunigte mein Pferd.
Wo waren die neuen Handlanger? Sie fingen vor knapp einem Monat bei mir an. Sie sollten den Bereich ums Haus in Schuss halten. Besonders hilfreich waren sie nicht und ihr Anführer gefiel mir nicht. Er wirkte wenig vertrauenerweckend und trank mehr als er vertrug. Dan Etters war sein Name. Rotblondes Haar und eine Narbe über dem rechten Auge. Aber ich brauchte mehr Leute, um wachsen zu können. Die Ranch hatte Zukunft.
Am Haus angekommen, sah ich an der Tür einen toten Hund und frisches Blut. Dort lag einer der Wachhunde, man hatte ihn angeschossen und dann den Kopf eingeschlagen.
Im Wohnbereich sah es grauenvoll aus. Harriet, die Köchin, lag erstochen am Boden. Alle Kisten, Boxen und Schränke waren zerstört. Nichts lag an seinem Platz. Mein Geldsack unter den Dielen fehlte.
Die Küche und Kinderzimmer sahen durchwühlt aus. Was war hier passiert? Wo war Emily, wo waren meine Kinder?
Der Stall neben dem Wohnhaus war verschlossen und ich merkte, dass sich kein Tier darin befand. Wie von Sinnen rannte ich zum Stall und öffnete die Tür. Tom, der Pferde-Boy lag tot in seinem Blut, neben ihm Pete, mein Jüngster. Beide Jungen mussten schreckliche Dinge erlebt haben. Ihre kleinen Körper lagen nackt und malträtiert im Stall. Es schien, als wären sie schon seit Stunden tot.
Wo waren die Handlanger? In mir stieg ein schlimmer Verdacht auf. Hatten sie mich beraubt? Wo aber ist Emily und wo ist Rob mein Ältester? Entführt?
Anhand der Spuren im Hof reimte ich mir zusammen, dass alle mit meinen Pferden fort geritten sind. 7 Handlanger und zwei Gefangene. Die Spuren führten in Richtung Nord-West. Dort lag Helbers Ranch und dahinter konnte man bis zum Abend die Grenze in Richtung Mexiko erreichen.
…
Wie lange war das schon her? Etwas mehr als 20 Jahre. Kurz vor dem Mexican-American War (1846-1848). Ich schüttelte den Albtraum von mir, beim Anblick der Rockies ließen mich die Bilder von damals nicht los. Ich merkte, wie es mich fröstelte.
Diese Schlucht bereitete mir Sorge. Man sah vereinzelte Spuren von Bisons. Es gab einen Fluss, viel Gras, glänzendes, hohes und nahrhaftes Gras. Es wäre ein ideales Weidegebiet für Rinder und Bisons.
Die Schlucht war nicht sehr breit. Würde uns hier eine friedliche Rinderherde entgegenkommen, müssten wir uns mit den Pferden weit an den Rand drängen und sie vorbeilassen. Nicht jedes Pferd würde dabei ruhig bleiben und leicht könnten sich Pferd und Reiter dabei verletzen. Aber, was würde passieren, wenn es eine aufgeschreckte Rinderherde wäre? Wenn wir in eine Stampede kommen würden?
Wir würden das Weite suchen müssen und das würde sicherlich nicht ohne Verletzungen unsererseits abgehen.
Ich hatte damals schon die eine oder andere Begegnung mit wilden Bisons gehabt und wollte mir nicht vorstellen, was eine Stampede von wilden Bisons in dieser Schlucht anrichten würde. Ein texanisches Longhorn ist im Vergleich zu einem Bison-Bullen ein Kuscheltier. Meine Mary hatte Cow Sense und war in der Lage Longhorns zu treiben. Sie ließ sich auch gut im Cutting (von der Herde trennen). Aber, sich einem Bison zu nähern, würde ihr im Traum nicht einfallen. Ich hörte wie sie mehrmals schnorchelte, d. h. die Luft stark einzog und lautstark durch die Nase blies.
Rückwirkend ein Zeichen, dass sie eine Gefahr durch ihre Nase wahrnahm. Damals dachte ich, sie würde sich über den Fluss und das frische Wasser freuen.
…
Die Gegend drückte mir aufs Gemüt. Links von meiner Ranch hatten wir eine ähnliche Schlucht. Knapp einen halben Tagesritt bis zu Helbers Ranch. Genug frisches Wasser für unsere beiden Ranches.
Am Eingang der Schlucht habe ich sie gefunden. Sie muss schlimmes durchgemacht haben.
Sie hat mich noch erkannt und mir erzählt, dass Dan Etters der Anführer der Verbrecher war. Rob unser älterer sei noch am Leben. Meine Frau konnte ich jetzt nicht beerdigen. Ich schleppte sie nur kurz zur Seite und bedeckte ihren schönen Körper mit einigen Steinen. Nur kurz konnte ich innehalten und an unser erstes Treffen denken, bevor ich weiter ritt, schwor ich Rache. Wo war Rob, mein Ältester?