Lieber Robert,
anbei erhältst du meine Notizen aus Grönland. Bitte gebe diese Informationen nach Anfertigung einer Abschrift an Professor Carl Schneider, Humboldt-Universität zu Berlin.
Das zu Dänemark gehörende Grönland ist mit seinen zwei Millionen Quadratkilometern die größte Insel der Erde. Bis auf die schmalen, von hohen Bergen und langen Fjorden zerklüfteten Küstenstreifen ist die ganze Insel mit einer Eiskappe bedeckt, deren Mächtigkeit stellenweise 3000 m beträgt. Gewaltige Gletscher strömen nach allen Richtungen ins Polarmeer und stoßen jährlich etwa 20000 Eisberge ab, die in den Atlantik treiben.
Grönland ist trotz seiner Größe kaum bevölkert; es beherbergt nur ein Eskimovölklein von ungefähr 23000 Seelen und etwa 1000 Europäer. Die Ureinwohner sind mithilfe Dänemarks weitgehend kultiviert worden, aber immer noch bildet die Jagd und der Fischfang ihr Hauptgewerbe. Hier leben noch Moschusochsen, Rentiere, Wölfe, Polarfüchse und Eisbären und die Gewässer sind reich an Dorschen, Lachsen und Walen. In neuerer Zeit ist der Bergbau aufgenommen worden, denn an den Küsten der "Eissahara" hat man Mineralschätze entdeckt.
Die Einwohner möchten nicht mehr Eskimo genannt werden. Dir ist sicher bekannt, dass die arktische Volksgruppe der Kalaallit (Grönländer) lieber generell als Inuit bezeichnet werden wollen. Die Kalaallit unterteilen sich in einen westlichen und östlichen Teil.
Die Kitaamiut (auch Westgrönländer) sind mit knapp 46000 Menschen die mit Abstand größte Volksgruppe Grönlands. Ihre Sprache Kitaamiutut ist ein Idiom der grönländischen Sprache Kalaallisut, das mit einigen dänischen Lehnworten durchmischt ist. Aufgrund der Tatsache, dass über 90 % der Grönland-Inuit diese Sprache sprechen, wird sie im Allgemeinen häufig nicht vom Kalaallisut differenziert.
In den letzten hundert Jahren war Grönland Ziel vieler wissenschaftlicher Expeditionen.
Im Jahre 1908 bereisten die beiden Botaniker Prof. M. Rikli und Dr. H. Baumann Westgrönland. Ihnen folgte der bekannte Geologe Prof. Arnold Heim, welcher im Auftrage Dänemarks Untersuchungen an den Kohlen- und Graphitlagern der Westküste vor. Im Jahre 1912 leitete Prof. A. de Quervain eine schweizerische Grönlandexpedition, welcher die zweite Durchquerung des Inlandeises glückte.
Grönland erreichte ich Anfang Juni 1909. Gleich nach dem Ausschiffen an einem strahlend schönen Sommertage begegnete ich den ersten Inuit. Wenn ich strahlend schön sage, so bedenke, dass es für dich allenfalls einem nicht gar zu kühlen Herbsttage entsprach. Die Inuit machten mir einen ganz passablen Eindruck. Sie sprachen das Kitaamiutut (Sprache der Grönländer) und beherrschten die dänische Landessprache, soweit ich das beurteilen konnte, recht gut. Der von der Universität abgestellten Übersetzer nahm mich gleich nach Verlassen des Schiffes in Empfang. Mit ihm konnte ich mich auf Englisch unterhalten.
Grönland ist eine Welt von großartiger Schönheit. Die endlosen weißen Schneefelder, aus denen schwarze Bergkegel hervorragen, die grüne bewegte See mit den leuchtenden Eisschollen und den dunklen Klippen, die blauen Gletscher, die sich in sie hineinschieben, das Glühen und Leuchten dieser Eiswelt in den Strahlen der untergehenden Sonne und die geheimnisvollen Wunder der Polarnacht mit der bunten Pracht ihres Nordlichts werden jedem unvergessen bleiben, der sie einmal schauen durfte. Umso ärmer ist sie dafür an allem, was der Mensch zu seinem Dasein benötigt. Nur der schmale Küstensaum bietet Raum für menschliche Niederlassungen und schmückt sich, soweit er nicht aus nacktem Fels und Geröll besteht, in den kurzen Sommermonaten mit einer grünen Pflanzendecke. Im Inneren aber ist alles Eis und Schnee oder ausgedehnte Moorfläche. An Garten- und Feldbau ist bei der niedrigen Temperatur nicht zu denken; in Nahrung und Kleidung ist der Mensch einzig auf die Tierwelt angewiesen.
Auf den weiten, menschenleeren Einöden und den tückischen Wogen des Meeres, unter steter Bedrohung von Schneestürmen, Kälte und wilden Tieren müssen sich die Inuit ihren Lebensunterhalt erkämpfen. Prächtig haben Sie es verstanden aus den wenigen Mitteln, die ihnen die Natur darreicht, alles herzustellen, was sie zum Lebensunterhalte benötigen. Aus Feuerstein oder Knochen erlegter Tiere fertigen sie Ihre Werkzeuge: Messer, Nadel, Pfeil- und Speerspitzen. Die Felle, die sie vorzüglich zu gerben verstehen, liefern ihnen die nötige Kleidung, die Schlafdecken und den Überzug für Kajak und das größere Umiak (auch Umiaq oder Frauenboot). Aus den Därmen der Tiere machen sie sich Ihren Zwirn und aus den Fellen schneiden sie sich Ihre Stricke. Das Fett der erledigten Tiere dient ihnen als Heiz- und Beleuchtungsmaterial. Hierzu wurde vor allem das Öl aus dem Speck von Meeressäugern in Serpentin-Öllampe (Qulliq) benutzt. Treibholz wird für das Gerippe der Kajaks und für die Waffenherstellung benötigt.
Die Inuit sind äußerst gutmütige Menschen und gastfreundlich, wenn Fremde sie aufsuchen. Die Clangenossen leben in vieler Beziehung in Gütergemeinschaft, es kommt sogar vor, dass einer für die Dauer seiner Reise einem anderen seine Frau abtritt oder, dass mehrere untereinander einen regelrechten Vertrag abschließen, jeden zweiten Monat ihre Frauen auf ein bis zwei Wochen auszutauschen. Alle Waren und erbeuteten Tiere gelten nicht als Privateigentum, sie werden gegen andere Dinge eingehandelt und sind unter den Inuit Gemeingut. Durch diese sonderbare Anschauung von Mein und Dein ...
Mein Übersetzer hieß Halvor, dies bedeutet so viel wie Beschützer. Robert, glaube mir, im Laufe der Zeit wurde er für mich wahrlich zu einem Beschützer. Ich habe hier ein Abenteuer erlebt, welches ich ohne die Hilfe von Halvor nicht überlebt hätte.