Ich hatte wieder sehr schlecht geschlafen, die Ereignisse in Wales - obwohl sie schon mehr als ein Jahr zurückliegen - haben mich wieder einmal aus dem Schlaf gerissen.
Es war noch kurz vor 4 Uhr, also noch lange Zeit bis zum Adhān, dem ersten Gebetsruf des Muezzins. Es war trotz - oder vielleicht gerade wegen der frühen Zeit schon geschäftiges Treiben auf der Straße zu hören. Ich konnte einen Esel aus dem Garten des Nachbarn hören und auch einige Kamele, die sich kampflustig zankten.
In meinen Wachträumen sah ich Bilder eines Drachen, einige Schriftzeichen, Hinweise auf ein Sternbild und ein paar wirre Bilder eines gelben Königs. Zu vieles, was einem den Schlaf rauben kann, ist mir in England passiert. Ich war froh, jetzt in Ägypten, meiner alten Profession nachkommen zu können, der Archäologie, aber auch meiner neuen Profession, der Psychoanalyse. Heute, kurz vor Beginn des Zuhrgebetes hatte ich eine Audienz bei König Fu’ad I.
Es ginge um eine medizinische Angelegenheit, wurde mir vom Leibdiener des Königs mitgeteilt, zwischen den Zeilen verstand ich, dass meine psychoanalytischen Fähigkeiten bei Nazli Sabri, der zweiten Frau des Königs vonnöten sein könnten.
Ich verzichtete heute darauf, mich noch länger im Bett herumwälzen zu wollen. Müde, aber entschlossen, stand ich auf und verrichtete eine kurze Katzenwäsche. Auf dem Weg zur Straße griff ich mir noch ein paar Datteln. Mit einer der wenigen Droschken-Taxis wollte ich hinaus zu den Pyramiden und dort den Sonnenaufgang erleben. Wer weiß, vielleicht ergibt sich während meines Aufenthalts in Kairo noch die Möglichkeit, die Operndiva Rosina Storchio persönlich zu sehen oder gar eine ihrer bekannten Aufführungen hören zu können.
Von meiner Wohnung unweit des Al Haram Hospitals bis zu den Pyramiden würde man zu Fuß gerade einmal 30 Minuten unterwegs sein, aber in Ägypten ging man als Europäer nicht zu Fuß. Anwar, ein verlässlicher Droschkenkutscher würde mich die Strecke in wenigen Minuten fahren können, er sprach verlässlich Englisch und auch etwas Französisch. Er lebte zwar erst ein Jahr in Kairo, aber er kannte sich hier leidlich aus, ursprünglich kam er aus der Gegend von Assuan und wenn der Schein nicht trügte hatte er dort auch noch Familie. Er war mit Leib und Seele den Lehren Mohammeds verbunden, zumindest am Tage; abends hatte ich ihn schon mehrmals in den berüchtigten Establishments im Ostteil um Kafrat al Jabal gesehen. Wenn mich meine Ahnung nicht täuschte trank er gerne das eine oder andere Glas des Weins. Der angebotene ägyptische Muscat d’Alexandrie wurde in bestimmten Lokalen zu guten Preisen angeboten. Eine in Ägypten ansässige koptische Familie baute viele Parzellen an und konnte ihn dank guter Verbindungen auch weltweit verkaufen. Ich erinnere mich nur zu gerne daran, eine Flasche anlässlich meiner Doktorandenfeier damals in Berlin getrunken zu haben. Anwar hatte Glück, dank seines freundlichen und aufgeschlossenen Wesens konnte er als Droschkenkutscher viel Geld verdienen, aber auch für ihn reichte es nicht für eine eigene Wohnung. Er teilte sich eine Wohnung mit mehreren Personen, daher war er eigentlich hauptsächlich in seiner Droschke anzufinden.
Ich brauchte also nur aus der Wohnung und war mir ziemlich sicher, ihn und seine Droschke gleich zu finden. Um die Ecke El-Thawra war der kleine Laden Giza, eines der besten Nussgeschäfte, dass ich kenne. Seinen Besitzer Nafi hatte ich in den letzten 14 Tagen lieb gewonnen. Er sprach vorzügliches Englisch und wir verbrachten täglich ein oder zwei Stunden vor seinem Geschäft, ich liebte es, mit ihm zusammen Karkadeh (einen ägyptischen Tee) zu trinken und das eine oder andere Schachspiel zu genießen. Er besiegte mich recht häufig, aber er ließ mich seine Überlegenheit nicht spüren und bot mir immer wieder die Möglichkeit zur Revanche. Er wohnte nicht weit weg von seinem Geschäft, öffnete aber immer erst kurz vor der Mittagszeit. Sehr ungewöhnlich war es also, dass heute, so früh am morgen bereits die Tür zu seinem Ladengeschäft geöffnet war. Ich dachte mir, ich sollte ihn begrüßen, bevor ich zu den Pyramiden gehe und vielleicht böte er mir auch ein paar orientalische Süßigkeiten (Backlava) an. Ich betrat den Laden und wunderte mich, warum Nafi kein Licht angemacht hat. Ich wollte ihn gerade mit einem “Salaam” begrüßen, als mich von der Seite jemand heftig stieß. Ich konnte mich gerade an einem der kleinen Sideboards festhalten als ich einen heftigen Schmerz am Kopf verspürte und es mir schwarz um die Augen wurde. Ich … Ich spürte nichts mehr.
Ich öffnete langsam meine Augen und wunderte mich, wieso ich auf dem Boden lag. Über mir stand ein Polizist und daneben war Nafi. Ich konnte meine Augen kaum offen halten. Wieso liege ich hier auf dem Boden? Wieso schmerzt mich mein Kopf so sehr? Was war passiert?
Jallah, jallah, der Polizist schrie mich an, ich konnte sein Arabisch nicht verstehen, aber er bedeutete mir aufzustehen. Nafi fragte mich auf Englisch, was ich in seinem Laden mache und warum ich hier auf dem Boden liege. Wieso ich ihm sein Geld und seine Papiere gestohlen habe?