Jetzt Ende Oktober wurde es in den Straßen von Paris teilweise recht kühl. Heute Morgen schien es sogar noch sehr kalt zu sein. Igor versuchte seinen Pelzmantel noch etwas dichter zu schließen. Er hatte noch einen Fußweg von 15 Minuten vor sich. Die Straßen rund um Montmartre waren sehr viel leerer als in der vergangenen Nacht, aber bei weitem nicht leer. Das Le Chat Noir hatte es ihm angetan. Das beliebte Pariser Kabarett war ein wohlbekannter Treffpunkt der Pariser Bohème; sehr viele Theaterschauspielerinnen, Chanson-Sängerinnen, Künstler und Schriftsteller verbrachten die Abende und Nächte in dieser Lokalität.
Zügig ging er durch die Straßen. Er lächelte verschmitzt und glaubte noch den Geruch von Demoiselle Catherine zu riechen. Es erfreute ihn, dass er mit seinen 45 Jahren noch einmal Glück bei der Pariser Damenwelt gefunden hatte. Eine kleine amour fou, mit einer der Ammen der Pariser Hautevolee. Eine Dame von Welt, sorgte dafür, dass die eigenen Kinder gestillt werden, jedoch würde sie sich niemals ein Kind an die eigene Brust legen. Hierzu gab es Ammen, Frauen, die genügend Muttermilch produzierten, um ihr eigenes Kind und ein weiteres Kind stillen konnten. Die Ammen stammten meist aus ärmlichen Verhältnissen.
Catherine war erst Anfang 20 und hatte ihr Kind verloren. Ideale Bedingungen, um in Paris als Amme arbeiten zu können. Seit zwei Monaten war sie im Haushalt des russischen Botschafters beschäftigt. Sie durfte dort leben und sich um die Kinder kümmern. Den jüngsten - Piotr - nährte sie regelmäßig mit Ihrer Brust.
Igor sah sie zum ersten Mal vor drei Wochen. Sein Auge nahm ihre roten Backen sofort wahr, ihre ausladende Oberweite erfreute sein Herz. Als Junggeselle und Offizier des russischen Reiches nahm er sich die Freiheit und machte Ihr den Hof. Er wusste, ein kleines Abenteuer, hier auf französischem Boden würde in Moskau – sollte es bekannt werden – nicht seine Ehre beeinträchtigen. Allenfalls bei gewissen Vertretern der Kirche hätte er mit Nachteilen rechnen müssen. Aber die Vertreter der Kirche konnte er hier größtenteils ignorieren. Er war ein Protegé des Zaren.
Dragoner Igor Michailowitsch Garschin, Arzt, aus wohlhabender Familie stammend und Offizier in einem der Dragoner-Regimenter der russischen Armee. Seit etwas mehr als einem Jahr in Paris ansässig. Offiziell als Arzt des diplomatischen Corps tätig, in Wahrheit jedoch ein Günstling des Zaren. Ihm war das Glück hold, dank einer einfachen Zahnbehandlung, konnte er sich die Gunst des Zaren verdienen. Schon mehrmals durfte er den europäischen Kontinent bereisen und kleinere Aufträge für die Zarenfamilie erledigen. Paris, war sein bisher bester Auftrag. Finanziell hervorragend ausgestattet und dank seines diplomatischen Status in der Hautevolee von Paris aufgenommen. Mehrmals die Woche konnte er Einladungen in die Oper, zur Eröffnung von Ausstellungen oder privaten Soiree wahrnehmen.
Igor musste sich beeilen. Heute hatte er ein spätes Frühstück bei einem entfernten Onkel eines englischen Adligen, welcher seit Wochen in Paris verweilte. Dieser Adelige sollte anscheinend für das englische Königshaus Pferde kaufen. Man munkelte, dass der Kronprinz Albert Edward der Auftraggeber war. Ihm war es zuzutrauen, dass er zur Tarnung (und vor allem, um seine Mutter Königin Victoria nicht zu beunruhigen) immer zuerst andere Personen seines Vertrauens vorschickte. Diese sollten die Geschäfte erledigen und anschließend mit dem Königshaus in Kontakt treten. Der Vertrauensmann des Kronprinzen war, trotz seiner englischen Verwandtschaft, ein engstirniger Deutscher. Ihm wurden auch enge Kontakte zum deutschen Adelsgeschlecht der Habsburger nachgesagt.
Nikolai Jegorowitsch Schukowski
Gegen 15:00 Uhr kam der Orient Express aus Konstantinopel an. Die Passagiere hatten zum großen Teil die gesamte Route hinter sich und kamen trotz der Reisestrapazen entspannt an. Viele der Gäste reisten nur zum Vergnügen. Den aktuellen Baedeker-Reiseführer in Händen betraten sie die Bahnsteige. Einige der Reisenden schienen von weiter als Konstantinopel kommen. Ihre Koffer trugen Kennzeichen, die den Kundigen zu erkennen gaben, dass der Reisende über Ägypten oder sogar noch weiter herkam. Der Bahnhof Gare de’l Est leerte sich jedoch wieder rasch. Die Reisenden wollten ins Hotel. Ein Herr mittleren Alters mit weißem Bart blieb jedoch noch länger an den Gleisen. Wer ihn beobachtete, konnte erkennen, dass er mit interessierten Blicken die Waggons und die Lokomotive betrachtete. Er führte gerade eine Hand an die großen Räder der Lokomotive als er unterbrochen wurde: “Attention, die Räder sind fettig und schmutzig. Sie machen sich schmutzig.“ Die beiden Männer betrachteten sich. Der Mann mit dem weißen Bart lächelte und antwortete: „Gestatten Sie, mein Name ist Schukowski. Nikolai Schukowski. Ich interessiere mich für die Technik der Lokomotive. Wenn ich mich nicht irre, gehören Sie zum Bahnpersonal?“
„Maximilian Cassell, ich arbeite hier als Bahnhofsvorsteher und bin für die Sicherheit der Passagiere verantwortlich. Monsieur Schukowski, was interessiert sie an der Lokomotive so besonders?“ Mr. Cassell war Ende 50 und von trug seinen kleinen Bauch und die Rotwein gefüllte Nase mit sichtlichem Stolz.
Die Opéra comique in Paris strahlte in der Abendsonne. Nikolai nahm sich vor, heute einmal nach dem aktuellen Abendprogramm zu fragen. Die vergangenen Tage hatte er sich zu sehr in sein Bureau eingeschlossen und die Forschungsergebnisse von Otto Lilienthals studiert. Otto, ein deutscher Technikpionier, behauptete, er hätte eine Maschine konstruiert, welche mit starren Flügeln fliegen könne. Bei Berlin hätte er gedankliche Versuche unternommen und damit einige Gleitflüge unternommen. Er war der Meinung, dass nur die Starrflügler eine Zukunft hätten – seine mathematischen Formeln zeigten, wie die Tragflächen eines solchen Fluggerätes gestaltet sein müssten. Aufgrund ihrer langjährigen Freundschaft sollte Nikolai die Berechnungen Ottos nachprüfen.
Nach dem Tee hatte Nikolai sein Vorhaben endlich wahr gemacht, die einfache Hauskleidung tauschte er durch die Abendgarderobe aus. Er ging zu Fuß zur Oper und entschied sich das Stück Les contes d‘Hoffmann, welches am heutigen Abend aufgeführt werden sollte, zu genießen. Im Orient Express hatte man ihm das Stück empfohlen. Seiner Frau könne er in einem Brief darüber erzählen. Melancholisch betrachtete er das eine Billett für die Abendvorstellung. Mit Wehmut dachte er daran, wie er früher mit seiner Frau in St. Petersburg die Oper besuchte. Die Gedanken an seine Frau machten ihn zu oft schwermütig. Mit Gewalt musste er sich ins auf den Augenblick konzentrieren. Noch eine knappe Stunde hatte er Zeit, bis er in die Oper musste. Er glaubte zu wissen, dass es um die Ecke ein kleines Bistro geben musste. Paris hatte wirklich eine hervorragende Küche, mit kleinem Geld konnte er abends fürstlich Speisen und guten Wein genießen. Das Bistro war nicht besonders voll. Vermutlich zwei Droschkenkutscher saßen an einem Tisch und ließen sich gerade einen Pernod einschenken.
Nikolai konnte den Geruch dieses Anisée nicht mehr ausstehen. Er hatte ungute Erfahrungen an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin (später als Humboldt-Universität zu Berlin bekannt) gemacht. Einer der Professoren hatte ihn kurz vor dem Deutsch-Französischen Krieg, bei der Diskussion über die Thermodynamik, mit diesem Absinth-Getränk bekannt gemacht. Während der ersten halben Flasche konnte er der Diskussion noch gut folgen, am nächsten Morgen wachte er jedoch am Ufer der Spree auf und wusste nicht mehr, wie er hergekommen war.
Er wusste, er würde sich keinen Pernod nehmen. Ihm war heute wirklich nach einem guten Rotwein. Er orderte beim Wirt eine kleine Karaffe des guten französischen Landweins und ein kleines Mahl. Nikolai freute sich auf die spätere Theateraufführung und sprach dem Wein schnell und kräftig zu. In solchen kleinen Bistros konnte er entspannen und sich auf den weiteren Abend freuen. Mit etwas Camembert schloss er seine Mahlzeit ab.