Ein kalter Pampero strich über die meerbusenartige Mündung des La Plata herüber und bewarf die Straßen von Montevideo mit einem Gemisch von Sand, Staub und großen Regentropfen. Man konnte nicht auf der Straße verweilen, und darum saß ich in meinem Hotelzimmer und vertrieb mir die Zeit mit einem Buche, dessen Inhalt sich auf das Land bezog, welches ich kennenlernen wollte. Es war in spanischer Sprache geschrieben, und die Stelle, bei welcher ich mich jetzt befand, würde in deutscher Übersetzung ungefähr lauten: »Die Bevölkerung von Uruguay und der argentinischen Länder besteht aus Nachkommen der Spanier, aus einigen nicht sehr zahlreichen Indianerstämmen und aus den Gauchos. ... Der Gaucho hat in seinem Charakter die wilde Entschlossenheit und den unabhängigen Sinn der Ureinwohner und zeigt dabei den Anstand, den Stolz, die edle Freimütigkeit und das vornehme, gewandte Betragen des spanischen Caballero. Seine Neigungen ziehen ihn zum Nomadenleben und zu abenteuerlichen Fahrten. Ein Feind jeden Zwanges, ein Verächter des Eigentums, welches er als eine unnütze Last betrachtet, ist er ein Freund glänzender Kleinigkeiten, welche er sich mit großem Eifer verschafft, aber auch ohne Bedauern wieder verliert«.
So stand geschrieben, was ich las. Ich war am frühen Nachmittag in Montevideo angekommen und kannte also das Land und seine Bewohner nicht im mindesten. Dennoch wagte ich einigen Zweifel gegen die Wahrheit des Gelesenen zu hegen. Zunächst besteht die Bevölkerung, von welcher die Rede war, nicht nur aus Gauchos, Indianern und Nachkommen der Spanier. Es sind auch Engländer, Deutsche, Franzosen und Italiener zu Tausenden, ja Zehntausenden vorhanden, die Schweizer, Österreicher und viele andere gar nicht gerechnet.
Der Pampaswind hatte nachgelassen, und auf den Straßen entwickelte sich das rege Leben einer bedeutenden Hafenstadt von neuem. Ich wollte mir dasselbe betrachten und zu diesem Zwecke einen Ausgang machen.
In Montevideo gibt es keine Restaurationen in unserem Sinne. Die Kaffeehäuser taugen nicht viel, ganz abgesehen davon, dass man da nicht Kaffee, sondern Mate, das ist Paraguaytee, zu trinken bekommt. Besser sind die sogenannten Confiterias, in denen man feines Gebäck, Eis und dergleichen genießt. Ich schlenderte gemütlich durch die Straßen und ging in Richtung Hafen.
Ein Glockenton machte mich darauf aufmerksam, dass ich mich in der Nähe der Kathedrale befand. Auf meine Erkundigung erfuhr ich, dass man sich jetzt zum täglichen Ave Maria de la noche in die Kirche begebe, und ich schloss mich den des Gebets bedürftigen Leuten an. Der hohe, licht durchflossene Raum war von so vielen Gläubigen besucht, daß die Gemeinden mancher europäischen Hauptstädte sich ein Beispiel daran nehmen könnten. Ein gemischter Chor mit Orgelbegleitung tönte von dem Chor herab. Die Sänger waren ziemlich gut geschult, aber der Organist war ein Spieler fünften oder sechsten Ranges. Er verstand das Registrieren nicht und griff sogar sehr häufig fehl. Die Orgel ist mein Lieblingsinstrument. Ich stieg hinauf, um mir den Mann, welcher die weihevolle Komposition von Palestrina so verdarb, einmal anzusehen. Der Kantor stand dirigierend vorn am Pulte. Der Organist war ein kleines, dünnes, bewegliches Männchen, dessen Gestalt unter den mächtigen Prospektpfeifen noch kleiner erschien, als sie war. Als er sah, dass ich, an der Ecke des Orgelgehäuses lehnend, ihn beobachtete, kam ihm sichtlich die Lust, mir zu imponieren. Er zog schleunigst Prinzipal und Kornett und einige sechzehnfüßige Register dazu. Das gab natürlich einen Lärm, welcher die Vokalstimmen ganz verschlang. Dennoch erhielt er von dem Dirigenten keinen Wink. Das Kirchenstück wurde in dieser Weise bis zu Ende gesungen. Dann kam ein kurzes Vorspiel, welches aus einem verunglückten Orgeltrio auf zwei Manualen und dem Pedal bestand und in eine mir so bekannte und liebe Melodie leitete. Leider aber hatte der Organista oben Vox angelica, Vox humana, Aeoline und Flauta amabile gezogen und dazu für die Bässe die tiefsten und stärksten Register, sodass die schöne Melodie wie ein Bächlein im Meere der Bässe verschwand. Das konnte ich unmöglich aushalten. Mochte der biedere Orgelschläger mich meinetwegen dafür mit ewiger Blutrache verfolgen, ich huschte zu ihm hin, schob die volltönenden Stimmen hinein und registrierte anders. Er blickte mich erst erstaunt und dann freundlich an. Mein Arrangement schien ihm besser zu gefallen als das seinige. Nach dem dritten Verse trat der Priester zum Altare, um ein Gebet vorzulesen. Dies benutzte der Organista zu der leisen Frage an mich: »Spielen Sie auch die Orgel, Señor?«
»Ein wenig«, antwortete ich ebenso leise. Sein kleines, dünnes Gesicht glänzte vor Freude. »Wollen Sie?« nickte er mir einladend zu.
»Welche Melodie?«
»Ich schlage sie Ihnen auf und das Gesangbuch dazu. Es sind nur drei Verse. Sind Sie hier bekannt?«
»Nein.«
»So winke ich Ihnen, wenn Sie anfangen sollen. Erst ein schönes, liebliches Vorspiel; dann die Melodie recht kräftig, mit leisen Zwischenspielen und endlich nach dem dritten Verse eine Fuge mit allen Stimmen und Kontrapunkt. Wollen Sie?«
Wie ich gespielt habe, das ist hier Nebensache. Ich bin keineswegs ein fertiger Spieler, und ob mein ›Kontrapunkt‹ Gnade vor einem Kenner gefunden hätte, bezweifle ich mit vollstem Rechte. Aber man war die Kunst des kleinen Organista gewöhnt, und so fiel mein Spiel auf. Im Schiffe der Kirche standen nach dem Gottesdienste die Leute noch alle und oben der Kantor, der Organista und sämtliche Sänger um mich her. Ich musste noch eine Fuge zugeben und erklärte aber dann, dass ich fort müsse. Der Organist legte sein Ärmchen in meinen Arm und schien sich meiner bemächtigen zu wollen. Er führte mich unten durch die neugierig wartende Menge und erklärte, als wir vor der Kathedrale anlangten, dass ich unbedingt mit ihm gehen und zu Abend bei ihm und seiner Familie speisen müsse. Es gäbe leckeren Wein und sein Schwiegersohn würde das Bandoneon spielen. Bestimmt könnte ich auch mit seiner Tochter den Tango tanzen.
Ich verbrachte einen sehr schönen Abend in Montevideo, aber die Arbeit verlangte, dass ich morgen früh weiter musste. Ein Guide sollte mich am nächsten Morgen abholen und ins Office geleiten.