Ja, meine Arbeit begann heute wieder um 4 Uhr 30. Eigentlich bin ich ja kein Frühaufsteher, aber hier in den Rockies darfst du als Holzfäller nicht zu lange schlafen, sonst verdienst du kein Geld. Du merkst es ja selbst, jetzt während der Erntezeit steigen die Temperaturen schnell auf über 30 °C. Da wird die Arbeit zur Plackerei; vor allem dann, wenn du mit dieser verdammten, kiloschweren Ausrüstung unterwegs bist. Manche dieser Hänge haben eine Steigung von bis zu 40 Grad, du musst aufpassen, sonst rutschst du aus und landest unten - und kennst nicht sicher sein, dass du gesund unten ankommst. Ich merke so langsam wird die Arbeit anstrengend, nächstes Frühjahr will ich lieber drüben im Nordwesten von Ontario arbeiten.
Das liegt auch näher an Winnipeg, dort lebt Sandy - meine schottische Schönheit. Wie gefällt dir ihr Foto? Glaube mir, ihre Oberweite macht dich glücklich. Ich verbrachte schon so manche laue Frühjahrsnacht am Manitoba-See und konnte meinen Kopf auf ihren weichen Brüsten betten.
Los komm jetzt, der Baum muss heute noch dran glauben, sonst lohnt sich der Tag nicht.
... wenn ihr am Freitag am Lagerfeuer sitzt und gerade niemand etwas erzählt, hörst du plötzlich ein Singen, sehr leise und vermutlich von weit weg - vom Wind hergetragen. Dir stellen sich die Nackenhaare auf. Es klingt sehr unnatürlich. Spielen Dir deine Nerven nur einen Streich? Frag die anderen, ob sie es auch hören…
Jetzt sind 14 Tage vergangen, seit mein jüngster Sohn Ben verschwunden ist. Ich schlafe kaum noch und falls ich doch einmal einschlafe, plagen mich - wie damals - schreckliche Alpträume. Kurz vor dem Labour Day war er weg. Sein Bett war morgens am 1. September plötzlich leer und wir konnten ihn nicht finden.
In meinen Träumen fielen mir die schrecklichen Ereignisse vom September 1926 wieder ein. Ich hatte sie doch längst vergessen geglaubt. Ganze drei Jahre lang hatte ich mich damals mit Morphium, Tabak und Alkohol davor gedrückt, an die blutige Zeit im Wald von Mystery Mountain zu denken.
Alle meine Kameraden waren tot, ich bin als einziger davon gekommen. Jahrelang konnte ich mit niemandem darüber reden. 1930 traf ich dann eine Frau, mit der ich mich wieder in Manitoba niederlassen konnte. Ich heiratete meine Ruth und schaffte es, die damaligen Ereignisse zu vergessen - zumindest zu verdrängen.
1933 am 30. Januar kam Ben zur Welt. Am 15. September 1935 dann Sophie, unsere Tochter. Mit Sandy, meiner ersten Frau, hatte ich zwei Jungs, die jetzt aber ihre eigenen Wege gehen. Ich hatte inzwischen wieder Arbeit bei der Royal Canadian Railway gefunden und war nun zum Vorarbeiter aufgestiegen.
Seit damals sind ziemlich genau 13 Jahre vergangen. Ich kann mich nicht mehr an alles erinnern; die Ereignisse jagen mir jedoch noch heute einen Schrecken ein. Aber eines weiß ich, es war ein herrlicher September morgen und wir bekamen von Jenkins den Auftrag, Fleisch zu machen. Zu siebt, gingen wir in Richtung Mystery Mountain, dort sollten wir ein oder zwei Tage jagen und mit gutem Fleisch zurück ins Holzfällercamp kommen. Es hatte sich hoher Besuch angesagt. Ein Journalist, der eine Reportage über unser Camp machen wollte, sollte gut bewirtet werden.
Ich freute mich auf die Abwechslung. Meine Verletzung am Rücken, die ich mir im August zugezogen hatte, wollte nicht ganz verheilen und die harte Arbeit als Holzfäller fiel mir immer schwerer. Mit drei Mulis - um die sich Miller kümmern sollte, gingen wir los. Den Weg könnten wir nicht verfehlen. Am frühen Nachmittag trafen wir auf eine Gruppe Boy-Scouts - sie waren froh gestimmt und gingen singend und pfeifend durch die Wälder.
Je weiter wir in Richtung Mystery Mountain kamen, desto bedrückter kam mir die Stimmung unserer Gruppe vor. Der Wald wirkte schleimig und schmutzig, es gab keine Tiere zu jagen, geschweige denn zu sehen. Nur einmal konnten wir unser Jagdglück an drei Hasen versuchen - mit mehr Glück als Verstand - konnten wir mit Schrot einen kleinen Hasen erlegen, die anderen zwei flohen und wurden nicht wieder gesehen.
Der Hase schien schon bessere Tage erlebt zu haben, vermutlich wäre er sowieso am Abend infolge seines fortgeschrittenen Alters gestorben. Sein Fell war räudig - er war zäh wie Leder. In den Bäumen fanden wir komische Amulette, kleine, aus Holz geflochtene Figuren. Wir stritten darüber, ob die Boy-Scouts diese Amulette dort aufgehängt haben oder irgendjemand anderes. Sie schienen teilweise schon sehr lange Zeit dort gehangen zu haben.
Auch eine ca. 1,2 m große „Steinpyramide“ fanden wir. Ich habe schon so manchen Wegweiser oder so manches Mahnmal für einen Verstorbenen gesehen, aber dieses Ding … es gehörte hier nicht her … oder wir gehörten nicht her. Wir mussten weg; schnell weg.
Ich konnte es kaum erwarten, mich ans Lagerfeuer zu setzen. Die Gegend ließ mich frösteln. Wie üblich fing am Feuer jemand an, eine Schauergeschichte zum Besten zu geben. Aber die Geschichte der Indianer-Squaw, die halb aufgefressen wird, raubte mir den Schlaf. Ich wollte noch etwas Ruhe und entfernte mich etwas vom Lager. Eine Nacht im Wald kann furchteinflößend sein, aber diese Nacht war schrecklicher als alles, was ich zuvor erlebt hatte. Plötzlich hatte ich den Eindruck, ich werde von einem Mensch - kann es ein Mensch gewesen sein(?) - angegriffen. Es muss ein Mensch gewesen sein, die niedergedrückten Spuren im Gras und Gebüsch zeigten, dass es die entsprechende Größe gehabt haben muss und Bärenspuren fanden wir nicht.
Ich beschäftige mich mit Werken von Abdulkarîm Al-Dschîlî, einem Sufi, der im 14. Jh. gelebt hat und sich in seinen Werken auf Ibn Arabî bezieht. In einem ersten Schritt ging es darum, aus den Werken Al-Dschîlîs seine Weltanschauung zu rekonstruieren und für eine heute verständliche Art zusammenzufassen.