Mon cher Pierre,
Ich schreibe Dir mit schwerem Herzen. Während sich die Natur hier langsam aus dem eisigen Griff des Winters löst und die ersten Forsythien die Hänge des Yudalsan gelb färben, fühle ich mich geistig einsamer als je zuvor.
Ein Schüler zwischen den Welten
Min-Ho ist mir ein Rätsel, das ich nicht zu lösen vermag. Sein Fortschritt in der Grammatik ist geradezu unheimlich. Er liest nun die Briefe des Heiligen Paulus im lateinischen Original fast flüssig und korrigiert mich bisweilen in meinem eigenen Französisch, wenn ich vor Müdigkeit Fehler mache. Er artikuliert jedes r und jedes Nasale mit einer Präzision, die ihn in den Salons von Paris als Wunderkind erscheinen ließe. Doch ich fürchte, Pierre, dass ich nur seinen Geist geformt habe, während sein Herz mir entgleitet.
Der Schatten der Mudang
Vor zwei Nächten folgte ich ihm heimlich. Er glaubte mich schlafend, doch ich sah, wie er sich aus der Hütte stahl. Ich fand ihn am heiligen Baum im Tal, dort, wo die Schamanin, die Mudang, ihre Opfer darbringt. Zu meinem Entsetzen sah ich, wie er sich vor dem knorrigen Stamm verneigte und kleine Reiskuchen zwischen die Wurzeln schob – ein Opfer für die Berggeister.
Als ich ihn später zur Rede stellte, blickte er mich mit einer Kühle an, die mich erschütterte. „Père,“ sagte er in perfektem Französisch, „Euer Gott ist für den Himmel und das Jenseits. Aber die Geister des Yudalsan entscheiden darüber, ob meine Familie und Bekannten morgen mit vollen Netzen heimkehrt oder im Sturm ertrinken. Ich kann es mir nicht leisten, einen von beiden zu erzürnen.“ Es ist eine schmerzhafte Erkenntnis: Für ihn ist das Christentum eine weitere Schicht Philosophie, die er sich überstreift wie einen neuen Mantel, während darunter das alte, heidnische Blut unvermindert pulsiert.
Tanz oder Kampf? Das Taekkyon
Und es gibt noch etwas, das mich beunruhigt. Min-Ho verbringt nun viele Stunden im Wald mit einer Gruppe junger Männer. Sie üben eine sonderbare Kunst aus, die sie Taekkyon nennen. Es sieht aus wie ein Tanz – fließend, fast wiegend, begleitet von eigenartigen Lauten –, doch es ist ein Kampf. Ich sah ihn neulich: Seine Bewegungen waren von einer geschmeidigen Kraft, seine Beine schnell wie Peitschenhiebe.
Er sagt, es diene der „Ertüchtigung des Geistes“, doch ich erkenne darin einen Trotz, einen Stolz auf dieses Land, der keinen Platz für die Demut des Kreuzes lässt. Wenn er diese fließenden Bewegungen macht, wirkt er vollkommen eins mit der Erde von Mokpo – und meilenweit entfernt von der Sanftmut, die ich ihn zu lehren versuche.
Die Nachricht aus Busan
Die Unruhe im Land wächst. Berichte aus Busan besagen, dass die Japaner nun beginnen, Land zu vermessen. Die lokale Bevölkerung dort ist in Aufruhr. Hier in Mokpo reagieren die Menschen auf diese Bedrohung, indem sie sich noch fester an ihre alten Riten klammern. Mein Traum von der Schule auf Goha-do erscheint mir nun wie eine Einbildung meiner eigenen Eitelkeit. Was nützt eine Schule, in der man zwar Latein lernt, aber weiterhin den Geistern der Ahnen opfert?
Ich fühle mich wie ein Sämann, der auf Felsboden sät. Die Vögel des alten Aberglaubens picken die Körner auf, noch bevor sie Wurzeln schlagen können. Bete für mich, Pierre. Bete vor allem für Min-Ho, dass er erkennt, dass man nicht zwei Herren dienen kann – dem Herrn des Lichts und den Schatten des Yudalsan.
In Christo,
Ton Jean-Baptiste